Andreas Nachama

Ein sichtbares Erinnerungszeichen

Andreas Nachama Foto: Chris Hartung

Andreas Nachama

Ein sichtbares Erinnerungszeichen

Ein deutliches Signal gegenüber Polen ist längst fällig – ob als Doku-Zentrum oder Denkmal für die Opfer im NS-besetzten Land

von Andreas Nachama  18.06.2020 06:16 Uhr

Als am 1. September 1939 durch Nazi-Deutschland der Zweite Weltkrieg entfesselt wurde, war es scheinbar »nur« ein militärischer Überfall auf Polen. Schon in dieser frühen Phase war es sowohl in der diplomatischen Dimension als auch in der Art der Kriegsführung ein entgrenzter Krieg.

Diplomatisch hatte NS-Deutschland mit der Sowjetunion Osteuropa in deutsche und sowjetische Einflussgebiete aufgeteilt. Militärisch kamen eigens aufgestellte »Einsatzgruppen« zum Einsatz. Die systematische Ermordung von Angehörigen der polnischen Intelligenz und von Juden begann.

TEILUNGEN In der Schule haben wir gelernt, dass es »drei polnische Teilungen« gegeben habe, als hätte sich Polen selbst zerlegt. Tatsächlich war es europäische Großmachtpolitik, die Polen teilte. Warschau war über lange Zeit eine »preußische« Stadt.

Polen lebte erst nach dem Ersten Weltkrieg in den Pariser Vorortverträgen als Staat wieder auf und wurde 1939 eben durch NS-Deutschland und die Sowjetunion geteilt, die sich des östlichen Teils Polens bemächtigte. Die Traumata sitzen bei den Polen tief. Sie haben ihren Blick auf diese Geschichte, der sich nicht nur in Details von unserer Geschichtssicht unterscheidet.

Die Traumata sitzen bei den Polen tief.

Damit meine ich nicht nur den Antisemitismus in Polen, sondern auch eine legitime Sicht auf polnischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus und den Verrat der westlichen Alliierten im Zweiten Weltkrieg der polnischen Exilregierung und ihrer Armee gegenüber, die das Land dem sowjetischen Expansionismus opferten.

Ein sichtbares Erinnerungszeichen den Polen gegenüber wäre, nicht nur die von hier aus verantwortete Geschichte des 20. Jahrhunderts reflektierend, überfällig. Ob das allerdings ein Dokumentationszentrum sein kann, wo dann neben polnischen Geschichtsperspektiven auch andere osteuropäische Sichtweisen und Interessen dokumentiert werden müssten, oder vielleicht doch besser ein Denkmal für die Opfer im NS-besetzten Polen, wozu dann auch wieder die Juden Polens zählen würden, muss noch geklärt werden.

Der Autor ist Rabbiner in Berlin und Direktor der Stiftung Topographie des Terrors im Ruhestand.

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  04.07.2026

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  02.07.2026 Aktualisiert

Meinung

Was Deutschland von Albanien lernen kann

Wer immer noch überrascht tut und nicht konsequenter gegen die Mullahs vorgeht, handelt nicht nur fahrlässig, sondern lädt ihre Killer geradezu ein

von Ralf Balke  02.07.2026

Meinung

Warum Hessens Vorstoß mit der Meinungsfreiheit vereinbar ist

Die Landesregierung will die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe stellen. Mit einer veränderten Begründung und anderen leichten Modifikationen wäre der umstrittene Entwurf grundgesetzkonform

von Fiete Kalscheuer  01.07.2026

Künstliche Intelligenz

Ich schreibe, also bin ich

Noch nie war es so einfach, Gedanken mit KI in Worte zu fassen. Doch was bedeutet das für unser Denken, unseren Journalismus und eine der grundlegendsten menschlichen Fähigkeiten?

von Nicole Dreyfus  01.07.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Kommentar

Für Islamisten existiert kein Kindeswohl

In glühender Hitze wurden Kinder von Islamisten gefesselt durch Berlin geführt. Dass so etwas mitten in der Hauptstadt geschehen kann, ist die Folge einer fehlgeleiteten Migrationspolitik

 30.06.2026

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Früher hätte man Journalisten wie Restle, die Juden unterstellen, sie seien nur Sprachrohr einer Regierung in Israel, die Eignung als Politik-Redakteure beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk abgesprochen. Zu Recht

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  28.06.2026 Aktualisiert