Israel

Schönheit mit Narben

Rasante Rhythmen, coole Mode, stolze Gesichter, begeisterter Ap­plaus, große Emotionen. Die Fashion Show auf dem Bialikplatz im Zentrum von Tel Aviv war ein voller Erfolg. Obwohl im Spotlight dieses Abends keine klassisch hübschen Models standen, sondern Kämpfer mit Kriegsverletzungen – Schönheit mit Narben. Auf dem Laufsteg rund um den Platz und den Brunnen präsentierten Soldaten mit unterschiedlich schweren Verwundungen die Designs. Die Schau symbolisierte den Übergang vom Atelier auf die Straße und von einer akademischen Idee in den lebendigen öffentlichen Raum.

Das Projekt »Morphose« des Shenkar College und der Stadt Tel Aviv-Jaffa stellt die im Krieg verletzten Soldaten ins Zentrum der Modewelt. Gemeinsam mit Designstudierenden wurden Kleidungsstücke entwickelt, die auf die veränderten körperlichen Bedürfnisse und persönlichen Geschichten zugeschnitten sind. Es entstand Kleidung, die Verletzungen nicht verbirgt, sondern sichtbar macht. Für jeden Teilnehmer entstand ein funktionales Alltags-Outfit sowie ein ausdrucksstärkeres Design für den Laufsteg.

Ein Konzept, das aus einer tiefen menschlichen Begegnung zwischen Studierenden und Soldaten entstand

Geleitet wurde der Kurs von Maya Erazi, Tamar Mani und Helen Suprin. Für die künstlerische Leitung war Shenkar-Absolvent Ben Schnefer verantwortlich. Ilan Bazhe, Leiter der Fakultät für Modedesign, erklärt: »Morphose ist ein Konzept, das aus einer tiefen menschlichen Begegnung zwischen Studierenden und Soldaten entstand. Es war der Wunsch zu erforschen, wie Mode auf einen sich verändernden Körper reagiert und physische wie emotionale Bedürfnisse in eine neue gestalterische Sprache übersetzen kann.« Denn Design bedeute seiner Meinung nach nicht nur Ästhetik, sondern auch Verantwortung, Zuhören und die Fähigkeit, Zugehörigkeit und Sichtbarkeit zu schaffen.

Moti Reif, Verantwortlicher für gesellschaftliche Resilienz und soziale Gleichheit im Stadtrat von Tel Aviv, beschreibt Morphose als »genau die Idee, die uns daran erinnert, worin die wahre Kraft von Mode, Kultur und Urbanität liegt. Nicht nur Schönheit zu präsentieren, sondern Menschen wirklich zu sehen«.

Amitai, einst Kämpfer der Eliteeinheit Maglan, wurde am 10. November 2023 bei einer Sprengstoffexplosion im Gazastreifen schwer verwundet. Er verlor beide Beine, zudem ist sein Sehvermögen seitdem beeinträchtigt. Trotz langer und kräftezehrender Rehabilitation gab er nicht auf: Heute ist der 25-Jährige paralympischer Tennisspieler, Marathonläufer und Motivationsredner. In seinen Vorträgen spricht er über seinen Lebensweg und die Kraft, nach einschneidenden Erfahrungen neue Entscheidungen zu treffen. Tennis bezeichnet er als eine bewusste Wahl: »Es ist das einzige Spiel, bei dem ich auf Augenhöhe mit meinen nicht-verwundeten Freunden spielen kann.«

»Amitais Outfit wurde vom B-2-Tarnkappenbomber inspiriert und spiegelt seine Stärke und Widerstandskraft als international erfolgreicher Marathonläufer wider«, tönt es durch den Lautsprecher, als er mit Gehhilfen in einem dunkelblauen Anzug über den Catwalk läuft. Die Menge springt von den Sitzen auf und jubelt ihm zu. Amitai strahlt.

Er habe sich nie Gedanken darüber gemacht, was Kleidung ausdrückt oder symbolisiert.

Dabei habe er sich nie Gedanken darüber gemacht, was Kleidung ausdrückt oder symbolisiert, sagt er im Anschluss. Die Teilnahme habe seinen Blick jedoch verändert. Vor allem durch die Zusammenarbeit mit der Designerin Adele Buchta verstand er, »dass Kleidung viel bequemer und funktionaler sein kann, als ich dachte«. Stoffe, Schnitte und Materialien nehme er heute bewusster wahr.

