Dana von Suffrin

Wutgeburt

Nach »Otto« (2019) und »Noch mal von vorne« (2024) hat die Münchnerin Dana von Suffrin mit »Toxibaby« ihren dritten Roman vorgelegt. Foto: picture alliance / SZ Photo

Dana von Suffrins Roman Toxibaby ist eine echte Herausforderung. Nicht dass der Plot oder irgendwelche Gedankengänge zu kompliziert wären, und literarisch groß herumexperimentiert wird da auch nicht. Okay, viele Sätze sind atemlos lang, und einige der buchstabenvollen Seiten mit Zeilen bis zum Anschlag und ohne jeden Absatz stellen sich einem locker-leichten Lesevergnügen (trotz des locker-leichten Dana-von-Suffrin-Schreibstils) quer. Aber das ist nicht der Punkt. Das steckt man weg.

Was einen auf die Probe stellt, wer einen so richtig nervt, das ist Toxibaby selbst. Der macht einen fertig. Der ist eine Zumutung. Der könnte einen dazu verleiten, dieses Buch in die nächstbeste Ecke zu pfeffern … gäbe es da nicht einen literaturstrategisch schlauen Plan, der sich von Anfang an hinter dieser toxischen Figur vermuten lässt. Und dieser Plan geht auf.

Toxi ist Anfang 40, ein Salonmarxist (»hochmütig wie ein Pfau«), der keinen Fuß auf den Boden bekommt, oft auf Koks oder sonst irgendetwas ist, so depressiv wie intellektuell. Und – sein »Kosename« deutet das in seiner Künstlichkeit an – echt wirkt an diesem Mann fast nichts, eher kommt er wie eine funktionale KI-Kreation daher, die Mittel zum Zweck ist für alles, was die Autorin noch vorhat.

Herzchen Goldberg und der Salonmarxist treiben einander in den Wahnsinn.

Ganz anders präsentiert sich da die mitteilungsfreudige, schräge Ich-Erzählerin der Story, eine Frau etwa in Toxis Alter, die von dieser »Nervensäge« und dem »schönsten Mann, den man sich vorstellen kann« nicht loskommt, dann doch, dann wieder nicht, dann fast. Ihr Name ist Herzchen Goldberg, sie ist Jüdin und Schriftstellerin. Toxi und Herzchen ziehen um die Häuser, schlendern durch verschlafene, sonnenverwöhnte italienische Orte im Taro-Tal: »Der Taro ist ein kleiner, klarer Fluss, der über Geröll schlingert, (…) um dann an manchen wenigen Stellen viel zu wild und fast suizidal über Abhänge zu stürzen – dabei muss ich an meine Mutter denken.«

Die zwei geben ein schönes Paar ab

Später geht es zurück ins heimatliche München, wo man zwischen dm und Rossmann pendelt, um später bei Lidl noch Zigaretten zu holen. Die zwei geben ein schönes Paar ab. Man isst, trinkt, legt sich hin, lacht, schiebt Worte hin und her bis zur nächsten irrwitzigen Auseinandersetzung. Und das wär’s eigentlich auch schon an Handlung. Umso größer unser Glück, dass Herzchen Goldberg die Story dieser abgedrehten Beziehungsgeschichte als Gelegenheit zu nutzen weiß, über ganz anderes und als gäb’s kein Morgen zu reflektieren.

Es geht um Antisemitismus, Philosemitismus, die seltsamen Dynamiken innerhalb der deutschen Gedenkkultur wie den deutschen, von dieser Gedenkkultur geprägten Literaturbetrieb. Es geht um Außenseitertum, um weitergegebene Traumata, um Welten, die nebeneinander existieren und die sich bei aller Nähe ewig fremd bleiben.

Einmal plaudert Herzchen, Toxi wie die gesamte nach Erkennungsmarken hechelnde nichtjüdische Parallelwelt aufklärend, aus dem (jüdischen) Nähkästchen: »Dann sagte ich zu Toxi, dass Juden mit der Postmoderne nichts anfangen können, (…) und dann sagte ich, (…) wirklich, es gibt viele Dinge, die sind nicht für uns gemacht, die werden wir nie verstehen, und ich zählte auf: Hölderlin, Caspar David Friedrich, Kant, Schwarzbrot und Ibuprofen.« Herzchen ist gnadenlos. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, lässt (vermutlich zusammen mit Dana von Suffrin, mit der sie ohnehin viele Gemeinsamkeiten teilt) Luft ab, tut dies erst recht nach dem 7. Oktober 2023.

Als Autorin hat Goldberg die Mechanismen des deutschen Kulturbetriebs verinnerlicht

Als Autorin hat Herzchen Goldberg die Mechanismen des deutschen Kulturbetriebs verinnerlicht. Vor einigen Jahren hatte sie ein Buch über ihre Familiengeschichte geschrieben, die »überwiegend in einem der Außenlager von Auschwitz-Birkenau geendet war«. »Omama’s Madhouse« verkaufte sich prächtig. Einladungen zu Gedenkveranstaltungen folgten.

Also fährt Herzchen Goldberg damit fort, ihre »tragisch-traurige« Familienchronik »zu plündern«, was sie »entsetzlich anödete« und was ganz offensichtlich auch so etwas wie eine Halbwertszeit besitzt, sehr brutal die Begrenztheit von Interesse, Empathie und Goodwill zeigt.

Bei jeder Lesung stehen jetzt Securitys neben der jüdischen Autorin und Ich-Erzählerin.

Bei jeder Lesung stehen jetzt Securitys neben der Autorin, »damit sie an meiner statt sterben würden, falls irgendwelche Kinder mit Palästinensertuch in den Saal drangen, um mich mit selbst gebastelten Maschinengewehren zu durchlöchern«. Sätze wie diese sind an Sarkasmus kaum zu überbieten, wirken wie ein Hammer, weil sonst nichts mehr wirkt.

Der Roman Toxibaby ist eine Wutgeburt. Und er treibt sein Spiel. Was ist wie ernst gemeint? Wie viel Klischee geht? (Nie waren die Klischees dicker aufgetragen als in diesem Roman.) Der bittere Humor (manchmal ein bisschen sehr klamaukig), viel Ironie, viel Geistreiches und Schlaues, eine jüdische Familiengeschichte … das ist, was wir aus von Suffrins Büchern (Otto, Noch mal von vorne) kennen und ein bisschen lieben und was den Wiedererkennungswert auch von Toxibaby ausmacht.

Zudem ist Toxibaby natürlich ein Millennials- und Münchenroman mit einigen Metaebenen, die aus ihm heraus- und wieder hineinsteigen lassen. Herzchen sagt über ihren neuen Roman, er sei halbautobiografischer Schrott und handele von Psychopathen. Toxibaby kann sie damit unmöglich gemeint haben.

Dana von Suffrin: »Toxibaby«. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026, 240 S., 23 €

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