Medien

Geglaubt und geteilt

So absehbar wie erbärmlich. Wieder gießt ein Journalist Öl ins Feuer und verwahrt sich anschließend empört gegen den Vorwurf, den Brand zu beschleunigen. Diesmal also Georg Restle. Auch weit entfernt in Nairobi bleibt er seiner Mission treu, die ihn bereits als Leiter des ARD-Politmagazins Monitor beflügelte: »unbequem zu sein für die Mächtigen« und sich »stark zu machen für die Schwachen«.

Ceuta liegt zwar nicht im subsaharischen Afrika, fällt aber in die moralische Zuständigkeit des frisch gebackenen Auslandskorrespondenten. Nicht wegen der Flüchtlinge, sondern weil, so der amerikanische Politikwissenschaftler Stephen Zunes, mutmaßlich ein »US-israelisch-marokkanisches Netzwerk« hinter der Krise stecke, mit dem Ziel, »Europa zu spalten und das Völkerrecht zu untergraben«.

Eine krude These, die der Investigativjournalist Georg Restle ohne jeden Beleg für so interessant hält, dass er den raunenden Artikel verlinkt und dann genau jenen verräterischen Satz zitiert, über den er jetzt schreibt, er wolle ihn sich weder zu eigen machen, noch ihn selbst so formuliert hätte. Falsch sei es gewesen, das Zitat »kommentarlos wiederzugeben«, sind sich nun Georg Restle und der WDR einig.

Wir Juden gehören zwar einer Minderheit an, aber einer imaginiert mächtigen, gegen die es gilt, tapfer Kurs zu halten.

Wie aber hätte der passende Kommentar lauten sollen? Vorschlag: »Wie kann ein renommierter Professor so einen antisemitischen Müll verbreiten?« Natürlich nicht. Restle zitiert Zunes, weil er ihm glaubt, weil die Verschwörungserzählung in ihm selbst ein Echo findet, das er bereitwillig verstärkt. Geglaubt, geliked, gepostet – alles auf Restles privatem Account, aber privat ist hier natürlich nichts. Seine fast 160 Tausend Follower verdankt er seinem alten Job.

Eine Reichweite, die in seinem neuen Amt in weiter Ferne liegt. Jetzt ist er unter anderem für Somalia, Nigeria und Mali zuständig, Länder also, in denen diverse IS-Ableger wüten. Das aber ist den meisten hier herzlich gleichgültig. Uganda gehört auch zu seinen neuen Aufgaben.

Und so wäre der 27. Juni ideal gewesen für einen engagierten X-Post, vor allem aber für ein Stück in der Tagesschau mit emotionalem Widerhall. Der 50. Jahrestag der Entführung eines Airbus aus Israel nach Uganda durch zwei Palästinenser und zwei Deutsche, die sich aktiv an der Selektion jüdischer Geiseln beteiligten, ist eine historische Zäsur in der Geschichte der Linken mit ihrem »Judenknax«.

Und der Bezug zu Israel und Gaza wäre hier zudem aktuell gewesen. Uganda baut dem getöteten israelischen Kommandeur Joni Netanjahu ein Denkmal am Flughafen in Entebbe und wird sich an der Friedenstruppe für Gaza beteiligen. Einmal mehr lautet also die Frage nicht nur, was hält wer für berichtenswert und warum, sondern auch, was fällt unter den deutschen Redaktionstisch?

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Die UNICEF-Veröffentlichung einer Studie zur Ernährungssituation von Kindern in Gaza etwa, die zum Ergebnis kommt, dass die Quote mangelernährter Kinder deutlich niedriger ist als etwa in Jordanien oder Ägypten.

Eine dubiose Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung hingegen über den Einfluss eines angeblich rechten israelfreundlichen Netzwerkes wird von »FAZ« bis »Taz« begeistert aufgegriffen. Beschworen wird dort einmal mehr die Angst vor der jüdischen Lobby, die das Klima an Universitäten und in Redaktionen beeinflusse. Eine absurde Täter-Opfer Umkehr. Tatsächlich sind es jüdische Studierende und Dozierende, die »Schweigen als Überlebensstrategie« wählen, die etwa an der Universität Hamburg in einem »Klima der Angst« leben, weil sie »systematisch beschimpft, bedroht und verdrängt werden«, wie die »Welt« gerade schrieb.

»Sich stark machen für die Schwachen« heißt für engagierte Streiter wie Georg Restle, Minderheiten zu schützen. Die Opferperspektive ist heilig, wenn es um Rassismus oder LGBTQ+-Diskriminierung geht. Wenn aber jüdische Stimmen sich zu Wort melden gegen Antisemitismus in Wissenschaft, Kultur, Politik oder im Journalismus, dann wird dies empört als Einschüchterungsversuch diffamiert.

Sophie von der Tann, Dunja Hayali, Georg Restle

Wir nämlich gehören zwar einer Minderheit an, aber einer imaginiert mächtigen, gegen die es gilt, tapfer Kurs zu halten. Dieser Gratismut zahlt sich aus. In Reichweite, Preisen und Karriere. Die tendenziöse und heftig kritisierte Israelberichterstattung der damaligen ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann bescherte ihr mehr Reichweite auf ihrem gebührenfinanzierten privaten Insta-Account und demnächst eine eigene Sendung.

Doch es geht weder um sie noch um Dunja Hayali, Georg Restle oder einen der vielen anderen Einzelfälle, die anschließend stets gekränkt zurückrudern und sich als Opfer fühlen. Der Restle-Post ist längst viral über alle Berge, aber die Wirkung fängt keiner mehr ein. Dazu gehört übrigens auch, dass sie einmal mehr die Gegner des so dringend benötigten ÖRR munitioniert und die AfD stärkt.
Den Preis für einen Journalismus, der den professionellen Anforderungen an Fairness, Ausgewogenheit und ethischer Verantwortung nicht genügt, zahlen wir alle, die wir mit den Folgen des durch diese Einseitigkeit befeuerten Judenhasses leben müssen.

Die Autorin ist Journalistin und war mehr als 20 Jahre lang Redakteurin bei der ARD und dort Abteilungsleiterin.

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