Kulturkolumne

In der Hitze des Sommers

Foto: GEtty images

In Europa herrschte in der vergangenen Woche die erste sommerliche Rekord­hitze des Jahres, sie brachte die Region an ihre Grenzen. Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber wenn die Luft sich nicht bewegt, fühlt es sich ein bisschen an, als würde auch die Zeit stehen bleiben. Ich befinde mich irgendwo zwischen Israel und Deutschland.

In Deutschland beginnen die Sommerferien: volle Autobahnen, Zugausfälle, Freibad mit Pommes, Beschwerden. Alles so wie immer. Israel erlebt gerade einen kurzen Moment des Innehaltens – auch wenn es ein trügerisches Gefühl ist, das sich niemand leisten will. Es muss weitergehen. Im gewohnt schwindelerregenden Pensum, in einer anhaltenden Ausnahmesituation, irgendwie.

Es ist eine schmale Einflugschneise, in der sich die Ruhe eingependelt hat. Flüge landen und starten neben US-Militär-Tankflugzeugen, und die Frage steht im Raum, ob beziehungsweise wann der Krieg mit dem Iran in eine nächste Runde mündet. Der Flughafen auf Kreta ist voller israelischer Familien. Nur mal kurz raus. Sie boarden ihren Rückflug.

Der Flughafen auf Kreta ist voller israelischer Familien

In Deutschland bleibt es nachts bei 30 Grad, in Jerusalem ist der Wind am Abend kühl. Ich spreche mit Menschen aus den Kibbuzim, die sich neu erfinden. Ich weiß nicht, wie – nach alldem, was hinter ihnen liegt. Wir sprechen über Triviales, um zunächst nicht über das Eigentliche zu sprechen. Wir lachen. Nichts ist zu heilig für einen Witz, auch wenn wir im nächsten Moment weinen. Einem muss ich die Bedeutung der Wassermelone erklären. Ich schäme mich fast zu sagen, dass sich mein Nervensystem hier kurz beruhigt.

Ich kehre aus Israel mit trockenem Hals zurück – vom Zug der Klimaanlagen, die in deutschen Zügen, Krankenhäusern und Fitnessstudios regelmäßig ausfallen.

Ich komme zurück. Man redet wieder über das Wetter. Ich kehre aus Israel mit trockenem Hals zurück – vom Zug der Klimaanlagen, die in deutschen Zügen, Krankenhäusern und Fitnessstudios regelmäßig ausfallen. Und an manchen Orten gibt es sie gar nicht. Eine unnötige Anschaffung, hieß es. Die Lüftung müsse reichen – als handelte es sich um ein Luxusgut wie Spülmaschinen in Südamerika. So etwas besitzen nur die, die alles andere schon haben. Und Menschen beginnen, wegen der Hitze zu sterben.

Kurze existenzielle Momente

Es gibt diese kurzen existenziellen Momente, in denen man sich fast neugierig fragt, wie es eigentlich weitergehen soll – im Wissen, dass der Lauf der Dinge uns dann doch überraschen wird. In denen einem klar wird, dass wir alle den vermutlich unaufhaltsamen globalen Entwicklungen ausgeliefert sind und man dennoch fasziniert ist, dass wir es bis hierhin geschafft haben.

Der Erdball erhitzt sich immer weiter, die Krisen spitzen sich zu, Gesellschaften spalten sich. Das alles ist letztlich menschengemacht. Auch die Innovationen in einem Land, das Frieden braucht. Und der Frieden in einem Land, das Innovationen braucht.

Irgendwo zwischen Israel und Deutschland werde ich gefragt, wo ich mich sicherer fühle. Ich denke nicht als Erstes an die Klimakrise.
Drei Uhr morgens. Es knallt ohrenbetäubend. Ich schrecke aus dem Schlaf hoch. Ist eine Rakete im Haus neben mir eingeschlagen? Nein. Es ist nur das lang ersehnte Gewitter, das die Straße abkühlt. Zumindest für den Moment.

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