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Schweigen als Überlebensstrategie

Antisemitische Schmiererei in der TU München Foto: picture alliance / SZ Photo

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Schweigen als Überlebensstrategie

Ein neuer Sammelband beleuchtet die erschütternde Situation jüdischer Studierender und Lehrender an deutschen Hochschulen

von Therese Klein  10.08.2026 14:38 Uhr

Die Liste der Autorinnen und Autoren im Sammelband Ausnahmezustand offenbart die Essenz dessen, was Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Interviews und Essays schildern: Die Atmosphäre an Hochschulen im deutschsprachigen Raum hat sich seit dem 7. Oktober 2023 so verändert, dass viele die Entwicklungen nicht mehr unter Preisgabe der eigenen Identität schildern. Ein Viertel der in dem von Julia Bernstein, Alfred Bodenheimer und Elisabeth Schilling herausgegebenen Band versammelten 61 Stimmen schreibt unter Pseudonym. Dennoch bezeichnen die Herausgebenden ihn als »Mammutprojekt der Sichtbarkeit«.

Zu Wort kommen Angehörige verschiedenster Fachbereiche und Ebenen der Forschung, Lehre und Verwaltung, die Mitglieder des Ende 2023 gegründeten Netzwerks jüdischer Hochschullehrender sind. Dessen Entwicklung von einer Notgemeinschaft hin zu einem beratenden und helfenden Bündnis mit über 200 jüdischen Mitgliedern und 250 nichtjüdischen Unterstützern in Deutschland, Österreich und der Schweiz stellen die Vorstandsmitglieder Julia Bernstein, Roglit Ishai und Ilja Kogan dar. Dass es vor dem 7. Oktober »schon gebrodelt« habe und BDS (»Boykott, Desinvestition und Sanktion«, eine Organisation, die Israel isolieren will) einige Hochschulen bis hin zur Personalpolitik antisemitisch und anti-israelisch beeinflusste, berichtet der emeritierte Kunstprofessor Michael Bielicky.

Erfahrungen von Ausschluss, Feindschaft und Hass

Die Wahrnehmung des 7. Oktober als Zäsur teilen alle Beiträge sowie das Entsetzen über das folgende dröhnende Schweigen als Antwort darauf. Dieses sei eine Form des Schweigens, als eine weitere definieren die Herausgeberinnen und Herausgeber das Schweigen, das die Reaktion auf erste Erfahrungen von Ausschluss, Feindschaft und Hass darstellt, und zwar ein individuelles, das viele jüdische Hochschulangehörige als »professionelle Überlebensstrategie« für sich etablierten.

Die Wahrnehmung des 7. Oktober als Zäsur teilen alle Beiträge sowie das Entsetzen über das folgende dröhnende Schweigen als Antwort darauf.

Zahlreiche Beiträge berichten außerdem von einem Meer von Kufiyas, das die Atmosphäre prägt, von Stickern und Flugblättern mit »Solidarität für Gaza«-Aufschriften, Boykottaufrufen, gestörten Veranstaltungen, Protestcamps. Sie schildern, wie Fachbereiche Veranstaltungen in Erinnerung an die Schoa sowie Gastvorträge zeitlich reduzieren oder ganz absagen, jüdische und israelische Gäste ausladen, Veranstaltungsorte nur persönlich mitteilen und Fotos von Lehrenden nicht veröffentlichen. Und manchmal, selten, auch Empathie zeigen. Andererseits wurden verbale und physische Übergriffe wiederum persönlich und institutionell verharmlost.

Ausgestoßen, ausgegrenzt, bedroht

Die Autorinnen und Autoren fühlen sich an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert, an die eigene Familiengeschichte, fühlen sich ausgestoßen, ausgegrenzt, bedroht. Der Wiener Historiker und Kulturwissenschaftler Frank Stern bringt dies auf den 200 Jahre alten Begriff »Judenschmerz«. Judenhass und Vernichtungsfantasien seien nicht neu, »schon gar nicht jener innere Schmerz, den wir so schwer den anderen erklären können«. Bereits Börne und Heine hätten diese Gefühle in Poesie und Literatur verpackt. Es bleibe, so Stern, »sehr oft wie vor 200 Jahren der Judenschmerz, und den können wir nach aller Erfahrung seit dem 7. Oktober nur mit uns teilen«.

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Die Zunahme des Antisemitismus seit dem 7. Oktober erscheint als Binsenweisheit. In welchem Maße Jüdinnen und Juden Studium, Lehre und Forschung als »permanenten Ausnahmezustand« erleben, erschüttert. Dass ein Viertel unter Pseudonym schreibt, verstärkt den Eindruck ihrer Enttäuschungen, der tiefen Verletzung, Hilflosigkeit, Verzweiflung und Wut. Die Sammlung sei die »Manifestation einer Selbstermächtigung«, so die Herausgeber, indem sie »Schmerz und ihre Verwundbarkeit sowie die fehlende institutionelle Unterstützung« sichtbar macht. Nicht zuletzt erhebe sie die Forderung an die Hochschulen, ihre jüdischen Angehörigen jenseits plakativer Worthülsen zu schützen und dem Anspruch freien akademischen Austauschs gerecht zu werden.

Julia Bernstein, Alfred Bodenheimer und Elisabeth Schilling (Hrsg.): »Ausnahmezustand. Hochschulen im deutschsprachigen Raum seit dem 7. Oktober. Zeugnisse von Betroffenen«. Wallstein, Göttingen 2026, 552 S., 34 €

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