Kommentar

Politische Pünktchensammler

Sind sich nicht für billige Rhetorik zu schade: Schauspieler Javier Bardem (r.) und der israelische UN-Botschafter Danny Danon (l.) Foto: picture alliance / Captital Pictures

Mindestens 80 Menschen sind bei dem Versuch gestorben, die spanische Enklave Ceuta in Nordafrika zu stürmen. Dennoch sind sich einige politische Akteure nicht zu schade, den größten Massenansturm in der Geschichte Spaniens zu nutzen, um ein paar billige politische Pünktchen zu sammeln und ihre zur Genüge bekannte Agenda an den Mann zu bringen. So behauptete der spanische Schauspieler und ewig bewegte Palästina-Aktivist Javier Bardem, der Ansturm sei Spaniens Strafe dafür, standhaft Israels angeblichen Völkermord in Gaza verurteilt zu haben.

Der AfD-EU-Parlamentarier Tomasz Froelich schwurbelte ebenfalls von einem »hybriden Angriff« der »marokkanischen, amerikanischen und israelischen Interessen diene«. Wer hinter dieser Attacke stecken soll, verrät Froelich nicht, aber der Elefant im Raum trägt Kippa. Noch offensichtlicher wurde ein KI-Video, dass in den sozialen Medien millionenfach geklickt wurde. Darin spuckt ein Schiff mit Netanjahu-Antlitz Migranten am laufenden Band an die Küste. So werden Menschen zu Munition degradiert.

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Doch auch die israelische Seite bekleckerte sich nicht mit Ruhm. So erklärte Israels UN-Botschafter Danny Danon hämisch, bevor Spanien Israel weiter belehre, solle es der Welt erklären, warum es noch immer koloniale Enklaven in Afrika unterhalte. Nur war Ceuta nie marokkanisch, sondern wurde von Phöniziern gegründet und steht seit 1415 unter iberischer Herrschaft. Dass die Bürger von Ceuta sich selbst als Spanier identifizieren, scheint Danon auch nicht zu interessieren. Postkolonialistische Talking Points sind eben nur so lange Teufelszeug, bis sie politisch opportun werden.

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Dazu kommt: Beide Agenden scheinen sich zu befeuern. So wurde der 2019 von Yair Netanjahu – Sohn des israelischen Premiers – geteilte Aufruf an Araber, sich ihre »besetzten Gebiete« Ceuta und Melilla zurückzuholen, von antisemitischen Verschwörungstheoretikern wie Javier Bardem als Beleg dafür gesehen, dass Israel hinter dem jüngsten Massenansturm steckt. Und während der Kreis sich schließt, haben diese politischen Pünktchensammler über alles gesprochen – nur nicht über das, worum es eigentlich geht: Die berechtigte Kritik an der israelfeindlichen Außenpolitik Spaniens und die Frage, warum 60.000 Menschen mit falschen Versprechungen dazu gebracht wurden, ihr Leben zu riskieren.

kottmann@juedische-allgemeine.de

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