Herr Levitin, Sie sind Herausgeber und Kantor. Herr Koop, Sie sind Lektor der Edition Peters. Sie beide verwirklichen das Projekt »Hashivenu«, frei übersetzt: »Bring uns zurück«. Was verbirgt sich dahinter?
Assaf Levitin: Es handelt sich um die Wiederentdeckung eines musikalischen Schatzes. Dahinter steht die Erkenntnis, dass sehr viele Noten der Synagogalmusik aus der Zeit vor der Schoa schwer zu finden sind. Natürlich verfügen mein Kollege Amnon Seelig, der ebenfalls Herausgeber ist, und ich über etliche Notenausgaben. Wir haben zudem Kontakt zur Freimann-Sammlung, der größten Hebraica- und Judaica-Sammlung des europäischen Kontinents an der Goethe-Universität Frankfurt, in der die Stücke archiviert und digital zugänglich sind. Dort haben wir Kompositionen gesucht und gefunden – sei es für Chorkonzerte, für den Synagogengottesdienst oder für andere Aufführungsanlässe. Es gibt dort so viel Musik, die praktisch begraben ist. Die wenigsten Menschen wissen überhaupt von ihrer Existenz. Man kann sie nur finden, wenn man weiß, dass es sie gibt. Diese Werke befinden sich zudem in einem Zustand, der ihre Aufführung erschwert.
Inwiefern?
Levitin: Die Scanqualität ist zwar ordentlich, aber es fehlt der Kontext. Oft sind die Namen der Werke auf Hebräisch betitelt. Die Texte sind weder in modernes Hebräisch umgeschrieben noch in andere Sprachen übersetzt, sodass man keine Ahnung hat, worum es eigentlich geht. Ohne fachkundige Unterstützung weiß man zudem nicht, wie die Texte ausgesprochen werden.
Gibt es dennoch viele Interessenten?
Levitin: Nach fast jedem Konzert oder jeder Aufführung kommt jemand auf uns zu und fragt: »Woher haben Sie die Noten?« Wir verweisen dann immer auf die Freimann-Sammlung. Aber das reicht nicht aus. So kamen wir auf die Idee, eine thematisch geordnete Ausgabe mit einem großen Querschnitt dieser Sammlung herauszugeben.
Der erste Band ist bereits im Druck. Unter welchem Thema steht er?
Levitin: Liturgie für Freitagabend – Kabbalat Schabbat und Maariv. Wir wollen die Musik nach thematischen Kriterien ordnen. Im ersten Band haben wir ausschließlich Musik für den Kabbalat Schabbat an gewöhnlichen Schabbatot aufgenommen. Es gibt aber auch wunderschöne Vertonungen für besondere Schabbatot oder für die Pilgerfeste. Die heben wir uns für spätere Bände auf. Im Moment lautet die Besetzung des ersten Bandes »Kantor, gemischter Chor und Orgel«. Tatsächlich gibt es aber viele Werke, die ohne Orgel auskommen, ebenso Stücke für Frauenchor, Männerchor oder gemischten Chor a cappella. In den weiteren Bänden wird für nahezu jede Chorbesetzung etwas dabei sein.
Acht Bände soll das Projekt umfassen. Wie viele Werke werden Sie veröffentlichen?
Levitin: Jeder Band wird etwa 100 Seiten Noten enthalten. Im ersten Band haben wir 18 Stücke aufgenommen. Manche sind nur ein oder zwei Seiten lang, andere sind wesentlich umfangreicher.
Welche Kriterien legen Sie bei der Auswahl an?
Levitin: Sie müssen dem Redaktionsteam gefallen.
Was sind die Schwierigkeiten?
Levitin: Die Kompetenz, die hier gefragt ist, geht weit über das Musikalische hinaus. Wir müssen auch die historischen und liturgischen Kontexte verstehen. Vielleicht ist ein Stück besonders wichtig, weil es einen bestimmten Nussach widerspiegelt. Das möchten wir wissen und entsprechend dokumentieren. Manche Kompositionen sind hochkomplex, andere sind eher zugänglich. Jeder Chor, der einigermaßen mit Polyphonie vertraut ist, kann sie singen. Ich finde, es ist wunderschöne, angenehm zu singende Musik, die es verdient, neu entdeckt zu werden.
Soll die Musik einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden?
Levitin: Wir hoffen, dass sie künftig nicht nur innerhalb der Synagogen erklingt. Sie bildet nämlich ein eigenes Genre und spiegelt eine musikalische Epoche des 19. Jahrhunderts wider. Es handelt sich um Musik »Made in Germany«, komponiert von Musikern, die dieselben Musikakademien besucht haben wie ihre nichtjüdischen Zeitgenossen. Sie haben wunderbare Chorsätze geschrieben, von denen heute kaum jemand etwas weiß – vor allem als Folge der Schoa. Als die Nazis die Synagogen in Brand setzten und verwüsteten, zerstörten sie auch mehrere Hundert Orgeln. Noten verschwanden, Chöre konnten nicht mehr zusammenkommen. Nach der Schoa waren weder die Sänger noch die Noten da. So geriet diese Musik in einen langen Tiefschlaf.
Eignet sich die Musik auch für christliche oder weltliche Ensembles?
Levitin: Wir hoffen sehr, dass sich auch christliche und nichtreligiöse Chöre für diese Musik interessieren. Christliche Chöre werden hier zahlreiche Psalmvertonungen finden. Psalmen gehören schließlich ebenso zur christlichen Tradition und eignen sich hervorragend für Gottesdienste oder Konzerte. Ein Kirchenmusiker hat einmal zu mir gesagt: »Her mit den Psalmen! Wir freuen uns über jede neue Vertonung.« Allein der Kabbalat Schabbat umfasst acht Psalmen. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere. In jedem Band werden deshalb zahlreiche Psalmvertonungen enthalten sein.
