Meinung

Nicht wegen des Krieges: Warum Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wirklich zurücktreten sollte

Benjamin Netanjahu zu kritisieren, ist längst kein Wagnis mehr. Im Gegenteil: Es gehört inzwischen fast zum guten Ton. Wer sich öffentlich gegen Israels Ministerpräsidenten positioniert, darf sich meist der Zustimmung sicher sein. Auch ich kritisiere Netanjahu – allerdings aus einem anderen Grund als viele seiner Gegner.

Mein Vorwurf beginnt nicht nach dem 7. Oktober 2023, sondern davor.

An diesem Tag versagten die israelischen Sicherheitsbehörden auf dramatische Weise. Terroristen der Hamas konnten die Grenze überwinden, Menschen auf einem Musikfestival und in Kibbuzim ermorden, Frauen vergewaltigen, Familien auslöschen und Hunderte Menschen als Geiseln verschleppen. Es war der schwerste Angriff auf Juden seit dem Holocaust. Als Ministerpräsident trägt Netanjahu für dieses historische Sicherheitsversagen die politische Verantwortung. Dass ein Staat mit einem der leistungsfähigsten Nachrichtendienste der Welt einen solchen Angriff nicht verhindern konnte, bleibt sein größtes Versagen.

Doch genau darüber wird erstaunlich wenig gesprochen.

Wer Netanjahu kritisiert, sollte dies mit klaren und nachvollziehbaren Argumenten tun.

Fragt man viele der lautstarken Netanjahu-Kritiker, worin ihre konkrete Kritik eigentlich besteht, wird die Antwort oft unklar. Schnell zeigt sich, dass sich ihr Vorwurf weniger auf das Versagen vor dem 7. Oktober richtet als auf das, was danach geschah: Israels militärische Gegenoffensive in Gaza.

Hier lohnt sich eine einfache Gegenfrage: Welcher demokratische Staat hätte nach einem Terrorangriff dieses Ausmaßes nicht militärisch reagiert? Welcher Regierungschef hätte nach einem Massaker an seiner Bevölkerung erklärt, man werde auf einen Gegenschlag nur halbherzig oder gar gänzlich verzichten? Die Antwort fällt meist ausweichend aus, weil sie unbequem ist.

Man kann über das Ausmaß, die Strategie und einzelne Entscheidungen der israelischen Militärführung streiten. Man kann – und sollte – über zivile Opfer, humanitäres Leid und die Grenzen militärischer Gewalt diskutieren. Das gehört zu einer offenen Gesellschaft. Doch die Behauptung, Israel hätte nach dem 7. Oktober schlicht nicht zurückschlagen dürfen, blendet eine grundlegende Realität aus: Jeder Staat hat das Recht und die Pflicht, seine Bevölkerung vor weiteren Terrorangriffen zu schützen. Mir fällt in der Geschichte kein Krieg ein, in dem die Bevölkerung aufgefordert wurde, das zu attackierende Gebiet zu verlassen.

Lesen Sie auch

Die öffentliche Debatte scheint jedoch zunehmend von Bildern und Schlagzeilen geprägt zu sein. Die nahezu tägliche Berichterstattung über das Leid in Gaza beeinflusst zwangsläufig die Wahrnehmung vieler Menschen. Das ist verständlich. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass der Auslöser dieses Krieges immer weiter in den Hintergrund rückt und Ursache und Reaktion moralisch gleichgesetzt werden.

Wer Netanjahu kritisiert, sollte dies mit klaren und nachvollziehbaren Argumenten tun. Sein schwerstes politisches Versagen war nicht die Tatsache, dass Israel nach dem 7. Oktober militärisch reagierte. Sein schwerstes Versagen war, dass es überhaupt zu diesem beispiellosen Terrorangriff kommen konnte.

Darüber sollte die Debatte geführt werden. Nicht über die Illusion, irgendein anderer Regierungschef hätte nach einem Massaker dieser Dimension einfach zur Tagesordnung übergehen können.

Der Autor ist Schoa-Überlebender und ehemaliger Direktor der Jewish Claims Conference für Deutschland.

Großbritannien

Applaus für britischen Außenminister von der Hamas

Ein hochrangiger Funktionär der Terrorgruppe begrüßt die Sanktionen, mit denen das Vereinigte Königreich Israel belegt hat. Das sei ein »wichtiger Schritt in die richtige Richtung«

 10.09.2026

Skandal

Hasswelle gegen Ex-Soldaten bringt Adidas in Bedrängnis

Shalev Biton wurde wegen seiner Teilnahme an einer Adidas-Kampagne zur Zielscheibe israelfeindlicher Aktivisten. Nun entschuldigt sich der Sportartikelhersteller

von Sabine Brandes  10.09.2026

Syrien

Grossi: Von Israel zerstörter Reaktor hätte atomwaffenfähiges Material produzieren können

2007 zerstörte Israel den Atomreaktor Deir ez-Zor. 19 Jahre später bestätigt Atom-Aufseher Rafael Grossi, dass die Anlage atomwaffenfähiges Material hätte produzieren können

 10.09.2026

Jerusalem

Israels Nationalbibliothek errichtet Abteilung für Terrorgedenken

Der Hamas-Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 gilt als traumatisches Ereignis in der israelischen Gesellschaft. Mit einer umfassenden Materialiensammlung will die Nationalbibliothek es im kulturellen Gedächtnis verankern

von Burkhard Jürgens  10.09.2026

Diplomatie

Herzog wirbt für Dreiertreffen mit Zypern und Libanon

Derzeit gibt es zwar Gespräche zwischen Vertretern Israels und dem Libanon - aber auf Botschafterebene. Ein Traum von Israels Präsident Herzog geht weiter

 10.09.2026

Taglit

Emotionales Bootcamp mit Lior Raz

Israels Superstar kam kurz vor dem Start der fünften »Fauda«-Staffel nach Berlin, um sich für »Birthright« starkzumachen. Und für einen optimistischeren jüdischen Staat

von Sophie Albers Ben Chamo  10.09.2026

Westjordanland

Das System der Gewalt

Wie extremistische Siedler und politische Kräfte das Gebiet destabilisieren – und warum Ex-General Gadi Shamni vor einer Eskalation warnt

von Sabine Brandes  10.09.2026

Meinung

Wahlkampf in Israel: Schluss mit der Schlammschlacht!

Niemand erwartet, dass Politiker einander mit Samthandschuhen anfassen. Aber eine Wahl in einer Demokratie ist keine Realityshow voller Gekreische

von Sabine Brandes  10.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  10.09.2026