Essay

Resilienz in Flip-Flops und Pyjamas

Israelis im Schutzraum Foto: imago/Xinhua

Ich flog nach Israel, um an einem akademischen Projekt zu arbeiten und mich gegen die BDS-Bewegung in der Schweiz zu engagieren. Die ersten Tage dort waren voller Leben: Sie bestanden aus langen Kaffeepausen, intensiven Vorträgen, lebhaften Gespräche und einem ziemlich großen Stapel Bücher, den ich verschlingen wollte.

Doch nach zwei Wochen änderte sich schlagartig alles.

Natürlich war mir bewusst, dass sich der Konflikt zwischen Israel und der Islamischen Republik Iran seit Jahren hochgeschaukelt hatte. Die nuklearen Ambitionen des Iran, sein von ihm gesteuertes Netzwerk terroristischer Gruppen in der Region, sein Raketenprogramm und die unverhohlene und offensichtliche Feindseligkeit waren seit langem eine Quelle von Spannungen. Doch zu keinem Zeitpunkt dachte ich, dass es ausgerechnet während meines Aufenthalts in Israel zu einer dramatischen Eskalation kommen würde.

So sitze ich nun in Tel Aviv in meiner Wohnung fest. Tel Aviv bezeichnet sich ja selbst als »Stadt, die niemals schläft«. Aber normalerweise ist damit etwas anderes gemeint. Jetzt wird mein Schlaf vom Schrillen lauter Sirenen unterbrochen.

Ständige Alarmbereitschaft

Auch wenn ich die Erfahrung nicht romantisieren möchte, fühle ich mich Israel noch näher als zuvor. Vermutlich ist es eine Art Verbundenheit, die mit kollektivem Stress einhergeht.

Wie meine neuen Nachbarn bin auch ich an mein Smartphone gefesselt. Ständig scanne ich es nach Warnmeldungen. Die Benachrichtigungen sagen einem, wann man in der Nähe eines Schutzraums bleiben soll. Manchmal sind es nur 90 Sekunden oder noch weniger, die einem bleiben, um sich in Sicherheit zu bringen.

Wenn die App abstürzt, was auch vorkommt, bekommt man Herzrasen. Obwohl man in ständiger Alarmbereitschaft ist, vergeht die Zeit wie im Flug. Auch nachts, wenn Explosionen die Stille jäh durchbrechen.

Meine Schuhe stehen immer neben dem Bett. Die Haustüre bleibt unverschlossen, damit Fremde bei Angriffen Schutz finden können. Im unterirdischen Schutzraum herrscht eine seltsame Intimität. Der Raum ist zwar aus grauem Beton und er ist sicher nicht zum Wohnen gedacht. Aber unter Beschuss wird er zu mehr als nur einem Schutzraum. Man spürt dort eine Gemeinschaft der besonderen Art.

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Während über uns der ohrenbetäubende Krach der Explosionen zu hören ist, fange ich an, die Menschen, mit denen ich gerade im Aufzug stand, genauer wahrzunehmen. Der Nachbar ist nicht mehr nur der Mann, der mit zunickt. Er ist jetzt der Vater von zwei Kindern, ein politischer Linker, vielleicht ein Kettenraucher. Man findet heraus, wer daran gedacht hat, Snacks mitzubringen, wer leicht in Panik gerät oder stoisch bleibt. Manche bestehen darauf, das Radio einzuschalten, um jeden Bericht zu hören, andere sind in sich gekehrt.

Ein älteres Ehepaar, bestimmt schon über 80, will immer nebeneinander sitzen. Die beiden sagen nicht viel. Auf dem Weg nach unten und wieder nach oben halten sie sich an den Händen, lassen einander nicht los, auch nach Jahrzehnten der Ehe nicht.

Eine Frau kommt mit zwei Hunden. Einer von ihnen ist sichtlich nervös. Der andere legt sich zu Ihren Füßen, reibt sich an ihrem Bein und fordert mit großer Autorität Zuwendung ein.

Pro und kontra Netanjahu

Es gibt im Schutzraum auch eine französische Familie. Sie hat vor einigen Jahren Alija gemacht und ist sehr religiös. Benjamin Netanjahu wird von ihr in den höchsten Tönen gelobt. Für sie ist er ein Held und praktisch unfehlbar. Frankreich, so sagen sie, sei hingegen am Ende, und Europa werde bald seine Juden los sein. Ihre Ansichten sind nicht meine und klingen beunruhigend. Aber sie sind freundlich zu mir.

