Meinung

Correctiv: Zu viel Theater, zu wenig Journalismus

Joshua Schultheis Foto: Ira Prohorova

Meinung

Correctiv: Zu viel Theater, zu wenig Journalismus

Die Recherche zum »Potsdamer Geheimtreffen« hat deutschlandweit Proteste gegen die AfD ausgelöst. Doch die Kernaussage des Textes stimmt nicht, urteilt nun ein Gericht – und der Schaden ist groß

von Joshua Schultheis  16.04.2026 16:44 Uhr

Die Correctiv-Recherche »Geheimplan gegen Deutschland« ist in Prolog, Epilog und drei Akte eingeteilt und wurde nach ihrer Veröffentlichung als szenische Lesung im Theater aufgeführt. Nun erweist sie sich als Posse. Laut eines am Montag öffentlich gewordenen Urteils des Landgerichts Berlin ist die Kernaussage des Textes »im Wesentlichen unwahr« und darf nicht weiter verbreitet werden. Correctiv hat gegen die Entscheidung Berufung eingelegt.

Das Investigativmedium hatte im Januar 2024 suggeriert, bei einem Treffen in Potsdam, an dem unter anderem CDU- und AfD-Politiker sowie der bekannte Rechtsextreme Martin Sellner teilgenommen hatten, sei »ein ›Masterplan‹ zur Ausweisung von deutschen Staatsbürgern« diskutiert worden. Hunderttausende gingen daraufhin gegen Rechtsextremismus auf die Straße.

Das Gericht machte den Job, der eigentlich auch der von Journalisten ist: möglichst nahe an die Realität herankommen.

In mehreren Verfahren wurde seitdem festgestellt, dass bei dem Treffen nie explizit von der Ausweisung von Deutschen die Rede gewesen ist. Das Landgericht Hamburg hatte im November jedoch noch geurteilt, dass die entsprechende Passage eine zulässige Meinungsäußerung und keine Tatsachenbehauptung sei. Die unklare und effekthascherische Sprache des Textes bewahrte Correctiv vor dem Schuldspruch.

Im jüngsten Urteil zu dem Fall ließ sich das Berliner Gericht von diesem Theaternebel aber nicht verwirren – und machte damit den Job, der eigentlich auch der von Journalisten ist: möglichst nahe an die Realität herankommen.

In dieser Realität träumen Sellner und Teile der AfD von einem ethnisch homogenen Deutschland durch millionenfache »Remigration«. Dass das auf legalem Wege erreichbar ist, ist zweifelhaft. Unmenschlich ist es allemal. Doch Anhänger des Konzepts vermeiden den offenen Widerspruch zum Grundgesetz, rudern notfalls rhetorisch zurück.

Lesen Sie auch

Guter Journalismus wäre akribische Indizienarbeit, mit der man ihren wahren Intentionen auf die Spur kommt. Correctiv entschied sich für eine Abkürzung: die pompöse Inszenierung einer vermeintlich dramatischen Enthüllung. Den Schaden hat die Glaubwürdigkeit der gesamten Presse.   

schultheis@juedische-allgemeine.de

Meinung

Notbremse gegen Antisemitismus

Die Hochschulleitungen müssen den Judenhass ihrer Mitarbeiter und Studierenden als das ernst nehmen, was er ist: eine Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland

von Debora Eller  22.07.2026

Meinung

Herr Kretschmer, es gibt nichts mit der AfD zu bereden!

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer stellt einmal mehr die Brandmauer in Frage und will »mit jedem reden, der reden will«. Doch reden muss man allenfalls mit den Wählern der AfD

von Michael Thaidigsmann  22.07.2026

Meinung

Es reicht!

Im Angesicht der brutalen und mutmaßlich antisemitisch motivierten Gewalttat bei Würzburg muss endlich über Verantwortlichkeiten geredet werden

von Volker Beck  22.07.2026

Meinung

Ist der neue jüdische Außenminister nur ein Feigenblatt?

Großbritanniens neuer Premier Andy Burnham hat Ed Miliband zum Außenminister ernannt. Dass nun ein jüdischer Politiker für die Nahostpolitik zuständig ist, könnte auch ein Feigenblatt sein

von Michael Thaidigsmann  21.07.2026

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  18.07.2026 Aktualisiert

Kommentar

Warum ich mit der SPD fertig bin

Eine späte Einsicht ist besser als gar keine, oder?

von Imanuel Marcus  18.07.2026

WM-Nachlese mit Marcel Reif

»Man muss Infantino zum Teufel jagen und die FIFA auflösen«

Der Moderator und Fußballexperte spricht im Interview über seine persönlichen Highlights und Enttäuschungen der WM, über surreale Argentinier und die Sinnhaftigkeit der Trinkpausen

von Michael Thaidigsmann  17.07.2026

Essay

Der Flüchtlingsstatus der Palästinenser muss endlich enden

Wer über Asyl spricht, muss auch über die Bedingungen sprechen, unter denen Schutz wieder entfallen sollte

von Steven Guttmann  16.07.2026

Meinung

So markiert man Feinde

Die sogenannte Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung zur UNRWA enthält entlarvende Widersprüche. Sie konstruiert eine angebliche Kampagne gegen das Palästinenserhilfswerk und stellt dessen Kritiker in die rechte Ecke

von Rebecca Schönenbach  16.07.2026