Einspruch

Die Hitze spüren

Mascha Malburg Foto: Marco Limberg

Während ich diesen Text tippe, glitschen meine Finger über die Tastatur, der Ventilator dröhnt ins rechte Ohr, ich habe das Gefühl, mein Hirn schmilzt. Die vergangenen Wochen haben auch dem Letzten klargemacht, was Klimaforscher und Aktivisten seit Jahrzehnten predigen. Aber rote Balken im Fernsehen sind etwas anderes, als jedes Grad mehr auf dem Körper zu spüren. Die rabbinischen Kommentatoren schreiben, dass Noah jahrzehntelang an seiner Arche baute, während seine Mitmenschen ihn verspotteten und seine Warnungen ignorierten – bis die Flut kam. Kommt einem irgendwie bekannt vor?

Der Klimawandel ist aber kein apokalyptisches Szenario, er hat schon heute konkrete Folgen in unserem Alltag, auch in den jüdischen Gemeinden: Ende Juni musste Chabad Berlin sein groß geplantes Straßenfest wegen einer Hitzewarnung verschieben. Entgegen den Verschwörungsmythen sind Juden tatsächlich nicht fürs Wetter verantwortlich – aber laut Experten eben doch wir alle, gerade wir, die in den reichen Ländern leben, mit unserem hohen Verbrauch an fossilen Energien und unseren emissionsintensiven Industrien.

Hitzewellen werden in Zukunft häufiger, länger – wie intensiv, darauf haben wir noch einen entscheidenden Einfluss.

Die Temperaturen der vergangenen Wochen wären ohne die menschengemachte Erwärmung der Atmosphäre extrem unwahrscheinlich gewesen. Hitzewellen werden in Zukunft häufiger, länger – wie intensiv, darauf haben wir noch einen entscheidenden Einfluss. Auch dazu lohnt sich ein Blick in die jüdischen Schriften: »Bal Taschchit« (»Du sollst nicht zerstören«) aus dem 5. Buch Mose wird von den Rabbinern weit über seinen biblischen Kontext des Verbots des Fällens von Bäumen hinaus verstanden.

In der jüdischen Vorstellung ist klar: Die Welt gehört letztlich dem Schöpfer. Der Mensch hat Nutzungsrechte, aber keinen Freibrief zur Ausbeutung. Unsere Verantwortung ist das oberste Prinzip, unter dem wir überhaupt auf dieser Erde wandeln dürfen. Schon den ersten Menschen mahnte Gott, er solle den Garten bearbeiten, aber auch bewahren. Wenn diese Hitze etwas Gutes haben soll, dann vielleicht, dass sie uns diesen Auftrag wieder mit aller Wucht ins Bewusstsein ruft.

malburg@juedische-allgemeine.de

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