Kino

»Hiddensee« - Ein Inselparadies, nicht frei von Widersprüchen

Szenenbild aus der Doku »Hiddensee« Foto: © Weltkino/It Works!, Peter Brune

Die kleine Insel Hiddensee liegt westlich ihres großen Nachbarn Rügen in der Ostsee. Hier ticken die Uhren anders. Auf dem 17 Kilometer langen und an seiner schmalsten Stelle nur 250 Meter breiten Eiland herrscht Ruhe. Es gibt keinen privaten Autoverkehr, dafür Fahrräder und Pferdekutschen. Man erreicht die Insel nur mit der Fähre. Das macht sie zu einem perfekten Refugium.

Als die Dokumentaristin Annekatrin Hendel vor einigen Jahren von einer anhaltenden Fehde zweier Einwohner auf Hiddensee erfuhr, beschloss sie, das kleine Stück Land in der Ostsee nach vielen Jahren der Abwesenheit wieder zu besuchen.

Für Hendel, viele Teenager, Außenseiter und Künstler war Hiddensee viele Jahrzehnte lang ein Ort der Unbeschwertheit und Freiheit. Die Insel im Norden der DDR lag geografisch nah und ideologisch oft doch so erfrischend fern. Mit etwas Trickserei konnte man dort für eine Weile stranden. Allerdings mussten Besucher wegen der strengen Urlaubsformalitäten auf der Insel und weil das Eiland Grenzgebiet war, ein Quartier nachweisen. So drängelten sich auf dem Papier schon mal über 20 junge Menschen bei einer Einheimischen, die eigentlich nur ihre Enkelin beherbergen wollte.

Die DDR-Grenzer konnte man trotzdem austricksen - mit aus jugendlichem Übermut veranstalteten Fotoshootings oder wilden Konzerten. Aljoscha Rompe, der Sänger der Ostberliner Anarcho-Punkband »Feeling B«, hatte auf Hiddensee ein Haus und ist dort auch begraben. Rompe und seine damaligen Band-Kollegen Paul Landers und Flake Lorenz - heute spielen die beiden bei »Rammstein« - tobten sich in der späten DDR musikalisch auf Hiddensee aus.

Der »judenfreie« Strand in Vitte

Lorenz hat für »Hiddensee« jetzt die Filmmusik komponiert. Sie schwingt meist diskret im Hintergrund mit, schwillt aber gelegentlich an und unterstreicht so die Widersprüchlichkeit der Insel. Denn schon in den 1920er Jahren musste Hiddensee Diskrepanzen aushalten. Eine Gruppe auch mit jüdischen Malerinnen um Henni Lehmann und Käthe Loewenthal gründete dort einen Künstlerinnenbund - und das auf einer Insel, deren Strand in Vitte zur selben Zeit als »judenfrei« gelten sollte.

Indem der Film die Geschichte der Inselbewohner und Besucher ab dem Ende des Ersten Weltkriegs erzählt, erforscht er anhand von Fotos, Filmen und Augenzeugenberichten auch ein Jahrhundert deutscher Geschichte. Dazu springt der in ästhetischem Schwarz-Weiß gehaltene Film essayistisch zwischen den Jahrzehnten hin und her. Hiddensee, das von manchen als Ort »uferloser Ereignislosigkeit« gescholten wurde, bot Menschen, die in Ruhe gelassen werden oder ihre künstlerische Ader ausleben wollten, einen perfekten Rückzugsort.

Mitglieder des Künstlerinnenbundes mussten die Insel nach der Machtergreifung der Nazis 1933 verlassen. Gerhart Hauptmann besaß auf Hiddensee eine Sommerresidenz. Eine Ladung mit hundert Flaschen Wein von Albert Speer nahm der Literaturnobelpreisträger dankend an. Der Stummfilmstar Asta Nielsen hingegen, die die von Max Taut entworfene Bauhaus-Villa »Karusel« auf Hiddensee bewohnte, suchte die Insel zuletzt 1936 auf und kehrte danach nach Dänemark zurück.

Bei dem Dorf Kloster

Nach dem Krieg nahm die Insel in der neugegründeten DDR weitere Prominente auf. Die Tänzerin Gret Palucca erhielt hier ein Haus und veranstaltete ihre Sommerkurse am Strand. Ihr Grab liegt in dem Dorf Kloster, dem kulturellen Zentrum der Insel, nicht weit entfernt von der Ruhestätte Hauptmanns.

Auch eine weibliche DDR-Schauspieldynastie prägte die Insel. Inge Keller, die mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnete Grande Dame des Deutschen Theaters in Berlin, durfte auf Hiddensee trotz eines Baustopps für private Ferienhäuser eine Sommerresidenz errichten. Ihre Tochter Barbara Schnitzler, die ebenfalls lange Schauspielerin am Deutschen Theater Berlin war, erinnert sich. Zusammen mit Kellers Enkelin Pauline Knof beschreibt sie Inge Keller, die immer mehr Diva als Mutter und Großmutter gewesen sei.

Auch in dieser angedeuteten Familienbiografie schwingen Widersprüche familiärer und politischer Natur mit und werden zu einem Spiegel der Gesellschaft. Zudem bedient sich Hendel einer Verfremdungstechnik. Einige ihrer Protagonisten werden zwischenzeitlich durch Marionetten dargestellt. Das betont deren eingeschränkte Handlungsfähigkeit, aber auch ihr künstlerisches Wesen.

Neben Avantgarde-Künstlern, Staatskünstlern und Unangepassten profitierten aber auch »ganz normale« Bürger vom Charme der Insel - bis heute. Auch in Zeiten von Demokratie und Freiheit ist das Leben auf der Insel nicht konfliktfrei. Seit etlichen Jahren liefern sich der örtliche Pfarrer und der Bürgermeister einen erbitterten Streit. Man fühlt sich an Don Camillo und Peppone erinnert, auch wenn die Fehde mit bitterem Ernst ausgetragen wird und der Bürgermeister kein Kommunist ist.

Es geht um unterschiedliche Auffassungen von Modernisierung und Tradition, um die Interpretation von Geschichte und um Mitsprache. Beide kommen in dem Film zu Wort, und es obliegt wohl dem Publikum, auf welche Seite es sich schlagen will oder auch nicht. So erscheint Hiddensee auch heute als paradiesisches Eiland, auf dem sich das Tosen der Wellen auch im übertragenen Sinne weiter bemerkbar macht.

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