Irland

Ausgerechnet eine Antisemitismuskonferenz fällt dem Judenhass zum Opfer

Bestimmte Orte in Städten werden oft zu Teilen des eigenen Lebens, ohne dass man das vorhersehen kann. Für mich gibt es hier in Dublin einen solchen Ort: das Herbert Park Hotel in Ballsbridge, ganz in der Nähe der US-Botschaft gelegen.

Über viele Jahre hinweg war ich immer wieder dort: für Geschäftstreffen, Silvesterfeiern und vor allem an den Geburtstagen meiner Mutter. Jedes Jahr, bis zu ihrem 93. Geburtstag, trafen sich dort ihre besten Freunde. Es stand immer Champagner auf dem Tisch, meist war es mehr als eine Flasche. Im Laufe der Zeit assoziierte ich dieses Hotel in Gedanken mit Freundschaft, mit Feiern - und mit meiner Mutter.

Umso befremdlicher ist es, dass ausgerechnet dieses Hotel viele Jahre später einen ganz anderen Platz in meiner Erinnerung einnimmt. Als der Jüdische Weltkongress begann, die SECCA-Konferenz in Dublin auszurichten, beauftragten wir eine Veranstaltungsmanagerin mit der Vorbereitung. Eine ihrer ersten Aufgaben bestand darin, eine geeignete Unterkunft zu finden.

Maurice CohenFoto: Phelia Barouh

Mehr als siebzig Personen benötigten Zimmer. Und das zu einer besonders geschäftigen Zeit in Dublin, denn Irland hat momentan den Vorsitz des Rates der Europäischen Union inne.

Es wurde eine Shortlist erstellt, und wir entschieden uns für das Herbert Park Hotel. Es gab die üblichen Gespräche über Preise und Konditionen, und dann kam vom Hotel die Bestätigung, dass die Zimmer reserviert seien. Wir mussten noch entscheiden, wo die Konferenz stattfinden sollte, also vereinbarten unsere Veranstaltungsmanagerin und ich ein Treffen mit der Hotelmanagerin, um die Tagungsräume zu besichtigen, obwohl wir bereits beschlossen hatten, in diesem Hotel zu übernachten.

Wir setzten uns bei einer Tasse Kaffee zusammen. Die Hotelmanagerin fragte mich, was SECCA sei. Ich erklärte ihr, dass die Organisation führende Persönlichkeiten aus den jüdischen Gemeinden in aller Welt sowie von der Regierung ernannte Beamte zusammenbringe, die für die Bekämpfung von Antisemitismus zuständig seien. Die meisten dieser Regierungsbeamten sind nicht jüdisch, sagte ich ihr. Und auch, dass die Konferenz im Zusammenhang mit der irischen EU-Ratspräsidentschaft stehe, Minister der irischen Regierung daran teilnehmen würden und einige der Teilnehmer den Taoiseach (Premierminister) treffen würden.

Während ich sprach, bemerkte ich, wie sich ihr Verhalten spürbar veränderte. Plötzlich war da eine Spannung im Raum. Dann stellte sie mir eine Frage, auf die ich wirklich nicht vorbereitet war: »Wird die IDF daran beteiligt sein?« Ich sah sie fragend an. Hatte ich richtig gehört? Die IDF?

Hier ging es ja um eine Konferenz zum Thema Antisemitismus, an der Vertreter jüdischer Gemeinden, Diplomaten, Beamte und Regierungsvertreter teilnehmen sollten. Und nichts, was ich zuvor gesagt hatte, hatte auch nur im Entferntesten was mit der israelischen Armee zu tun.

Das »Herbert Park Hotel« liegt im Dubliner Stadtteil BallsbridgeFoto: IMAGO/Depositphotos

Doch irgendwie war das Gespräch genau in diese Richtung gelaufen. Dann kam etwas, das mich noch mehr beunruhigte. Sie teilte uns mit, dass sie sich mit den Eigentümern des Hotels beraten müsse, um zu klären, ob wir überhaupt dort übernachten könnten. Es ging wie gesagt um mehr als 70 Zimmer, die bereits gebucht und bestätigt worden waren. Etwa einen Tag später erhielten wir die Antwort: Es geht nicht.

Was für Kontrast: Das Hotel, in dem ich Silvester gefeiert hatte, in dem ich mit Freunden mit Champagner angestoßen hatte, in dem ich die Geburtstage meiner Mutter begangen und das immer für Wärme und für Gastfreundschaft gestanden hatte, teilt nun einer Gruppe von Besuchern für eine Tagung zum Antisemitismus mit, dass sie dort nicht übernachten dürfen.

Ist es nicht ein Treppenwitz, wenn man eine internationale Konferenz zum Antisemitismus organisiert und man, noch bevor sie überhaupt angefangen hat, auf etwas stößt, das einen unweigerlich zum Thema der Konferenz führt?

Wie sehr das Wort »jüdisch« heutzutage doch eine Konversation verändert - und wie schnell eine Veranstaltung zum Thema Antisemitismus mit der israelischen Armee in Verbindung gebracht wird... Menschen, die noch willkommen waren, als sie einfach 70 Hotelgäste waren, sollen es plötzlich nicht mehr sein, weil bekannt ist, dass sie an einer jüdischen Tagung teilnehmen?