Die Verletzungen prägen seinen Alltag

Die Verletzungen prägen seinen Alltag. Amitai trägt fast immer kurze Hosen, selbst im Winter. »Mir ist ja nicht kalt an den Beinen«, sagt er und schmunzelt. Zugleich hat die Sichtbarkeit seiner Prothesen einen praktischen Grund: »Wenn Menschen meine Verletzung nicht sehen, verstehen sie oft nicht, warum ich langsamer gehe oder mehr Platz brauche. Wenn ich eine lange Hose trage, werde ich leichter angerempelt und kann stürzen. Deshalb ist es für mich sicherer, wenn die Prothese sichtbar ist.«

Doch Kleidung ist mehr als praktische Notwendigkeit. Sie ist auch Ausdruck von Würde und Selbstachtung. »Ich glaube, dass Menschen mit schweren Verletzungen oder Behinderungen oft das Bedürfnis haben, gepflegt und ordentlich aufzutreten«, ist er überzeugt. »Durch die Mode möchte ich ausdrücken: Ich bin immer noch da. Ich bin präsent. Ich schätze mich selbst.«

Natanel, ein sogenannter Lone Soldier aus New York, wurde gefragt, ob er teilnehmen möchte, während er im Krankenhaus lag. »Ich dachte: ›Warum nicht?‹ Schließlich bin ich verletzt, und es könnte etwas sein, das mich hier herausholt.« Für ihn war es eine Möglichkeit, gerade wegen seiner Verwundungen neue Dinge auszuprobieren. Die Arbeit der Designerin Naama Sharon hat ihn sehr beeindruckt. »Sie hat die gesamte Kleidung auf meine persönlichen Einschränkungen abgestimmt.«

Auch für den 22-Jährigen ist das Projekt mehr als nur Mode: »Es hat mir gezeigt, dass auch nach einem so schweren Einschnitt im Leben neue Erfahrungen möglich sind und dass Kleidung helfen kann, den eigenen Körper und die veränderte Lebenssituation neu anzunehmen.«

»Durch die Mode möchte ich ausdrücken: Ich bin immer noch da. Ich schätze mich selbst.«

Amitai (25)

Alon hörte zum ersten Mal von Morphose, als er in der Rehabilitation im Sheba-Krankenhaus war. Damals sah er, wie sich andere verwundete Soldaten einschrieben und war neidisch. »Ich wollte auch dabei sein.« Anderthalb Jahre später wird dieser Wunsch Wirklichkeit, als er lachend und winkend über den Catwalk schreitet. Auch sein Auftritt in blau-rotem Windbreaker und roter Hose wird mit tosendem Applaus bedacht.

Eng geschnittene Kleidungsstücke wurden plötzlich zu einer Herausforderung

Der 29-Jährige wurde im Krieg schwer verletzt. Sein Bein sollte ursprünglich amputiert werden, konnte jedoch gerettet werden, ein Arm ist stark verletzt. Auch bei scheinbar simplen Tätigkeiten wie dem Anziehen ist er eingeschränkt. »Früher habe ich jeden Tag Jeans getragen, aber seit meiner Verletzung habe ich keine mehr angezogen«, erzählt er. Harte Stoffe, Knöpfe, Reißverschlüsse oder eng geschnittene Kleidungsstücke seien plötzlich zu einer Herausforderung geworden.

Mit Mode habe er sich vor seiner Verwundung ohnehin kaum beschäftigt. »Meine Frau hat ständig mit mir geschimpft«, erzählt er und zwinkert. Ihrer Meinung nach sah er zu schludrig aus. Das habe sich inzwischen geändert. Die Kooperation mit der Modehochschule hat seinen Blick auf Kleidung grundlegend verändert. »Heute weiß ich, dass Kleidung nicht einfach etwas ist, das man sich überwirft. Sie hat vielmehr mit meiner Persönlichkeit zu tun.«

»Es entstanden Kleidungsstücke, die speziell auf Alons Bedürfnisse zugeschnitten sind«, sagt Designerin Tamara Zarbiv. »Knöpfe wurden durch Magnete ersetzt, Hosen mit elastischen Bündchen versehen, Jacken lassen sich mit wenigen Handgriffen schließen. Auch wandelbare Kleidungsstücke wurden entworfen: Aus einem T-Shirt wird ein ärmelloses Oberteil, aus einer langen Hose eine Bermuda.«

Zarbiv beobachtete, wie Alon mit der Zeit immer selbstbewusster wurde und sich zunehmend für die Entwürfe begeisterte. »Die Modewelt ist verrückt«, meint er, »sie beginnt und endet nicht einfach bei einem Kleidungsstück. Sie ist so viel mehr.« Die Monate des Projekts hätten ihm gezeigt, dass Kleidung Teil der eigenen Identität und des Heilungsprozesses sein kann. »Heute ist mir wichtig, wie ich aussehe. Aber das tue ich für mich.«

Es sei ihm immer noch gleichgültig, was andere über ihn denken, entscheidend sei das eigene Empfinden. »Die Art, wie man sich nach außen präsentiert, beeinflusst auch das Innere, das habe ich verstanden«, sagt er und zeigt an sich herunter. »Und in diesen Klamotten fühle ich mich einfach richtig gut.«

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