Christoph Koop: Als Verlag setzen wir auch auf kommerziellen Erfolg. Gleichzeitig verstehen wir uns als Multiplikator für diese Musik. Deshalb möchten wir möglichst viele Zielgruppen erreichen. Ein Markt, der sich ausschließlich an synagogale Chöre richtet, wäre zu klein. Wir haben uns auf dieses Projekt eingelassen, weil uns die musikalische Qualität überzeugt hat. Es ist wirklich eine außergewöhnliche Entdeckung.
Der Verlag Edition Peters hat selbst eine jüdische Geschichte. Ergibt sich daraus auch eine besondere historische Verpflichtung?
Koop: Diese Verpflichtung hat der Verlag eigentlich schon immer empfunden. Dass zwei jüdische Familien Eigentümer des Verlags waren, haben wir stets sichtbar zu machen versucht – auch zu DDR-Zeiten. Als Assaf Levitin die Idee zu diesem ersten Band an mich herantrug, rannte er bei uns offene Türen ein. Für dieses Thema gibt es im Verlag ein großes Bewusstsein. Wir haben in jüngerer Zeit bereits mit Chorarrangements jiddischer Lieder versucht, jüdische Musik in unserem Katalog stärker zu verankern. Im Marketing bewegen wir uns dabei ein wenig zwischen zwei Polen: Einerseits möchten wir zeigen, dass hier etwas Neues entsteht. Andererseits soll jüdische Musik ganz selbstverständlich Teil unseres Programms sein und nicht als Sonderfall behandelt werden. Das gelingt natürlich umso besser, je mehr Titel im Katalog vertreten sind.
Erfährt man auch etwas über die Komponisten?
Levitin: Ja. Gerade diese Fülle an Informationen ist ein großer Gewinn des Projekts. Neben den Noten bieten wir umfangreiches Begleitmaterial: Transliterationstabellen, Übersetzungen und Kurzbiografien der Komponisten. Viele dieser Informationen findet man an anderer Stelle überhaupt nicht oder nur sehr schwer.
Für welches Hebräisch haben Sie sich entschieden?
Levitin: Wir haben uns bewusst für modernes Hebräisch entschieden und nehmen in Kauf, dass es daran Kritik geben wird. Uns ist wichtig, dass die Ausgabe der Realität unserer Zeit entspricht. In den jüdischen Gemeinden verwendet heute kaum noch jemand die traditionelle aschkenasische Aussprache. Ich habe sieben Jahre lang den Shalom-Chor in Berlin geleitet und musste bei den Notenausgaben ständig mit Tipp-Ex arbeiten, weil jeder Komponist seine eigene Umschrift entwickelt hatte. Deshalb haben wir die Transkription vereinheitlicht, damit kein aufwendiges Sprachcoaching mehr erforderlich ist.
Wie geht man als Dirigent mit einer zunächst unbekannten Ausgabe um?
Levitin: Als Chorleiter schlägt man ein Notenheft auf und verschafft sich zunächst einen schnellen Überblick. Sobald man den Eindruck hat, dass dieses Stück besonders schwierig zu erarbeiten ist – da zum Beispiel die Umschrift rätselhaft ist, sind die Chancen groß, dass man weiterblättert. Im Choralltag muss vieles schnell funktionieren. Auch deshalb wollen wir den Band mit den 18 Werken zusammenstellen, die tatsächlich gesungen werden, und gleichzeitig die enorme stilistische Vielfalt der Synagogalmusik zeigen.
Es könnte auch mehr als acht Bände geben, aber das ist Zukunftsmusik. Wer gab den Anstoß zu diesem Projekt?
Levitin: Ursprünglich entstand die Idee im Zusammenhang mit der ersten Konferenz des Verbandes Jüdischer Kantoren, dessen Vorstand ich angehöre. Professor Mark Kligman von der University of California in Los Angeles nahm Kontakt mit uns auf und wollte zunächst ein musikwissenschaftliches Dokumentationsprojekt initiieren. Daraus entwickelte sich schließlich »Hashivenu«. Gemeinsam mit Kerstin von der Krone, die die Freimann-Sammlung an der Goethe-Universität betreut, haben wir beschlossen, die Bestände systematisch zu erschließen. Wenn wir ohnehin intensiv in den rund 20.000 Seiten mit etwa 400 Titeln recherchieren, wollten wir zugleich einen wissenschaftlich fundierten Katalog entwickeln. Daran arbeiten wir gemeinsam mit Kligman, von der Krone und weiteren Partnern. Auch die Musikabteilung der Nationalbibliothek Israels ist an dem Projekt beteiligt. Die Originale bleiben selbstverständlich erhalten. Sie sind über den digitalen Katalog öffentlich und kostenlos zugänglich. Wer die ursprüngliche Schreibweise oder die historischen Fassungen verwenden möchte, kann das jederzeit tun. Unsere Ausgabe soll vor allem das praktische Musizieren erleichtern.
Wann soll erste Band öffentlich präsentiert werden?
Koop: Anfang Oktober zur chor.com in Leipzig – das ist die größte Konferenz deutscher Chöre – wird er in Leipzig vorgestellt. Darauf freuen wir uns sehr. Ich bin zuversichtlich, dass das Projekt nicht nur wirtschaftlich erfolgreich sein wird. Vor allem stellt es eine kulturelle Bereicherung dar – für unseren Verlagskatalog ebenso wie für das öffentliche Interesse an jüdischer Kultur. Wir denken an all diejenigen, die noch gar nicht wissen, welchen Schatz diese Musik birgt.
Mit dem Chasan des egalitären Minjans der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs in Stuttgart und mit dem Lektor der Edition Peters sprach Christine Schmitt.