Hitzewelle

Schatten statt Schwitzen

Hitzewellen wie jene, die Europa seit einigen Wochen Rekordtemperaturen, überlastete Krankenhäuser und Dutzende Hitzetote bescheren, gehören für viele europäische Länder noch zur Ausnahme. Für Israel sind sie hingegen seit der Staatsgründung Alltag. Das Land lebt seit Jahrzehnten mit langen, trockenen Sommern – im Süden dominiert von der Wüste, entlang der Mittelmeerküste begleitet von drückender Luftfeuchtigkeit. Was Israel daraus gelernt hat, könnte für Europa zum Vorbild werden: Hitze lässt sich nicht bekämpfen. Sehr wohl aber kann man den Umgang mit ihr organisieren.

Für David Pearlmutter, Professor für Stadtklimatologie an der Ben-Gurion-Universität des Negev, liegt die wichtigste Aufgabe nicht darin, die Lufttemperatur zu senken. »Wir können die Außentemperatur kaum beeinflussen. Entscheidend ist, zu verhindern, dass sich die Städte und Menschen so stark aufheizen.« Viele setzen deshalb vor allem auf Klimaanlagen.

Pearlmutter hält das jedoch nur für einen Teil der Lösung. Sie verbrauchen viel Energie und geben die entzogene Wärme wieder an die Umgebung ab. Das verschärft den sogenannten Wärmeinsel-Effekt in Städten. Aber auch für Pearlmutter ist klar: »Früher oder später wird auch in Europa massiv in Klimaanlagen investiert werden.« Bei so hohen Temperaturen führe kein Weg daran vorbei.

Asphalt, Beton und helle Steinflächen speichern Hitze

Der Experte verweist auf ein häufiges Problem moderner Stadtplanung. Viele Plätze seien ästhetisch gelungen und lüden eigentlich zum Verweilen ein. Im Sommer blieben sie dennoch oft menschenleer, weil sie der prallen Sonne ausgesetzt sind. Asphalt, Beton und helle Steinflächen speichern die Hitze und reflektieren die Sonnenstrahlen. »Ein Platz kann wunderschön gestaltet sein – wenn er keinen Schatten bietet, wird ihn im Hochsommer niemand nutzen.«

Tel Aviv hat deshalb das Ziel ausgegeben, den Anteil beschatteter Straßen deutlich zu erhöhen. Inzwischen kartieren Forscher auch andere israelische Städte und berechnen mithilfe eines sogenannten Schattenindex, wo zusätzliche Bäume oder andere Verschattungsmaßnahmen den größten Nutzen bringen.

Auf Grundlage eines Schattenindex werden Bäume gepflanzt.

Auch Tamar Zandberg, von 2021 bis 2022 Israels Ministerin für Umweltschutz und heute Leiterin eines Klimapolitik-Instituts an der Ben-Gurion-Universität, glaubt, dass Europa aus Israels Umgang mit Hitze wichtige Lehren ziehen kann. Das Land habe schon früh lernen müssen, mit Wasserknappheit, Trockenheit und Extremtemperaturen umzugehen. Daraus seien Innovationen in den Bereichen Wasser- und Landwirtschaft entstanden – von effizienter Bewässerung bis hin zur Wiederverwendung von Wasser.

Erst in den vergangenen Jahren rückten auch die Beschattung und klimaresiliente Stadtplanung stärker in den Mittelpunkt. »Europa erlebt die Folgen des Klimawandels gerade sehr schnell und auf brutale Weise«, sagt die ehemalige Umweltministerin. Was Israel über Jahrzehnte entwickelt habe, müsse Europa nun in deutlich kürzerer Zeit nachholen.

Als Vorbild sieht Zandberg Israel allerdings eher mit Einschränkungen. Viele Städte seien deutlich jünger als ihre europäischen Pendants, wüchsen rasant und stünden unter erheblichem Demografie- und Wachstumsdruck. Gerade deshalb sei es oft schwierig, genügend Platz für Bäume, Grünflächen und andere klima­resiliente Lösungen zu schaffen. Auch Israel stehe bei der Anpassung an ein heißeres Klima deshalb noch vor großen Herausforderungen.

In eine klimaresiliente Infrastruktur investieren

Gerade deshalb dürften Maßnahmen nicht auf die lange Bank geschoben werden: »Klimaanpassung ist kein Luxus, den man sich nur in ruhigen Zeiten leisten kann«, betont Zandberg. Klima-, Energie- und Sicherheitskrisen würden sich gegenseitig verstärken und müssten deshalb ganzheitlich gedacht werden. Wer erst während der nächsten Hitzekrise in Begrünung, Beschattung oder klimaresiliente Infrastruktur investiere, handle nur noch reaktiv. Eine Anpassung müsse sofort beginnen – bevor die Temperaturen immer wieder neue Rekorde erreichen.

Neben Stadtplanung und Politik haben auch die Israelis selbst gelernt, ihren Alltag an die Hitze anzupassen. Klimaanlagen gehören fast überall selbstverständlich dazu: in Wohnungen, Büros, Restaurants oder Bussen. Oft wird jedoch so stark heruntergekühlt, dass man sich beinahe fragt, ob die Hitze draußen oder die Kälte drinnen die größere Belastung ist. Viele meiden die Mittagssonne und tragen lieber lange, weite Kleidung aus leichten Naturfasern als enge synthetische Stoffe.

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Den einen israelischen Umgang mit Hitze gibt es allerdings nicht – vielmehr entwickelt jeder seine eigene Strategie. Die Angestellte Dafna aus Kfar Saba plant ihren Alltag so, dass sie möglichst wenig Zeit in der Sonne verbringt, parkt ihr Auto, wenn möglich, im Schatten und schwört an besonders heißen Tagen auf zwei Eiswürfel im BH. Der 19-jährige Student David geht noch einen Schritt weiter und richtet seinen gesamten Tagesablauf nach den Temperaturen aus: »Wenn möglich, bin ich oft erst ab 13 Uhr wach und bleibe bis vier Uhr morgens auf. So vermeide ich die größte Hitze.«

Vielleicht liegt darin die wichtigste israelische Lehre für Europa: Nicht jeder Sommertag lässt sich angenehmer machen. Wohl aber kann man den Alltag so organisieren, dass die Hitze ihren Schrecken verliert.

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