Maurice Cohen begrüßt die internationalen Gäste zur Tagung des SECCA in Dublin. Im »Herbert Park Hotel« waren sie nicht willkommenFoto: Phelia Barouh/WJC

Weil ich mir genau diese Frage stelle, erzähle ich diese Geschichte heute Abend. Denn der zeitgenössische Antisemitismus tritt nicht immer mit altbekannten Vokabeln auf. Er kündigt sich nicht immer mit Beleidigungen, Drohungen oder einem Plakat an.

Manchmal präsentiert er sich auch als Frage. Als Vorsichtsmaßnahme. Als Richtlinie. Als Bitte um Klarstellung. Er behandelt jüdische Identität als politische Loyalität. Er macht jüdische Menschen zu Vertretern eines fremden Staates, jüdische Zusammenkünfte zu Sicherheitsrisiken und gewöhnliche Gesten der Gastfreundschaft zu Entscheidungen, die einer besonderen Genehmigung bedürfen.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Der Antisemitismus heutzutage ist nicht nur gefährlich, weil er Juden ausgrenzt, sondern auch, weil er ihre Ausgrenzung gar als vernünftig erscheinen lässt. Die Frage bezüglich der IDF war kein harmloses Missverständnis. Sie zeigte, wie schnell die jüdische Identität mit Israel gleichgesetzt wird, wie schnell Israel mit Misstrauen gleichgesetzt wird – und wie schnell aus Misstrauen Diskriminierung entsteht.

70 Zimmer waren gebucht worden. 70 Menschen sollten als Gäste willkommen geheißen worden. Aber auf einmal waren nicht mehr willkommen. Man hatte sie in eine Schublade gepackt. Das ist keine lässliche administrative Unannehmlichkeit. Nein, es ist eine Warnung: Der Antisemitismus überlebt, weil er sein Vokabular anpasst, aber seine innere Logik beibehält: Juden werden als anders, als verdächtig behandelt und als kollektiv haftbar.

Lesen Sie auch

Die Ausdrucksweise mag neu sein, die Botschaft ist uralt. Man mag als Einzelperson ein Hotel betreten. Doch sobald man sich als Jude zu erkennen gibt, ist es vorbei mit der Gastfreundschaft. In Irland, dem Land der 100.000-fachen Willkommensgrüße, haben wir noch einen langen Weg vor uns. Denn der Maßstab, den man eine Gesellschaft anlegen soll, ist nicht, ob sie Menschen willkommen heißt, wenn sie noch nicht weiß, wer sie sind. Der Maßstab ist, ob man sie auch noch willkommen heißt, wenn man es weiß.

Der Autor ist Vorsitzender des Jewish Representative Council of Ireland, des Zentralrats der irischen jüdischen Gemeinschaft. Dieser Text basiert auf der Rede, die Cohen bei der SECCA-Tagung des Jüdischen Weltkongresses in Dublin gehalten hat.

Kommentar

Eine unheilvolle Allianz

Wenn wie in Frankreich die radikale Linke und Islamisten Juden für Israels Politik verantwortlich machen, ist eine Grenze überschritten

von Simone Rodan  20.10.2026

Frankreich

Anarchie und Antisemitismus

Was mit Schülerprotesten gegen schlechte Lernbedingungen begann, hat sich zu gewalttätigen politischen Unruhen ausgewachsen, befeuert von Judenhass

von Laura Sahin  19.10.2026

Dave Rich

»Jüdische Studierende schweigen oft«

Der Antisemitismus-Experte über zunehmenden Judenhass an Universitäten, mangelnde Sicherheit im Alltag und die extreme Rechte in Großbritannien

von Nicole Dreyfus  19.10.2026

Frankreich

Prozess eröffnet: Rima Hassan droht Entzug des passiven Wahlrechts

Die israelfeindliche linke Europaabgeordnete muss sich in Paris wegen mutmaßlicher Terrorverherrlichung verantworten

 19.10.2026

Kommentar

»Wir sind keine Juden«: Die hässliche Fratze der französischen Krawalle

Es zeigt sich eine Querfront der Aggression, bei der sozialer Frust, postkolonialer Opfermythos und tiefsitzender Judenhass verschmelzen

von Ute Cohen  19.10.2026

Großbritannien

»Telegraph«: BBC-Datenexperte offenbar israelfeindlicher Aktivist

Ein leitender KI-Fachmann des britischen Senders soll laut »Telegraph« einst wegen eines Al-Qaida-Handbuchs festgenommen worden sein. Die BBC sieht keinen Bezug zu seiner Arbeit

 18.10.2026

Tschechien

Herr Rambo mag es süß

Ein jüdischer Gastronom in Prag ist zum Instagram-Star aufgestiegen. Er verkauft »heimishe Trdelaich«, T-Shirts und Baseballcaps und erreicht mit seinen Sprüchen Hunderttausende

von Kilian Kirchgeßner  18.10.2026

Frankreich

Paris: Synagoge bei Ausschreitungen offenbar beschädigt

Videos in sozialen Netzwerken zeigen offenbar Verwüstungen in einer Synagoge im 19. Arrondissement. Verletzte wurden nicht gemeldet

 18.10.2026

Diaspora

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026