Er stand im Mittelpunkt. Wenn die Menschen in den späten 80er-Jahren in Tel Aviv über die Boulevards flanierten, machten sie fast alle am Dizengoff-Platz halt. Dort stand ein Kunstwerk von Yaacov Agam wie eine überdimensionale fünfstöckige Torte in kunterbunten Farben, sprühte Feuer und Wasser und drehte sich zu klassischer Musik. Vielleicht war dies nicht für jeden Geschmack etwas, doch die Israelis liebten ihren Agam. Der Brunnen wurde zum Wahrzeichen der Stadt.
Die zu festgelegten Zeiten aktivierten Wasserstrahlen, tosenden Flammen und Lichteffekte kreierten ein sich ständig wandelndes Element mitten im städtischen Raum – genau so, wie es der Vision von Agam entsprach. Ihm selbst konnte es gar nicht bunt genug sein. Er liebte Farben über alles. Wenn sich dazu noch etwas drehte und bewegte, war Agam ganz in seinem Element. Kunst sollte nach seiner Auffassung »nicht statisches Objekt sein, sondern fortwährendes Erlebnis, das durch eine Begegnung von Werk, Raum und Betrachter entsteht«. Am 21. Juni ist der Künstler im Alter von 98 Jahren in Israel gestorben.
Geboren wurde Yaacov Agam 1928 als Spross einer religiösen Familie
Geboren wurde Agam 1928 als Yaacov Gibstein in der Kleinstadt Rischon LeZion als Spross einer religiösen Familie. Er studierte an der Hochschule für Bildende Künste Bezalel in Jerusalem und bildete sich anschließend in Europa künstlerisch weiter. Später erzählte er, dass er zu dieser Zeit in bitterer Armut lebte und Material für seine Arbeiten in Mülltonnen sammelte. Eine Begegnung mit einem Pariser Künstler führte zur ersten Ausstellung Yaacov Agam – Kunst in Bewegung. Es war der Beginn einer großen Karriere. Ab den 50er-Jahren wurden die Werke in weltweit führenden Museen ausgestellt, darunter dem Guggenheim in New York und dem Centre Pompidou in Paris.
Doch vor allem in Israel hinterließ der Pionier der kinetischen Kunst Spuren: Neben dem »Feuer und Wasser«-Brunnen gestaltete er die »Jakobsleiter« im Jerusalemer ICC-Kongresszentrum und die bunte Fassade des Dan-Hotels an der Strandpromenade von Tel Aviv. Hier entwarf er eine geometrische Farbkomposition, die sich je nach Tageszeit den Bewegungen der Passanten und den Lichtspielen auf dem Meer verändert. Über die Jahre wurde das Hotel in den leuchtenden Farben zu einem beliebten Fotomotiv und untrennbarem Bestandteil der Skyline.
Besonders das Verhältnis zwischen Kunst, Architektur und Städteplanung untersuchte Agam immer wieder neu. Wie bei einem Wohnkomplex in Ramat Aviv, der durch seine bunte Gestaltung der Außenwände aus anderen Häusern im Land heraussticht. Fans von Form und Farbe freuen sich bis heute, eine Wohnung in dem Gebäude ergattern zu können. Diese Verbindung prägte auch Agams internationales Schaffen und führte dazu, dass seine Gestaltungen in Metropolen in Europa, Asien und Amerika installiert wurden.
Er zählt zu den wenigen israelischen Künstlern, die weltweit öffentliche Räume gestalteten
Yaacov Agam zählt zu den wenigen israelischen Künstlern, die weltweit öffentliche Räume gestalteten. Eines seiner bekanntesten Werke ist der kinetische Brunnen »La Fontaine« auf der Plaza de la Défense in Paris, in dem sich seine Farbkompositionen im Wasser widerspiegeln.
Op-Art Anfang dieses Jahres erhielt er die höchste zivile Auszeichnung seiner Heimat, den Israel-Preis. Sein Schaffen sei ein 70 Jahre währender Beitrag zur israelischen und internationalen Kunst, begründete das Komitee die Verleihung. »Agam sprengte die Grenzen der bekannten plastischen Kunst und schuf neue Ausdrucksformen der Kinetik und der Op-Art.«
In seiner Geburtsstadt steht sein wohl größtes Werk: das Agam-Museum. Ganz und gar dem Rausch der Farben und steten Bewegung gewidmet, zeigt es eine Retrospektive aus mehr als sieben Jahrzehnten. Rischon LeZions Bürgermeister Raz Kinstlich nannte Agam einen »der größten und angesehensten Künstler seiner Generation«. Er sei stolz darauf, mit ihm persönlich das Museum gegründet zu haben. »So konnten wir ihm noch zu Lebzeiten unsere Liebe und große Wertschätzung beweisen.«
Für sein Schaffen erhielt Agam nicht ausschließlich Lob
Allerdings erhielt der Künstler nicht ausschließlich Lob für sein Schaffen. Zu teuer sei die Instandhaltung der bunten Installationen im öffentlichen Raum, lautete eine Kritik. Ein jahrelanger Streit zwischen Agam und der Stadtverwaltung Tel Aviv steht symbolisch dafür. Der Künstler argumentierte, die Änderungen am »Feuer und Wasser«-Brunnen hätten »die Integrität des Werkes und seine künstlerische Vision beeinträchtigt, und er sei der Öffentlichkeit in einer unvollständigen Version« zurückgegeben worden. Die Verwaltung erklärte, die Entscheidung sei aus Gründen der Sicherheit, der Instandhaltung und des Budgets getroffen worden.
Zwar steht die Skulptur am Dizengoff-Platz noch heute, allerdings ohne Agams Markenzeichen, die vielen Farben. Sie ist ganz in silbrigem Metall gehalten und hat, zum Missfallen des Künstlers, kaum mehr etwas mit dem ursprünglichen Design gemein.
Bis heute ist der Disput ungelöst. Doch vielleicht ist gerade dies Agams Vermächtnis. So prägt seine Idee von einer Kunst in Bewegung den städtischen Raum auch weiterhin. Denn für ihn sollte sein Werk niemals anhalten und immer im Mittelpunkt stehen.