Unter den Schutzsuchenden ist auch ein bekannter internationaler Journalist. Er kritisiert die Regierung scharf, bezeichnet Benjamin Netanjahu als korrupt und die dysfunktionale Koalition des Premiers als Truppe von Gaunern und Fanatikern. Dennoch unterstützt auch er die israelischen Angriffe auf den Iran. Es stehe zu viel auf dem Spiel für die Politik, sagt er. Eines Abends kommt er im Anzug in den Schutzraum. Er hat gerade mehrere Fernsehinterviews absolviert. Bescheiden, wie er ist, erwähnt er das vor den anderen Anwesenden nicht.

Dann ist da eine ehemalige Meretz-Aktivistin. Sie macht gerade einen Doktor in den Fachbereichen Kunst und Technologie – eine typisch israelische Kombination. Sie habe einmal gegen den recht gemäßigten Yitzhak Rabin protestiert, erzählt sie mir mit einem Lächeln und einem Seufzer. Bald will sie auswandern, nach Paris. Dort werde ihre Arbeit mehr geschätzt, glaubt sie. Es ist nicht nur die Politik, die die Menschen zum Weggehen bewegt. Persönliche Ambitionen sind auch wichtig.

Zwei Teenager kommen immer mit Rucksäcken. Sie verbringen ihre ganze Zeit im Obdachlosenheim mit Computerspielen. Anscheinend ticken Jugendliche überall auf der Welt gleich.

Fähigkeit zur Gemeinsamkeit bleibt bestehen

Trotz dieser gegensätzlichen Identitäten – links, rechts, religiös, säkular, aschkenasisch, orientalisch, Einwanderer, Einheimische: Im Schutzraum ist die soziale Hierarchie für einen Moment lang eingeebnet. Denn die Bedrohung von außen ist für alle dieselbe.

Wir drängen uns zusammen, tauschen Neuigkeiten aus, diskutieren die neuesten Entwicklungen oder sitzen einfach schweigend da. Einige essen, andere erzählen Geschichten. Manche sind noch im Halbschlaf, andere sind hellwach. Irgendjemand schaltet immer das Radio ein.

Die schweizerisch-britische Menschenrechtsexpertin Joëlle Fiss ist Mitglied des Großen Rates (Parlaments) des Kantons Genf. Anfang der 2000er Jahre war sie Präsidentin der European Union of Jewish Students (EUJS).

Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn sie sich so häufig wie die israelische auf einen Krieg vorbereiten muss? Wie schafft man etwas Normalität in einer Notsituation?

Letztendlich bestätigt meine Erfahrung das Klischee über Israel: Es ist ein Land mit unglaublich vielen Widersprüchen und mit einer Vielfalt, die den Zusammenhalt völlig untergraben könnte und dies oft auch tut. Die Politik ist brutal, das Vertrauen ist gering, die Gemüter sind oft erhitzt.

Aber wenn es hart auf hart kommt, dann geschieht etwas Bemerkenswertes: Die Meinungsverschiedenheiten werden ausgeblendet. Nicht komplett und nicht lange, aber zumindest für den Moment.

Die Resilienz, die sich hier manifestiert, ist nicht laut oder heroisch. Sie ist zurückhaltend, eingeübt. Sie zeigt sich in Flip-Flops und Pyjamas, mit Thermoskanne in der einen Hand und Hundeleine in der anderen. Israel ist gespalten, aber nicht zerbrechlich, die Erfahrung in den Schutzräumen spiegelt dies wider. Unter dem Lärm und dem Zynismus bleibt die Fähigkeit erhalten, gemeinsam dem Beschuss zu widerstehen.

Als die Entwarnung kommt, schlurfen alle wieder hinaus. Die Jüngeren lassen die Älteren vor, auch wenn das alles verlangsamt. In einer Gesellschaft, die für ihre Ungeduld bekannt ist, finden wir mitten in der Nacht irgendwie doch die Zeit dafür.

Jemand sagt immer dieselben Worte und spricht dabei aus, was alle denken: »Bis in ein paar Stunden! Passt auf euch auf!«

Dieser Beitrag wurde zuerst in englischer Sprache von der israelischen Tageszeitung »Jerusalem Post« veröffentlicht. Wir danken für die freundliche Genehmigung zur Reproduktion.

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