Der Präsident der orthodoxen Europäischen Rabbinerkonferenz, Pinchas Goldschmidt, hat mehr gesellschaftliche Anstrengungen gegen den Judenhass gefordert. »Wir können nicht immer wegrennen, wir können nicht immer auswandern, wir müssen gegen den neuen Antisemitismus kämpfen«, sagte Goldschmidt am Donnerstagabend in München laut einer Pressemitteilung aus dem Hause des Bayerischen Antisemitismusbeauftragten. Ludwig Spaenle hatte zusammen mit der Ludwig-Maximilians-Universität zur Gesprächsreihe »Reden über« geladen.
Dieser neue Antisemitismus ist laut Goldschmidt in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Er wirke auch als ein verbindendes Element von rechts- und linksextremen sowie islamistischen Radikalen. Nach den Worten des Oberrabbiners braucht es für eine Zukunft von Jüdinnen und Juden auf dem europäischen Kontinent Partner. Dazu zählte er Regierungen, Sicherheitsorgane und die Zivilgesellschaft. Allein, dass Schutz gewährt werde, reiche nicht aus, damit eine Religion sich lebendig entwickeln könne. Vielmehr sei ein Klima nötig, in dem diese anerkannt und akzeptiert sei.
Zunehmender Antizionismus
Zugleich warnte Goldschmidt, von 1993 bis 2022 Oberrabbiner in Moskau, vor dem grassierenden Antizionismus, den er bereits in Russland erlebt habe. Diese tiefgehende Ablehnung eines jüdisch geprägten Staates breite sich auch über Europa und die USA aus. Der Oberrabbiner kommentierte außerdem die politische Situation in Israel, indem er die dortige Regierung kritisierte. Im Vergleich zwischen Russland und Israel machte er aber deutlich, Israels Bürgerinnen und Bürger könnten sich bei den kommenden Wahlen frei entscheiden, dagegen wisse man bei den Wahlen zur Duma schon zuvor, wie diese ausgingen.
Spaenle machte in seinem Statement deutlich, dass jüdische Menschen auch in Deutschland in »Geiselhaft« für die Politik der israelischen Regierung genommen würden. Der Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023, bei dem über 1.200 Menschen, vorwiegend Israelis, ermordet worden seien, habe die Welle von Antisemitismus und Antizionismus auch in Bayern anschwellen lassen. Dies schlage sich in einer zunehmenden Radikalisierung und steigenden antisemitischen Straftaten nieder. Doch der Freistaat stehe fest zum jüdischen Leben.