Frau Dudley, Sie haben zu Beginn des Jahres in der Jüdischen Gemeinde Hannover einen Vortrag über die »Allianz zwischen Schwarzen und Juden« gehalten. Was verbindet Schwarze und Juden?
Diese tiefe Verbundenheit wurzelt in sich kreuzenden Leidenswegen und dem gemeinsamen Streben nach Freiheit. Die jüdische Erfahrung der Knechtschaft in Ägypten und der Exodus wurden zum universellen Symbol der Befreiung. So nutzte die Fluchthelferin Harriet Tubman den Decknamen »Moses«, um Versklavte in die Nordstaaten zu führen. Diese biblische Verbindung prägte das Durchhaltevermögen und die gegenseitige Bewunderung, die sich auch in der afroamerikanischen Literatur widerspiegelt. Historisch zeigt sich diese Allianz in mutigen Persönlichkeiten wie Ernestine Rose, die Rabbinertochter aus Polen, die in den USA zu einer entschlossenen Stimme gegen die Sklaverei wurde. Es gab Philanthropen wie Julius Rosenwald, der wahrhaftig Tausende Schulen für Schwarze gründete. Ein emotionaler Höhepunkt dieser Geschichte bleibt die Befreiung und Betreuung jüdischer KZ-Insassen, zum Beispiel in Buchenwald, Gunskirchen und Mauthausen, durch afroamerikanische GIs im Zweiten Weltkrieg.
In den 60er-Jahren unterstützten viele Juden die Bürgerrechtsbewegung. Was waren Ihre persönlichen Erfahrungen?
Im Jahr 1961 erblickte ich das Licht der Welt gleichsam im Schatten der Freiheitsstatue. Turbulente Zeiten. 1964 fuhren jüdische Bürgerrechtsaktivisten, wie Michael Schwerner und Andrew Goodman aus New York, in das Dixieland, um benachteiligte Schwarze für die Wahl zu registrieren. Schwerner und Goodman wurden gemeinsam mit ihrem afroamerikanischen Kollegen James Earl Chaney auf brutalste Weise vom Ku-Klux-Klan gelyncht. Goodman wurde sogar mit einem Herzdurchschuss noch bei lebendigem Leibe begraben. White Supremacists hatten einen besonderen Hass auf Juden, die sich für Schwarze einsetzten. 1967 sah ich in Tennessee den Ku-Klux-Klan nachts durch die Fensterscheibe, als das Familienauto eine Panne hatte. Später begriff ich, welch ein Wunder es war, dass wir »nur« mit dem Schrecken davonkamen. Während meiner Kindheit im Norden waren jüdische Kinder oft die einzigen weißen Jugendlichen, die mit uns Schwarzen regelmäßig spielten. Es gab diese jüdische Familie namens Tannenbaum. Immer freundlich, fröhlich. Und es fiel mir auf, dass die niemals Weihnachten gefeiert haben. Mein Vater, ein Kampfveteran der US Air Force im Zweiten Weltkrieg, klärte mich auf. Er sagte ja, wir Christen seien nicht die Einzigen auf der Welt. Das war für mich wirklich komisch, weil mein Vater wusste, dass Tannenbaum eigentlich »Weihnachtsbaum« bedeutet. Für mich war auch die Erfahrung prägend, dass die Eltern sowie eine Tante aus dieser Familie Tätowierungen an den Armen trugen. Ich dachte, dass diese Tätowierungen nicht besonders schmuck aussahen. Das war das erste Mal, dass ich von einem Ort namens Auschwitz-Birkenau hörte. Ich war noch sehr jung und musste das alles irgendwie verdauen. »Wer Juden hasst, hasst auch Schwarze«, warnte mein Vater. »Lass dich nicht beirren. Ist so. Auch wenn die das selbst nicht wissen.«
Welches war Ihre erste Begegnung mit Israel?
