Meinung

Zeigt nicht euren Schmerz

Schluss mit den allzu leisen Tönen: Die deutsch-jüdischen Autoren sollten ihre Lautstärke hochfahren. Foto: imago

»Wir sind Mitautoren der Menschheit und sind verantwortlich für deren Leiden und Taten. Was wir nicht aufschreiben, hat umsonst gelebt, ist nicht gewesen«, postulierte der Schriftsteller Hermann Kesten. So idealistisch konnte man lediglich vor den Nazis schreiben. Doch selbst Auschwitz vermochte die deutschen Juden nicht vollständig zu vernichten. Und damit verblieb auch dem Volk des Buches das unwiderstehliche Bedürfnis, aufzuschreiben, festzuhalten – für sich und für die Mitmenschen. So ist die jüdische Literatur ebenso wie das Judentum unauslöschlich.

verzeihen? Bereits 1947 veröffentlichte die Münchner Autorin Gerty Spies den Band Theresienstadt. Darin beschreibt sie ihren Weg, das KZ-Grauen zu überstehen. »Gestorben ist das Herz in mir. Mag nimmer weinen und klagen«, reimte sie, und dennoch kommt Spies zu dem Schluss: »Ich habe Euch verziehen! Mir ist so leicht.«

Nicht alle konnten und wollten verzeihen. Zumindest nicht in Deutschland. Einem Großteil der deutschen Juden gelang die Flucht ins Ausland. Obgleich sie nunmehr fernab der Täter lebten, hatte sich das Leid tief in ihre Seelen gefressen und ließ sie nicht mehr los. Der Berlinerin Nelly Sachs glückte 1940 im letzten Moment die Emigration nach Schweden. Zwei Jahre nach der Nazi-Herrschaft schrieb sie den Gedichtband Wohnungen des Todes. 1966 wurde Sachs mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Doch wenige wissen, dass die Dichterin einen Großteil ihres Daseins nach der Flucht in psychiatrischen Anstalten oder unter Betreuung von Seelenärzten verbringen musste.

Der Siebenbürger Paul Celan hatte den Holocaust, während dessen seine Mutter erschossen wurde, als Zwangsarbeiter in seiner Heimat überlebt. Er emigrierte später nach Paris. Doch ebenso wie Sachs gelang es ihm nicht, das Trauma der Verfolgung zu überwinden. Auch das unvergessliche Gedicht Todesfuge befreite ihn nicht vom Schrecken:
»Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends / Wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts / wir trinken und trinken / wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng«.
1970 hielt der Dichter dem seelischen Druck nicht länger stand. Paul Celan setzte seinem Leben ein Ende.

schweigen In Deutschland herrschte derweil literarisches Schweigen. Hunderte deutsche Juden schrieben über ihr Martyrium, doch was veröffentlicht wurde, endete stets mit Gerty Spies’ übermenschlichem Votum: Ich habe Euch verziehen! Von Gerty Spies’ Gedichten wollte kein Verlag mehr wissen. Es dauerte bis 1984, ehe sie wieder einen Verleger fand.

Verzeihen lässt sich nicht verordnen. Und seine verletzte Seele zu offenbaren, schon gar nicht. So waren die meisten Juden, die in Deutschland verblieben oder hierher verschlagen wurden, unfähig, ihre Gefühle preiszugeben. Sie schwiegen. Auch, weil sie nicht anders konnten. Sie waren eben nicht in der Lage zu verzeihen, dass ihre Nachbarn den Unmenschen Hitler gewählt hatten, dessen Horden »Juda verrecke« grölten und schließlich ihr Versprechen wahr machten. Sie wollten nicht vergeben, dass ihre Eltern, ihre Kinder, ihre Verwandten, ihre Lehrer, ihre Freunde, Millionen ihres Volkes systematisch zusammengetrieben und planmäßig ermordet worden waren.

