Meinung

EU-Parlament: Fällt die Brandmauer?

Michael Thaidigsmann Foto: Privat

Wirken Rechtsextreme auf EU-Ebene an der Gesetzgebung mit? Medienberichte, wonach sich Abgeordnete und Mitarbeiter der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) mit AfD-Vertretern im EU-Parlament in einer gemeinsamen WhatsApp-Gruppe zur Migrationspolitik abgestimmt haben sollen, elektrisieren die Politik.

Die Enthüllung wirft Fragen auf: Planen die Christdemokraten eine Kooperation mit rechtsextremen Kräften? Und was wusste der EVP-Fraktionschef Manfred Weber (CSU) von der Sache?

EVP-Chef Manfred Weber hat in der Vergangenheit des Öfteren nach rechts geblinkt.

Bei aller Aufregung wird oft vergessen, dass sich die Arbeitsweise des Europaparlaments von der vieler nationaler Volksvertretungen unterscheidet. Zwar gehören die meisten der 720 EU-Abgeordneten den acht Fraktionen an, von denen drei den rechten Rand des Spektrums abdecken. Eine strikte Einteilung in Regierungsmehrheit und Opposition gibt es im Europäischen Parlament aber nicht. Einzelne Abgeordnete können deshalb großen Einfluss auf Gesetzesvorhaben ausüben, und viele nutzen das auch.

Dennoch haben sich die demokratischen Kräfte darauf verständigt, radikalen, antieuropäischen Kräften keinen Einfluss auf die EU-Politik zu gewähren. Diese Brandmauer hat ihren Sinn. Und Manfred Weber wies selbst darauf hin, dass in der AfD »die Neonazis um Björn Höcke den Ton angeben«.

Lesen Sie auch

Mit Goethes Faust möchte man ihm zurufen: »Die Botschaft hörʼ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.« Denn der EVP-Chef hat in der Vergangenheit des Öfteren nach rechts geblinkt. So baute seine Fraktion vergangenes Jahr bei der Abstimmung zum Lieferkettengesetz auf die Stimmen der Rechtsaußen, anstatt sich in der demokratischen Mitte Mehrheiten zu suchen.

Doch auch die anderen Fraktionen im EU-Parlament müssen bei der Wahrheit bleiben. Wenn sie den Fall der Brandmauer wirklich verhindern wollen und ihre Kritik an der EVP nicht nur parteitaktischer Natur ist, müssen sie sich kompromissbereiter zeigen. Nur so kann der Einfluss der Rechtsextremen auf die europäische Politik begrenzt werden.

Der Autor ist Brüssel-Korrespondent der Jüdischen Allgemeinen.

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Kommentar

Wenn »schwarz auf weiß« nicht mehr genügt

Eine funktionierende Demokratie braucht freie Medien – aber vor allem glaubwürdige

von Roman Haller  10.05.2026

Meinung

»Boykottlisten« gegen »Zionisten«? Die 30er-Jahre lassen grüßen

Streit um eine Palästina-Halskette: Was wirklich im Berliner Café »The Barn« passierte, was das Café »Acid« damit zu tun hat und welche Rolle die Lokalpresse spielt

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Essay

Wenn meine Töchter mich fragen

Am 8. Mai 1945 wurde der NS-Staat besiegt, aber nicht das Denken, das ihn ermöglicht hat. Der Hass wächst heute wieder. Werde ich meinen Kindern einmal sagen können, dass ich nicht geschwiegen, sondern widersprochen habe?

von Andreas Albrecht  08.05.2026

Meinung

Der »Tag des Sieges« und der Krieg heute

Vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges müssen wir die Geschichte neu aufrollen und hinterfragen, wie wir mit dem stets pompös begangenen 9. Mai umgehen sollen

von Irina Bondas  08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026

Meinung

Warum Erwin Rommel kein Vorbild für die Bundeswehr sein kann

Der Mythos vom ritterlichen »Wüstenfuchs« überlagert bis heute die wahre Geschichte hinter dem Nazi-General. Umso dringender ist eine Beschäftigung mit seiner Biografie

von Benjamin Ortmeyer  07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Meinung

Die Angst, als Jude erkannt zu werden

Der Lagebericht des Zentralrats offenbart, wie unsicher sich Juden in Deutschland fühlen. Eine Gemeindevorsitzende beschreibt, was das für den Alltag der jüdischen Gemeinschaft bedeutet

von Jeanne Bakal  07.05.2026