Der erste Tag nach dem Urlaub ist ganz schön anstrengend. Nicht, weil die Routine mit all ihren Grausamkeiten auf dich wartet, sondern weil dich jeder fragt, wie dein Urlaub war. Eine nett gemeinte Frage, die ich natürlich auch beantworte, weil ich gern davon erzähle. Aber auch eine, die mich jedes Mal zweifeln lässt, ob der oder die Fragende wirklich wissen will, wie mein Urlaub war. Zum Beispiel die Frau in der Bäckerei? Oder die Nachbarin aus dem übernächsten Haus?
Seien wir ehrlich, ist es nicht einfach nur eine herkömmliche Small-Talk-Frage, um höflich zu wirken? Interessiert es mein Gegenüber in der Tat, ob ich mit meiner Familie gutes Wetter hatte und wie viel wir baden gehen konnten? Und was soll ich darauf antworten? »Danke, gut« ist wohl die gesellschaftlich akzeptierte Kurzfassung. Alles andere ist eher schon eine Zumutung: eine detaillierte Schilderung des überdimensional großen Mietwagens, der Spielplatzdichte oder des Restaurants, in dem wir am dritten Abend beinahe ertrunken wären, weil plötzlich ein Gewitter kam.
Und wenn ich dann beginne, meine Gedanken über Foodwaste zu teilen, indem ich zu erörtern anfange, dass ich Buffets etwas ganz und gar Unnatürliches finde (Hand aufs Herz, ist es nicht unverständlich, wie viel Essen in gewissen Teilen der Welt im Überfluss angeboten wird?), so merke ich spätestens am Gesichtsausdruck meines Gegenübers, dass die Frage nach dem Urlaub vielleicht doch nicht als Einladung zu einem Grundsatzreferat über die globale Lebensmittelverschwendung gemeint war.
Aus dem freundlichen »Wie war’s?« wird plötzlich ein betretenes Nicken, während ich mich immer tiefer in meine Gedanken über übervolle Teller, weggeworfene Croissants und die moralische Fragwürdigkeit von Buffets hineinrede.
Vielleicht ist es gar keine echte Frage, sondern eher ein sozialer Handschlag.
Vielleicht ist es gar keine echte Frage, sondern eher ein sozialer Handschlag. Man zeigt damit: Ich habe dich wahrgenommen, ich freue mich, dass du wieder da bist – und jetzt können wir beide guten Gewissens weitergehen.
Also lasse ich es bleiben, davon zu berichten, dass sich Schweizer im Ausland kaum in die Augen sehen, wenn sie am Tisch hinter einem sitzen (ist es bei Deutschen auch so?), und so tun, als wäre man Luft, selbst wenn man ein nettes »En schöne Abig no« beim Aufstehen sagt. Oder von meiner Angst, dass Kinder entführt werden könnten, wenn sie allein auf Toilette gehen. Die Frage war doch nur »Wie war der Urlaub?«.
Zum Glück habe ich aber echte Freunde, die es wirklich wissen wollen, wie die Ferien waren. Ihnen erzähle ich dann im Nicht-Small-Talk-Modus, was es bedeutet, als Familie Urlaub zu machen. Wie schön es ist, ohne Verpflichtungen rund um die Uhr mit den Kindern zu sein, weil es die Beziehung enger macht, wie großartig es ist, rund um die Uhr ihren Fantasiegeschichten zuzuhören und mit ihnen eine Eis-Statistik zu erfassen, um danach festzustellen, dass man offenbar auch nach dem dritten Eis noch nicht genug über die perfekte Schokoladensorte diskutiert hat.
Diesen Freunden kann ich auch erzählen, dass Ferien mit Kindern gleichzeitig Erholung, Abenteuer und vielleicht auch ein wenig Überlebenstraining sind – und dass ich genau deshalb schon wieder davon träume, wohin wir nächstes Jahr fahren. Oh, jetzt habe ich ja doch von meinem Urlaub erzählt!