Meinung

Im Zweifel für das Narrativ?

Eingang zum Verlagsgebäude der »taz« in Berlin Foto: picture alliance/dpa

Dass man bereits online gegangene Texte nachträglich korrigieren muss, gehört zum Arbeitsalltag von Journalisten. Dass wichtige Korrekturen erst vorgenommen werden, nachdem die Fehler in den sozialen Medien lang und breit diskutiert wurden, ist hingegen unüblich. Doch so geschah es im Fall eines Gastbeitrags von Mohamed Ibrahim in der »tageszeitung« (taz). Die Überschrift lautete: »Solidarität mit Palästina in der BRD: Warum ich die Vorsilbe ›Deutsch‹ wieder ablegte«. Der Text wurde bereits am 4. August online veröffentlicht, aber erst jetzt an zwei wichtigen Stellen verändert.

Ibrahim, Sohn eines 1945 im heutigen Israel geborenen Palästinensers, schildert in dem 17.000 Zeichen langen Beitrag seine und die Lebensgeschichte seiner Eltern als Flüchtlinge in West-Berlin. Sein Vater, schreibt er in der ursprünglichen Fassung des Artikels, sei an Kinderlähmung (Polio) erkrankt, weil er »durch die Vertreibung« im Zuge der Staatsgründung Israels 1948 »die Impfung gegen Kinderlähmung nicht rechtzeitig« erhalten habe.

Das Problem an der Geschichte: Der erste Impfstoff gegen Polio wurde 1955 in den USA entwickelt und war zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Vertreibung von Ibrahims Vater noch gar nicht verfügbar. Auf diesen Fakt wiesen vergangene Woche zahlreiche Kommentatoren in den sozialen Netzwerken hin. Doch erst am Montag rang sich die »taz«-Redaktion zu einer Korrektur durch. Der Satz über die angeblich verpasste Impfung wurde ersatzlos gestrichen.

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Es war nicht der einzige Fehler im Text. Auch die Behauptung des Verfassers, seine Familie sei 1973 aus dem Libanon wegen des Bürgerkriegs geflohen, »der dort soeben begonnen hatte«, stimmte nicht. Der libanesische Bürgerkrieg begann erst zwei Jahre später. In der berichtigten Fassung heißt es nun, die Ibrahims hätten den Libanon Richtung Deutschland verlassen, weil sie dem »drohenden Bürgerkrieg, der sich dort ankündigte«, entfliehen wollten.

Wie es sich gehört, stellt die »taz« in einem Hinweis am Ende des Essays klar, dass man die beiden Fehler nunmehr korrigiert habe und sie bedauere. Viele andere in Ibrahims Beitrag aufgestellte Behauptungen, beispielsweise die, wonach unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023 »viele Demonstrationen gegen den Krieg« in Gaza von den deutschen Behörden verboten worden seien, finden sich jedoch weiterhin dort.

Einer Ende 2024 veröffentlichten Studie der Reporter von »STRG_F« zufolge wurden zwischen Oktober 2023 und März 2024 lediglich 0,7 Prozent aller deutschlandweit angemeldeten Versammlungen untersagt. In diesem Zeitraum richteten sich zudem mehr Verbotsverfügungen gegen geplante Bauernproteste (112) als gegen »propalästinensische« Demos (89).

Dass Mohamed Ibrahim dies anders wahrgenommen hat, dürfte in erster Linie an seinem nach dem 7. Oktober 2023 entwickelten Aktivismus liegen. In der »taz« schreibt er: »Eine von mir angemeldete Versammlung wurde trotz vorheriger Genehmigung vor Ort von der Polizei untersagt. Später wurden wieder mehr Kundgebungen zugelassen. Gleichzeitig erlebte ich Polizeigewalt gegen Demonstrierende in einem Ausmaß, das ich bis dahin nicht kannte. Seitdem gehe ich Polizeibeamt*innen auf der Straße möglichst aus dem Weg.«

Er habe sein ganzes Leben lang versucht, Brücken zu bauen, auch zwischen Muslimen und Juden in Deutschland. »Auf den antipalästinensischen Rassismus nach dem 7. Oktober war ich jedoch nicht vorbereitet«, schreibt er weiter. Weil Deutschland nach dem Hamas-Angriff Israel seine uneingeschränkte Solidarität zugesagt habe und »im Verständnis der deutschen Staatsräson« für das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza »kaum Platz zu sein« scheine, sehe er sich selbst nicht mehr als Deutschen, sondern nur noch als Palästinenser. Das Land, in dem er die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat und dessen Staatsbürgerschaft er seit 1991 besitzt, fühlt sich für Ibrahim nicht mehr wie Heimat an.

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Heimatgefühl kann man nicht verordnen. Schon der Versuch, das zu tun, wäre zum Scheitern verurteilt. Man sollte die Aussagen von Menschen, die sich Deutschland entfremdet haben, auch ernst nehmen. Und doch stellen sich Fragen. Warum führte die deutsche Solidarität mit Israel nach dem schlimmsten antisemitischen Angriff seit der Schoa bei Mohamed Ibrahim zur Entfremdung von Deutschland, während die schrecklichen Hamas-Massaker ihn nicht an seiner Identität als Palästinenser zweifeln ließen?

In seinem »taz«-Text schreibt er: »Auf den antipalästinensischen Rassismus nach dem 7. Oktober war ich (…) nicht vorbereitet.« Über den seitdem grassierenden Judenhass, der sich auch bei zahlreichen »propalästinensischen« Demonstrationen in Berlin manifestierte, verliert Ibrahim keine Silbe.

Ausführlich gibt die »taz« ihm Gelegenheit, seine politischen Ansichten einem großen Publikum auszubreiten. Es steht zu vermuten, dass sie bei der Leserschaft auf Verständnis, ja Zustimmung stoßen. Texte, die sich gegen die angeblich fehlgeleitete Politik der Staatsräson wenden, wurden zwar schon tausendfach in deutschen Zeitungen veröffentlicht, werden aber offenbar nie langweilig.

Und das, obwohl sie häufig auch mal Fünfe gerade sein lassen und es mit den Fakten nicht so genau nehmen. Es geht schließlich nicht um Fakten, sondern um Emotionen. Und es geht um die Wiederholung eines bestimmten Narrativs. Es lautet: »Die wahren Opfer des 7. Oktober 2023 sind die Palästinenser.«

Michael Thaidigsmann ist Europa-Korrespondent der Jüdischen AllgemeinenFoto: Privat

Es mangelt in Deutschland nicht an Empathie mit dem schweren Schicksal palästinensischer Zivilisten. Und aus Meinungsumfragen zum Nahostkonflikt wird auch deutlich, wie ablehnend die meisten Deutschen Israels Vorgehen gegenüberstehen. Um zu dieser Erkenntnis zu kommen, müsste man sich allerdings mal die Mühe machen, die Faktenlage zu studieren - auch und gerade, wenn sie womöglich dem gängigen Narrativ eines Meinungsartikels widerspricht.

Faktenchecks und das Hinterfragen von Behauptungen gehören zum Einmaleins des Journalismus. Das gilt auch für persönliche Meinungsbeiträge. Sicher, Fehler passieren und im Online-Bereich kann man sie korrigieren. Aber mit einer »Anmerkung der Redaktion« sollte man es bei der »taz« in diesem Fall nicht bewenden lassen.

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