Heute kann Ilana Gritzewsky auch wieder lächeln. Doch das dauerte sehr lange. Denn sie überlebte ihre Entführung, die Zerstörung ihrer Gemeinde, körperliche und sexuelle Gewalt und zwei Jahre Warten auf die Rückkehr ihres Liebsten – oft ohne zu wissen, ob er überhaupt noch am Leben ist. Ilana Gritzewsky und Matan Zangauker waren israelische Geiseln der Hamas.
Am 30. November 2023 kam die gebürtige Mexikanerin im Rahmen des ersten Waffenstillstandsabkommens zwischen Israel und der Hamas frei. Ihr Lebensgefährte wurde noch fast zwei weitere Jahre in den Tunneln unterhalb Gazas festgehalten. Heute sind die beiden wiedervereint und verlobt. Aber sie Ilana Gritzewsky macht klar: »Die Menschen sehen mein Gesicht und denken, ich sei frei. Aber Freiheit ist kein Schalter, den man einfach umlegen kann. Traumata verschwinden nicht mit der Freilassung.«
Am Dienstag sprach die 32-Jährige vor dem UN-Menschenrechtsrat in Genf, um die UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen wegen ihrer Verharmlosung der sexuellen Gewalt gegen die Opfer vom 7. Oktober 2023 zur Rede zu stellen. »Ich bin sehr nervös«, sagte Gritzewsky vorher. »Jedes Mal, wenn ich spreche, reißen die Wunden vor den Augen der Menschen wieder auf.«
Die ehemalige Geisel schildert ihre persönlichen Erlebnisse
»Ihr Bericht spricht von Gewalt gegen Frauen. Warum wird die Hamas nicht erwähnt?«, fragte Gritzewsky die Sonderberichterstatterin Reem Alsalem direkt. Sie warf ihr vor, im Hinblick auf die jüdischen Opfer sexueller Gewalt während und nach dem 7. Oktober »Schweigen und Leugnen« gewählt zu haben. »Ich stehe heute hier – nicht als Berichterstatterin, nicht als Statistik. Ich bin eine Überlebende. Ich bin der lebende Beweis für die sexuelle Gewalt der Hamas.«
Alsalem, die in Ägypten geboren wurde, in Jordanien lebt und zuvor bei den Vereinten Nationen gearbeitet hat, ist Juristin. In der Sitzung am Dienstag eröffnete sie mit der Schilderung eines Besuchs in Kuwait, um sich über die Fortschritte bei den Frauenrechten dort zu informieren. »Sie leisten hervorragende Arbeit«, kommentierte sie.
Während Gritzewskys Ausführungen Alsalem die Israelin nicht an, sondern starrte auf den Bildschirm vor ihr. Doch Gritzewsky wandte sich direkt an die Sonderberichterstatterin: »Warum haben Sie geschwiegen, als ich, eine andere israelische Frau, flehte, nicht vergewaltigt zu werden? Bitte sehen Sie mich an. Glauben Sie uns jetzt? Werden Sie sich entschuldigen?«
Gritzewsky hatte bereits im August 2025 den UN-Sicherheitsrat besucht, um ihre persönliche Geschichte als ehemalige Geisel zu erzählen. Bei diesem Besuch berichtete sie, dass sie auf dem Weg nach Gaza das Bewusstsein verlor, als ihre Entführer begannen, sie zu berühren und sexuell zu missbrauchen. Sie wachte nackt auf Felsen auf, umringt von Hamas-Terroristen. Um weitere Übergriffe zu verhindern, sagte sie ihnen, sie habe ihre Periode. Daraufhin warfen sie ihr einen Hidschab zu.
Ilana Gritzewsky: »Ich wachte halbnackt auf, sieben Terroristen standen über mir, und ich wusste nicht, was in diesen verlorenen Augenblicken mit mir geschehen war.«
Doch die UN-Sonderberichterstatterin bestreitet Massenvergewaltigungen beim Hamas-Massaker. Im November 2025 erklärte sie: »Keine unabhängige Untersuchung hat ergeben, dass am 7. Oktober Vergewaltigungen stattfanden.« Und das, obwohl sogar ein UN-Bericht die Anwendung sexueller Gewalt durch die Hamas während des Massakers vom 7. Oktober detailliert dokumentiert hatte.
Alsalem schrieb außerdem: »Kein Palästinenser hat Vergewaltigungen in Gaza bejubelt«, während eines Austauschs in den sozialen Medien über den Rechtsstreit gegen Soldaten, die beschuldigt wurden, eine palästinensische Gefangene im Gefängnis Sde Teiman sexuell missbraucht zu haben. Im April bekräftigte sie ihre Aussage und erklärte, die Vorwürfe massenhafter sexueller Gewalt gegen Israelis am 7. Oktober seien »Desinformation«, die dazu diene, »den Völkermord an den Palästinensern zu rechtfertigen«.
Dabei hat der Bericht »Silenced no more. Sexual Terror Unveiled« (Nicht länger zum Schweigen gebracht. Sexueller Terror offengelegt) einer unabhängigen Kommission in Israel zwei Jahre lang Beweise gesammelt, die zeigen, dass sexualisierte Gewalt von der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober und in der Gefangenschaft der Geiseln als Kriegswaffe eingesetzt wurde, als Mittel zur Demütigung und als Instrument des Terrors.
Sexualisierte Gewalt von der Hamas als Kriegswaffe eingesetzt
Für den Bericht der von der israelischen Juristin Cochav Elkayam-Levy gegründeten Kommission wurden mehr als 10.000 Fotos und Videosequenzen, rund 1800 Stunden Bildmaterial sowie mehr als 430 Zeugenaussagen, Interviews und forensische Analysen ausgewertet. Viele der Aufnahmen stammen von den Tätern selbst: Videos von Handykameras und Bodycams sowie Livestreams. Die Kommissions-Experten kommen zu einem klaren Schluss: Die Übergriffe seien weder zufällig noch vereinzelt gewesen. Vielmehr habe es wiederkehrende Muster gegeben, die auf einen organisierten und koordinierten Einsatz sexualisierter Gewalt als Waffe hindeuteten.
Alsalem antwortete schließlich und sprach von der »Gewalt gegen israelische Frauen und Mädchen am 7. Oktober«, ohne jedoch explizit sexuelle Gewalt zu erwähnen. »Ich verweise auf meine öffentliche Erklärung auf meiner Website«, fügte sie hinzu. Seit drei Jahren würde sie darum bitten, mit Überlebenden des 7. Oktober zu sprechen und Israel und Gaza zu besuchen, behauptete sie. Doch die israelische Regierung habe ihre Anfragen abgelehnt.
Die Vertretung Israels in den USA schrieb nach Gritzewskys Rede: »Geschlagen. Entführt. Vergewaltigt. Gefoltert. Ermordet. Das ist es, was die Hamas israelischen Frauen angetan hat.« Doch von der UNO ignoriert und von der Welt abgetan, habe die ehemalige Hamas-Geisel Ilana Gritzewsky vor den Vereinten Nationen das Wort ergriffen und eine eindringliche Botschaft überbracht: »Die Welt kann die von der Hamas am 7. Oktober verübte sexuelle Gewalt nicht länger ignorieren.« Die Botschaft schloss mit den Worten: »Schämen sollte sich die UN, dass sie eine Kultur der Verharmlosung von Vergewaltigung ermöglicht.«