Noga Erez

»Zu komplex für einen Soundbite«

Eine Frau steht über den Dächern von Tel Aviv und schreit in Richtung Himmel. Es ist Dezember 2023, wenige Wochen nach den Massakern der Hamas, und der Musikerin Noga Erez fehlen die Worte. Mit dieser Szene eröffnen Jono und Benji Bergmann ihren Dokumentarfilm Noga, ehe sie zwei Jahre zurückspringen, zur Release-Party des Albums Kids. »Dieses Album ist mein Baby«, sagt Erez dort, und man ahnt bereits, dass dieser Film von einer Künstlerin erzählen wird, die alles, was ihr widerfährt, in Musik verwandelt.

Erez ist eine Musiksensation ihres Landes und längst ein internationaler Star. Ihr Sound, ein hybrider Mix aus Elektro-Pop, Hip-Hop und experimenteller Clubmusik, in dem sie mühelos zwischen Rap und Gesang wechselt, hat ihr weltweit ein Publikum erspielt. Missy Elliott will mit ihr arbeiten, Robbie Williams empfängt sie zum Gespräch, im März 2023 gab sie in Tel Aviv das bislang größte Konzert ihrer Laufbahn. Ihre Shows sind Performance-lastige Gesamterfahrungen für die Sinne, getragen von einer magnetischen Bühnenpersönlichkeit. Für Erez selbst sind Konzerte, wie sie sagt, »ein intimes Date mit Tausenden«.

An der Seite der Künstlerin steht seit Jahren Ori Rousso

An der Seite der Künstlerin steht seit Jahren Ori Rousso, Multi-Instrumentalist, Produzent ihrer Musik – und ihr Lebenspartner. Der Film erzählt die Geschichte der beiden als Doppelporträt einer Liebe und ihrer künstlerisch überaus produktiven Zusammenarbeit. Dass das Paar seine Beziehung zwischenzeitlich auf Eis legt und Berufliches von Privatem zu trennen versucht, gehört zu den intimen Momenten des Films. »Ein kompletter Mindfuck«, nennt Erez diese Situation, ein Spiel vor der Öffentlichkeit. »Alle denken, wir sind noch ein Paar.«

Die Bergmanns begleiten die beiden durch den Alltag, in den Proberaum ebenso wie zum Fitnesstraining.

Die Bergmanns begleiten die beiden durch den Alltag, in den Proberaum ebenso wie zum Fitnesstraining, mit dem sich Erez auf das fordernde Tourleben vorbereitet. Und sie sind in Momenten dabei, die kaum privater sein könnten, etwa wenn Ori am Grab seiner Mutter steht. Erst während des Krieges findet das Paar wieder zueinander, es folgen Kinderwunsch und Schwangerschaft, samt Oris banger Frage, ob ein Kind ihre Karriere ruinieren könnte.

Strukturiert ist Noga wie ein dokumentarisches Album. Jedes Kapitel trägt den Titel eines Songs, dessen Text einen Wendepunkt im Leben der beiden markiert. Das ist mehr als ein formaler Kniff, denn dieses Muster führt vor, wie das Künstlerpaar funktioniert. Das Leben fließt in die Musik, die Musik wirkt auf das Leben zurück, es entsteht ein Porträt der Künstlerin in Songs. Bisweilen wünscht man sich als Zuschauer, der Dokumentarfilm würde noch ein bisschen tiefer in die Klangwelt von Noga und Ori eintauchen, doch das inhaltliche Programm der Doku ist äußerst dicht.

Erez und Rousso treffen Überlebende des Massakers im Kibbuz Kfar Aza

Denn es bricht der 7. Oktober 2023 in die Erzählung ein. Heulende Sirenen, Kriegszustand. Erez und Rousso treffen Überlebende des Massakers im Kibbuz Kfar Aza und spielen einen Song am Krankenbett. Es sind Szenen von großer Behutsamkeit, die zeigen, was Musik in diesem Moment vermag – und wo ihre Grenzen liegen. Denn zugleich beginnt die zweite Katastrophe, die der Film dokumentiert, ein ungeahnter Hass auf Israel angesichts des Gazak-Kriegs. Im Ausland werden Konzerte abgesagt, in den USA machen Campus-Proteste Auftritte nahezu unmöglich. Die BDS-Kampagne versucht es mit offener Erpressung. Erez soll sich öffentlich gegen »Apartheid« positionieren, andernfalls drohe der Aufruf zum Canceln.

Es folgen Palästina-Aktivisten im Publikum, Buhrufe bei Konzerten, teils gewalttätige Proteste vor den Hallen und Hass auf Instagram, bis hin zu Botschaften wie »Go back to Auschwitz«. Besonders bitter ist dabei die Haltungslosigkeit von Veranstaltern, Bookern und Festivals, die BDS-Talking-Points übernehmen und ausgerechnet von einer Künstlerin eine Positionierung einfordern, die im Lauf ihrer Karriere nie um unbequeme Positionen verlegen war.

Ein Film darf nicht dieselbe Eindeutigkeit produzieren wie ein politisches Statement.

Erez selbst beschreibt ihre Lage als »Lose-lose-Situation«. In Israel wird sie von Rechten angefeindet, weil sie die Regierung von Premier Benjamin Netanjahu kritisiert, auf Demonstrationen geht und von der Bühne herab Politiker angreift. Im Ausland wird sie pauschal als Israelin verurteilt und zur Komplizin eines »Genozids« erklärt. Dass ihr Song »Come Back Home« als politisch kritisiert wird, kommentiert sie im Film trocken. »Ist es politisch, das Heimkommen von Geiseln zu fordern? Es ist eher das Menschlichste überhaupt.« Und auf die ewige Erwartung, Stellung zu beziehen, antwortet sie: »Wir sagen alles durch unsere Musik.« Ihre Meinung, sagt sie, ist »zu komplex für einen Soundbite«.

Auf die Herkunft reduziert werden

Die Regisseure kennen die Erfahrung, auf die Herkunft reduziert zu werden, aus eigener Anschauung: »Als österreichische Juden sind wir mit Geschichte nie nur abstrakt konfrontiert.« Noga habe sie auch persönlich beschäftigt, als Film über Zugehörigkeit, Fremdzuschreibung und das Gefühl, von außen auf eine Herkunft reduziert zu werden, die für einen selbst viel komplexer ist. Ihrem beobachtenden Ansatz bleiben sie auch nach dem 7. Oktober treu. Ein Film dürfe nicht dieselbe Eindeutigkeit produzieren wie ein politisches Statement, sondern müsse Fragen stellen, wenn plötzlich alle eindeutige Antworten verlangten. Im Fall ihrer Protagonistin beobachten sie, wie kultureller Boykott von politischer Kritik in kollektive Zuschreibung kippt. Der israelische Pass, sagen die Regisseure, sei gefühlt gleich ein automatischer »Schuldspruch«.

Am Ende der Doku steht ein Fernseh­bericht über Erez und Rousso, der von der »kalten Schulter der Welt« spricht. Noga hält dagegen, Mit Nähe, Genauigkeit und dem Vertrauen darauf, dass eine komplexe Stimme mehr verdient als eine Schublade. Noga ist ein äußerst gelungenes, wahrhaftiges Porträt einer Ausnahmekünstlerin, deren Musik ein weltweites Publikum mitzureißen versteht, deren Aufstieg der 7. Oktober aber jäh ausgebremst hat. Wohin ihr Weg von hier aus führt, ist die Frage, mit der der Film sein Publikum entlässt.

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