Sommer 1967. Heulen, Schreie, Freudensprünge. Die Familie Tannenbaum sang Hava Nagila zu diesem Hora-Kreistanz. »The war is over!«, jauchzten alle. Der Vietnamkrieg war schon vorbei? Nein, noch lange nicht. Aber im Nahen Osten war es dem Gelobten Land gelungen, eine numerisch überlegene Achse aus verfeindeten Armeen vernichtend zu schlagen, und zwar alles innerhalb einer Woche. Israel war für mich plötzlich mehr als irgendein Ort aus der Bibel, auch wenn der Name des jüdischen Staates auf der Weltkarte größer war als die kartografische Darstellung des Landes selbst. Zur gleichen Zeit marschierte ein Prinz mit einem King zusammen: Joachim Prinz, der ehemalige Rabbiner in der Berliner Vereinssynagoge Friedenstempel, war ein enger Verbündeter von Martin Luther King. Auch Rabbiner Abraham Joshua Heschel, der wie Joachim Prinz der Gestapo knapp entkommen war, unterstützte die US-Bürgerrechtsbewegung ganz begeistert. Martin Luther King prangerte den Antisemitismus unerbittlich an und lobte Israel als »Vorposten der Demokratie«. Es muss eine jüdische Heimat geben, und es ist so schön, dass diese eine multiethnische Demokratie ist. Israel zu retten, bedeutet, die Menschheit zu retten.
»Wer Juden hasst, hasst auch Schwarze«, warnte mein Vater.
In Ihrem Buch »Race Relations: Essays über Rassismus« befassen Sie sich auch kritisch mit dem Antisemitismus. Sie waren über mehrere Jahre Kolumnistin der »taz«. Jetzt sind Sie Autorin beim Nahost-Thinktank MENA-Watch, wo Ihr Essay »Gaza oder gar nichts« viel Resonanz findet.
»Gaza oder gar nichts« ist meine Abrechnung mit dem medialen Aktivismus im Namen Palästinas. Linke Medien sind gewissermaßen auf Tuchfühlung mit der Kufiya gegangen. Betroffenheitsbilder aus dem Gazastreifen werden gesendet, ohne die Kausalität zu erforschen und ohne den Kontext zu erläutern. Die Israel-Kritik ist zu einer nicht behebbaren Werkeinstellung geworden. Denn die progressive Presse versäumt es, mit der Intifada hart ins Gericht zu gehen. So werden die Gräueltaten der Hamas – Massenmord, Gruppenvergewaltigung, Geiselnahme – bagatellisiert und sogar als »Widerstand« verklärt. Auch die Verfechter hierzulande in den TV-Talkrunden werden nicht zur Rechenschaft gezogen. Zutiefst bedenklich: Wer Palästinenser konsequent von jeglicher Eigenverantwortung freispricht, betrachtet sie nicht als gleichwertige Menschen, sondern als triebgesteuerte Kollektive.
Das betrachten Sie also als rassistisch?
Durchaus. Das ist der Rassismus der geringen Erwartungen – ein Phänomen, das von White Saviors bis zur Perfektion praktiziert wird. In den Medien, in der Wissenschaft, im Kulturbetrieb. Die vermeintliche Solidarität mit Palästina ist für viele eher ein Akt der Bevormundung und Instrumentalisierung. Diese Akteure tragen die Kufiya als modisches Accessoire der eigenen Judenfeindlichkeit, erkennen in den Palästinensern aber nur Opfer oder Märtyrer. Dementsprechend werden die Gazaner zu bloßen Statisten und Statistiken degradiert, die nur eingesetzt werden, um Israel eins auszuwischen.
Aber »Gaza oder gar nichts« hat für Sie auch eine persönliche Dimension.
Stimmt. Darin beschreibe ich auch, was mir in linken, sogenannten progressiven Redaktionen widerfuhr, als ich mich gegen Antisemitismus engagierte und mich für Israels Existenzrecht einsetzte: ein Spießrutenlauf. Wegen meiner Haltung stieß ich gerade in jenen Kreisen, die sich gern als emanzipatorisch geben, gegen eine unsichtbare Wand. In Räumen, in denen man Vielfalt und Zusammenhalt feierte, spürte ich als Schwarze einen massiven Erwartungsdruck, Gaza als Nabel der Nachrichtenwelt zu akzeptieren und Israel als Sündenbock zu betrachten. Wer nicht mitzieht, darf mit »Gaslighting« und »Ghosting« rechnen, zwei neudeutsche Begriffe dafür, vertröstet und vermieden zu werden. Die schiere Süffisanz, mit der man die Israel-Kritik unreflektiert verschärft, ist besorgniserregend. Man entledigte sich der Staatsräson, als handele es sich bei ihr um eine Zwangsjacke und nicht um eine Zukunftsperspektive. Aber es gibt kaum etwas, das die Zukunft so sehr gefährdet wie der Zeitgeist. Und ohne »Gen Z« kann man Genozid nicht buchstabieren.
