Berlin

Wirbel um Berlinale-Chefin: Tricia Tuttle hält an Amt fest

Berlinale-Chefin Tricia Tuttle Foto: picture alliance/dpa

Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle will an ihrem Posten festhalten. »Ich bin sehr stolz auf mein Team und das Festival und möchte die gemeinsam begonnene Arbeit in vollem Vertrauen und mit institutioneller Unabhängigkeit fortsetzen«, sagte Tuttle (55) vor einer für Mittwoch einberufenen Aufsichtsratssitzung, bei der es um die künftige Ausrichtung von Deutschlands größtem Filmfest gehen soll. Zuvor war heftig über die Zukunft der Intendantin und des Festivals selbst diskutiert worden. 

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) hatte zuvor der »Rheinischen Post« gesagt, Tuttle habe von sich aus ihre Zukunft bei der Berlinale infrage gestellt. Sie habe ihm und seinem Amtschef vergangenen Dienstag gesagt, »sie könne in dieser vergifteten Atmosphäre und ihren politischen Spannungen die Berlinale kaum weiterführen«.

Nun erklärte Tuttle, dass sie im Amt bleiben möchte. Als sie mit Weimer am Dienstagabend gesprochen habe, habe sie sich die Frage gestellt, »ob ich in einem Umfeld, in dem meine Führungsrolle und die Integrität der Berlinale öffentlich ernsthaft in Zweifel gezogen wurden, weiterhin effektiv arbeiten könnte«, erklärte Tuttle. »Wir diskutierten die Möglichkeit meiner einvernehmlichen Kündigung. Das waren ehrliche Gespräche.« 

Allgemeines Prinzip

Die »Bild«-Zeitung hatte einige Tage nach Ende des Filmfestivals berichtet, Tuttle solle abberufen werden. Hintergrund sei der Umgang mit dem Nahostkonflikt während des Festivals im Februar. Nachdem Weimer eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung für vergangenen Donnerstag einberufen hatte, formierte sich in der Kulturbranche breiter Protest. 

Die Nachricht von der Aufsichtsratssitzung sei in der Presse erschienen, noch bevor ihre Gespräche mit Weimer vollständig abgeschlossen worden waren, wie Tuttle sagte. »Die Reaktionen aus der deutschen und internationalen Kulturszene, darunter auch eine Reihe israelischer Kollegen, die sich bewegend zu unserer Verteidigung äußerten, waren beachtlich.«

Die breite Resonanz habe auch unterstrichen, dass es in der Debatte nicht um eine einzelne Preisverleihung, eine Festivalwoche oder eine Person gehe, sondern um das allgemeine Prinzip, dass kulturelle Einrichtungen darauf vertrauen können müssten, innerhalb demokratischer und rechtlicher Rahmenbedingungen agieren zu können. Das sei eine starke Botschaft, führte die Berlinale-Chefin aus. »Und ehrlich gesagt, hat dies auch meine eigene Klarheit nach einigen schwierigen Wochen wiederhergestellt«.

Aussagen verurteilt

Während des Filmfestivals hatte es mehrfach Debatten über den Umgang mit dem Nahostkonflikt gegeben. So hatte etwa der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib der Bundesregierung auf der Bühne bei der Abschlussgala vorgeworfen, Partner eines angeblichen »Völkermords« im Gazastreifen zu sein. Umweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ daraufhin den Saal und ließ mitteilen, die Aussagen seien nicht akzeptabel. 

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Weimer und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) verurteilten die Aussagen ebenfalls. Israels Regierung streitet ab, im Gazastreifen einen Völkermord zu begehen, auch die Bundesregierung weist den Völkermord-Vorwurf zurück.

Alkhatib habe sich in stark rhetorischer und zutiefst persönlicher Weise geäußert, sagte Tuttle. »Was ich von ihm hörte, war Wut und eine explizite politische Überzeugung. Wir hören viele Erfahrungen und Standpunkte von unseren Filmemachern, und manchmal bringen sie ihre Positionen mit großem Schmerz zum Ausdruck.« Eine zentrale Aufgabe von Festivals sei es, Orte der Offenheit und des Dialogs zwischen unterschiedlichen politischen Perspektiven zu bleiben und gleichzeitig die Meinungsfreiheit aller Künstler zu wahren – selbst wenn das, was sie sagten, brisant sei oder Debatten auslöse.

Vitalität, Relevanz und Vertrauen

Die Intendantin verwies außerdem auf ihre Eröffnungs- und Schlussworte auf der Bühne, die darauf ausgerichtet gewesen seien, »einen Raum zwischen dem Recht unserer Gäste auf freie Meinungsäußerung und unserer Verantwortung für die Anerkennung unterschiedlicher Ideen und Perspektiven zu schaffen«.

Wenn sie etwas an der Zeremonie und dem Festival zu bemängeln habe, dann sei es, dass die politische Debatte erneut die Filme selbst überschattet habe. Es sei frustrierend, dass jetzt nicht über Filme wie »Gelbe Briefe« von İlker Çatak, der den Goldenen Bären gewonnen hatte, gesprochen werde. Dies sei aber nicht die Schuld der Filmemacher. Es liege am Festival, es nächstes Jahr besser zu machen. 

Tuttle hatte die Berlinale - eines der großen internationalen Filmfestivals - im April 2024 übernommen. Die diesjährige Ausgabe ist aus ihrer Sicht in vielerlei Hinsicht stark gewesen. So hätten die Besucherzahlen aus Publikum und Branche die Rekordausgabe von 2025 übertroffen. Die US-Amerikanerin sagte, trotz politischer Turbulenzen habe »das Festival selbst seine Vitalität, Relevanz und das Vertrauen des Publikums unter Beweis gestellt«. dpa/ja

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