Vielleicht hätten sie aufschreien mögen wie die Juden in Israel, den USA und Frankreich. Doch hier fürchteten sich die jüdischen Intellektuellen allesamt vor der Frage: Wenn ihr nicht vergeben könnt, warum bleibt ihr hier? Also blieben sie stumm. Literatur aber lebt von der Preisgabe von Gefühlen.

Es war ein forderndes Schweigen. Doch die Germanisten, die Intellektuellen, die Kritiker, an ihrer Spitze der jüdische Literaturpapst Reich-Ranicki, stellten sich taub. Es war ihnen zu anstrengend, die Angst der misshandelten jüdischen Seelen und ihren bei manchem nicht überwundenen Hass zu erläutern.

kränkung 1983 schrieb ich meinen Roman Rubinsteins Versteigerung über die Empfindungen eines jüdischen Abiturienten im Deutschland der 68er-Jahre – in einem Land des Schweigens. Die Deutschen waren derweil süchtig nach Ephraim Kishons Satiren des israelischen Lebens. Man durfte über das Dasein in Zion lachen und darüber die Emotionen der »jüdischen Mitbürger« vor der eigenen Haustüre vergessen.

Als man schließlich in Bronsteins Kinder von Jurek Becker und in meinem Rubinstein von den empfindlichen, gekränkten, wütenden Reaktionen der jungen Juden hier erfuhr, nahm man sie hin, ebenso wie das Aufbegehren des Maxim Biller. Man zeigte Verständnis, lieferte wohlwollende Besprechungen. Doch das größere Interesse zeigte man nach wie vor für Autoren aus Israel und jüdische Schriftsteller aus den Vereinigten Staaten.

In Israel sind die Menschen und mit ihnen die Literatur auf den Konflikt mit den Palästinensern fixiert. In den USA wurden die Juden in den letzten Jahrzehnten als Teil der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert. Das entfesselt ihre Kreativität und verleiht ihnen die Kraft, das Leben und die Emotionen ihrer jüdischen Protagonisten scharfsinnig zu zeichnen. Diesen Zustand wollen wir jüdischen Autoren und Leser auch in Deutschland erreichen. Doch Angstlosigkeit lässt sich nicht befehlen. Sie kann nur in einem Klima der Freiheit gedeihen. Wir schreiben dafür.

Der Autor ist Historiker und Schriftsteller. Zuletzt erschien seine Autobiografie »Deutschland wird dir gefallen« (Aufbau).

Lesen!

Existenzialistische Suchbewegungen

In Benjamin Steins »Tiferet« geht es um die letzten Dinge, um alles und nichts – und vor allem um Abschied und Verlust

von Tobias Prüwer  02.11.2026

Interview

»Gemeinsam nach der Wahrheit suchen«

Carlos Fraenkel, der neue Leiter des Potsdamer Einstein Forums, will unterschiedliche Denktraditionen miteinander ins Gespräch bringen – und die Philosophie stärker in der Gesellschaft verankern

von Ayala Goldmann  02.11.2026

Aufgegabelt

Frühstückskartoffeln

Rezepte und Leckeres

 02.11.2026

Sprachen

Neues Spanisch-Wörterbuch: »Jüdisch« bleibt ein Synonym für »geizig«

Die Real Academia Española weigert sich, einen argentinischen Richterspruch umzusetzen - auch in der Neuausgabe ihres Kompendiums der spanischen Sprache findet sich ein Beispiel für Alltagsantisemitismus

von Michael Thaidigsmann  02.11.2026

Plotkes

Liest Britney Spears jetzt auf Hebräisch?

Die Sängerin veröffentlichte ein Foto eines hebräischen Psalmenbuchs auf ihrem Instagramkanal. Spears interessiert sich seit Jahren für jüdische Mystik

 02.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  02.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  02.11.2026

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 02.11.2026

Eine Akademie für Deutschland

Heute ist in Frankfurt die Jüdische Akademie feierlich eröffnet worden. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  02.11.2026 Aktualisiert