Wir verzeichnen die schlimmste Welle des Antisemitismus in der Bundesrepublik seit 1945 und bauen zugleich die Leitplanken ab, die Schutzmaßnahmen für Juden.
Was meinen Sie genau mit Zeitgeist?
Genau, was wir heute erleben. Stolpersteine werden beschädigt, Hakenkreuze tauchen links wie rechts wieder auf – und Sophie von der Tann belehrt deutsche Juden in Echtzeit vom Studio Tel Aviv aus. Wir verzeichnen die schlimmste Welle des Antisemitismus in der Bundesrepublik seit 1945 und bauen zugleich die Leitplanken ab, die Schutzmaßnahmen für Juden. Die Heuchler lassen sich mit Blumen auf den Beerdigungen der Holocaust-Überlebenden blicken, ätzen aber am nächsten Tag gegen die IHRA-Definition des Antisemitismus. Es ist eigentlich filmreif.
Wie kann man dem begegnen?
Das tue ich mit meinen Kolumnen, Vorträgen und Interviews. Aufklärung. Hier ist ein Beispiel: Das Hamas-Gesundheitsministerium in Gaza verzeichnet seit Beginn des Konflikts im Oktober 2023 bis Dezember 2025 insgesamt 463 Todesfälle durch Unterernährung. Ja, richtig. Nur 463 Hungertode. Nicht die mehreren Zehntausende, wie kolportiert wird. Meine Quelle? Die Hamas. Diese Beweise liefert ausgerechnet das von der Hamas gesteuerte Institute for Palestine Studies (IPS) auf ihrer allen zugänglichen Website, auf der im Duktus des Dschihads von »Märtyrern« und von »israelischen Aggressoren« die Rede ist. Dass diese Zahl – trotz des Interesses der Hamas an maximalen Opfermeldungen – so verschwindend gering ist, entlarvt den Vorwurf eines gezielten Genozids durch Aushungerung als faktisch haltlos. Dass ich bei der Free-Palestine-Bewegung dabei auf aggressive Ablehnung stoße, motiviert mich. Auch als Kabarettistin bekämpfe ich den Hass. Nehmen wir das Logo der propalästinensischen Szene: die Wassermelone. Ein Symbol mit bitterem Beigeschmack. Bevor sie zum modischen Accessoire des Aktivismus wurde, war sie über 160 Jahre lang ein rassistisches Meme in den USA. Weiße Südstaatler nutzten es, um befreite afroamerikanische Versklavte als faule »Wassermelonenfresser« zu verspotten. Bei jungen Schwarzen, denen ich diese bittere Parallele erkläre – gerade jenen, die in dieser Bewegung mitlaufen –, ernte ich meistens ein fassungsloses Schweigen. Zum Glück gibt es sowieso viele Schwarze, die auf die Intifada nicht gut zu sprechen sind, weil die angeblich dekoloniale Bewegung die 1400 Jahre lange Geschichte des arabisch geführten Sklavenhandels und die islamische Eroberung Afrikas verschweigt. Es tut mir im Herzen weh und macht mich wütend, dass die Gesellschaft all diesen Antisemitismus zulässt. Deswegen ist es für mich ein Anliegen, den Menschen bewusst zu machen, dass ich das nicht kampflos hinnehmen werde. Ich möchte meinen jüdischen Schwestern und Brüdern mit meinem Wissen darüber gern helfen.
Mit der Publizistin, Kabarettistin, Schauspielerin und Juristin sprach Helmut Kuhn.