Ausstellung

Das heitere, coole, elegante Amerika

Alex Katz: »Jessica (Study for New Pink)« Foto: Kunsthalle Tübingen/ Ulrich Metz

Ausstellung

Das heitere, coole, elegante Amerika

Die Kunsthalle Tübingen zeigt neue Werke des 99-jährigen Jahrhundertmalers Alex Katz

von Eugen El  17.08.2026 17:07 Uhr

Wenn Henry Kissinger den Aufstieg der Vereinigten Staaten zur politisch-militärischen Weltmacht verkörperte, dann steht Alex Katz für die künstlerische Strahlkraft des Landes. Kissinger starb 2023 im Alter von 100 Jahren und musste den disruptiven Rückbau der von ihm mitgeformten weltpolitischen Nachkriegsordnung durch die zweite Trump-Regierung nicht mehr erleben. Unterdessen ist Katz, am 24. Juli 1927 in Brooklyn geboren, auch ein Jahr vor dem vollendeten Säkulum weiterhin künstlerisch aktiv: alive and painting, wenn man so will. Er ist der Maler des amerikanischen Jahrhunderts.

Wie sehr der New Yorker Künstler das heitere, coole, elegante Amerika ins Bild setzt, zeigt jetzt eine umfangreiche Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen. Dancing with Reality heißt die mit 40 großformatigen, zumeist neueren Gemälden und Grafiken von Katz bestückte Schau.

Lässige Beiläufigkeit

Da ist das in drei Segmente unterteilte Bild »Purple Split 12«, das ein Frauenkonterfei mit variierender Mimik zeigt. Die Dreiteilung des Bildes lässt an Filmsequenzen oder Comics denken. Der Bildhintergrund ist leuchtend grün, während Katz einen satten Hautton wählt und die weiblichen Gesichtszüge mit flotten, minimalen Pinselstrichen definiert. Eine lässige Beiläufigkeit ist dem 2023 geschaffenen Gemälde eigen. Nicht zuletzt durch die knallrote Lippenfarbe wird es zu einem Blickfang.

Dass US-Generalkonsul Brian Heath bei der Ausstellungseröffnung vor diesem Bild sprach, wirkt wie ein Zeichen: Lässigkeit scheint den deutsch-amerikanischen Beziehungen durch das ruppige Auftreten der Regierung in Washington vorerst abhandengekommen zu sein. Kann Kunst solche Verstimmungen kitten? Heath betonte jedenfalls, Ausstellungen wie die in Tübingen erinnerten daran, »wie unsere zwischenmenschlichen Beziehungen – unser Verständnis füreinander – auf gemeinsamen Geschichten, gemeinsamen Bildern und gemeinsamen kulturellen Erfahrungen wie dieser beruhen«.

»Dancing with Reality« heißt die mit 40 großformatigen, zumeist neueren Gemälden und Grafiken von Katz bestückte Schau.

Und es stimmt schon, dass wir trotz aller Irritationen auch weiterhin amerikanisch geprägte Sehgewohnheiten in uns tragen. Wenn etwa ein Tübinger Ausstellungsbesucher in einem mehrteiligen Figurengemälde, das anmutig-tänzelnde Frauenfiguren vor glühend rotem Hintergrund inszeniert, »Coca-Cola« zu erkennen glaubt, liegt er nicht gänzlich falsch. Amerikas eingängige visuelle Kultur ist schließlich nicht minder durchsetzungsstark als die militärische Machtprojektion. Ihre Anziehungskraft scheint auch in Zeiten politischer Irrungen und Wirrungen nicht zu verblassen.

Wesentlich geprägt wurde diese oft zwischen Kommerz und Kunst changierende Bildkultur von Nachkommen europäischer Einwanderer – wie Katz selbst. Seine Eltern, Isaak und Sima Katz, entflohen in den frühen 1920er-Jahren den nachrevolutionären Wirren Osteuropas. Katz’ Aufstieg zu einem der wichtigsten Gegenwartskünstler Amerikas widmet die Kunsthalle Tübingen einen eigenen Raum.

Klarheit und Eleganz

Neben einer ausführlichen Zeitleiste zu Leben und Werk lädt eine Foto- und Videoinstallation zum Eintauchen in das New York der 60er-Jahre ein. Auch das 1959 geschaffene, ikonische Porträt des Choreografen Paul Taylor ermöglicht dem Betrachter Einblicke in die Anfangsjahre von Katz’ Karriere. 1960 war das Gemälde Teil seiner ersten Ausstellung in einer, wie der Maler schreibt, »eleganten Uptown-Galerie« in New York. Sie trug maßgeblich zu seinem Erfolg in der Kunstwelt bei. Darüber hinaus sind in Tübingen etliche Landschaften und Stadtansichten zu sehen, die ebenso wie Katz’ Figurenbilder Klarheit und Eleganz ausstrahlen.

Alex Katz ist kein Reklamemaler, weshalb der »Coca-Cola«-Vergleich nicht ganz zutrifft. Seiner Kunst ist oft eine Prise Melancholie eigen. Und dennoch sind seine Werke künstlerische Zeugnisse der Zuversicht. Nicht nur die deutsch-amerikanischen Beziehungen könnten derzeit mehr davon gebrauchen.

Die Ausstellung »Alex Katz. Dancing with Reality« ist bis zum 13. September in der Kunsthalle Tübingen zu sehen.

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