Es hätte überall in der Schweiz passieren können – in Zürich, Basel oder Bern. Nun hat es Winterthur getroffen, eine für Schweizer Verhältnisse mittlere, oft als ruhig und geordnet wahrgenommene Stadt. Am helllichten Tag werden Menschen aus dem Alltag gerissen. Drei Passanten werden mit einer Stichwaffe angegriffen, alle müssen ins Krankenhaus, einer davon ist schwer verletzt.
Der Täter: ein Mann, über den berichtet wird, er sei schweizerisch-türkischer Doppelbürger, mit 14 Jahren wurde er Schweizer. Offenbar war er integriert oder wirkte zumindest so. Dann ging er ins Ausland, namentlich in die Türkei, und kam zurück – islamistisch radikalisiert. So viel ist ebenfalls über ihn bekannt. Hinweise auf seine Entwicklung soll es gegeben haben. Er kam zeitweise in eine Klinik – und wurde einen Tag vor der Bluttat wieder entlassen, weil ein Arzt keine akute Gefahr für die Gesellschaft sah.
Doch die eigentliche Frage geht über diesen Einzelfall hinaus. Es ist nicht nur das Versagen einzelner Institutionen, sondern auch die Konfrontation mit einer Realität, die viele lange nicht wahrhaben wollten. Die Schweiz, die sich gern als stabil, sicher und abgeschirmt versteht, ist Teil einer globalen Entwicklung. Radikalisierung endet nicht an Landesgrenzen.
Radikale ideologische Tendenzen richten sich oft zuerst gegen jüdische Menschen und sehr bald gegen unsere Wertvorstellungen als Gesellschaft.
Es sind oft keine organisierten Netzwerke, sondern Einzelpersonen – diese »einsame Wölfe« –, die sich ideologisch aufladen, sich im Internet oder im Ausland beeinflussen lassen und schließlich zur Tat schreiten. Unauffällig, bis es zu spät ist.
Ähnliches passierte am 2. März 2024 in Zürich. Ein orthodoxer Jude wurde mitten in der Zürcher Innenstadt Opfer einer brutalen Attacke. Ein Angreifer stach auf ihn ein, ebenfalls begleitet von islamistischen Parolen. Der Täter hatte die klare Absicht zu töten. Dass das Opfer überlebte, war kein Ergebnis fehlender Gewaltbereitschaft, sondern einfach nur Glück.
In beiden Fällen zeigt sich dieselbe Dynamik: Radikalisierung, ideologische Aufladung, Gewalt gegen zufällige oder symbolisch ausgewählte Opfer im öffentlichen Raum. Und in beiden Fällen stellt sich im Nachhinein die gleiche Frage: Was wurde übersehen? Wo hätte man früher eingreifen können?
Die politische Debatte wird schnell andere Themen aufgreifen – Migration, Bevölkerungswachstum, Sicherheitspolitik. Doch der Kern des Problems liegt tiefer. Es geht um die unbequeme Erkenntnis: Auch in einem wohlhabenden, stabilen Land fallen Menschen durch die Maschen. Manche ziehen sich zurück, radikalisieren sich, entwickeln ein Weltbild, das Gewalt legitimiert. Winterthur ist kein Einzelfall. Es ist ein Beispiel und reiht sich ein in die immer länger werdende Liste islamistisch-motivierter Terrorakte in Deutschland, Frankreich oder Belgien.
Im Hintergrund, das zeigt das Beispiel von Winterthur, züchtet sich eine Radikalisierung heran, die zunehmend grundlegende Prinzipien unserer offenen Gesellschaft angreift: Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung, Toleranz und das friedliche Zusammenleben. Radikale ideologische Tendenzen richten sich oft zuerst gegen jüdische Menschen und sehr bald gegen unsere Wertvorstellungen als Gesellschaft. Nun hat diese Entwicklung auch die Schweiz erreicht.
In Winterthur haben die Opfer überlebt. Aber Sicherheit lässt sich nicht daran messen, dass etwas gerade noch einmal gut gegangen ist.
dreyfus@juedische-allgemeine.de