Debatte

»Sie war mehr als froh, als alles zu Ende war«: Berlinale-Kreise: Tuttle überfordert und resigniert

Berlinale-Chefin Tricia Tuttle Foto: picture alliance / dpa

Debatte

»Sie war mehr als froh, als alles zu Ende war«: Berlinale-Kreise: Tuttle überfordert und resigniert

Wie geht es nach Debatten um die Berlinale weiter? Eine Krisensitzung bringt nach Angaben des Kulturstaatsministers keine Entscheidung - zumindest vorerst

 26.02.2026 16:51 Uhr

Bei einer Krisensitzung zur Berlinale ist nach Angaben der Bundesregierung noch keine Entscheidung über die Zukunft von Intendantin Tricia Tuttle getroffen worden. »Heute Morgen fand eine Aufsichtsratssitzung der KBB GmbH im Kanzleramt statt. Thema war die Berlinale«, teilte ein Sprecher von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mit.

»Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale werden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin, Tricia Tuttle, und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt«, teilte der Sprecher weiter mit.

Laut Medienberichten wie etwa der »Bild«-Zeitung steht im Raum, dass Tuttles Amtszeit vorzeitig enden könnte. Hintergrund sind die Antisemitismusvorfälle bei der diesjährigen Berlinale.

In der Aufsichtsratssitzung sei neben der Ausrichtung der Festspiele auch über die Vorfälle bei der Preisverleihung am Wochenende gesprochen worden, hieß es aus Teilnehmerkreisen des Treffens.

Lesen Sie auch

Unterdessen verlautete aus Berlinale-Kreisen, dass Tuttle den medialen Druck als extrem groß empfunden hat. Infolgedessen habe sich deutlich die Frage aufgedrängt, ob die Berlinale-Chefin den Diskussionen weiterhin standhalten könne - und standhalten wolle.

Beobachter sagten im Gespräch mit dieser Zeitung, Tuttle habe erkennen müssen, dass es für ihre Aufgabe die Härte eines Politikers benötige, um mit der Kritik fertigzuwerden.

Wer sie bei der Preisverleihung auf der Bühne habe sprechen hören, habe gemerkt, »dass sie mehr als froh gewesen ist, als alles zu Ende war«. Sie habe angesichts der Häufigkeit der »pro-palästinensischen« Proteste, die immer wieder auch in offen antisemitische Aussagen umgeschlagen sind, zunehmend überfordert und resigniert gewirkt. Infolgedessen gebe es nun Gerüchte, dass sie kommende Woche ihren Vertrag als Berlinale-Chefin aufkündigen werde.

»Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war«, drohte der Berlinale-Regisseur Alkhatib.

Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib hatte der Bundesregierung auf der Bühne vorgeworfen, Partner »des Völkermords im Gazastreifen« zu sein. Umweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ daraufhin den Saal und ließ mitteilen, die Aussagen seien nicht akzeptabel. Weimer (parteilos) und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) verurteilten die Aussagen ebenfalls scharf, so wie auch mehrere Antisemitismusexperten.

Alkhatib drohte dem Publikum überdies mit den Worten: »Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.« 

Der Deutsche Kulturrat dagegen forderte Weimer auf, »sich entschieden für die Kunst- und Meinungsfreiheit einzusetzen und die Unabhängigkeit der Berlinale vor staatlichen Eingriffen zu sichern«. Die Äußerungen Alkhatibs teile der Kulturrat ausdrücklich nicht, sie seien aber von der Meinungsfreiheit gedeckt. Zum Wesen der Kunst gehöre auch das Ausloten der Grenzen des Sagbaren, »das müssen wir aushalten, auch wenn es manchmal schmerzhaft ist.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein sieht die aktuelle Debatte mit Sorge. »Wir erleben eine zunehmende Instrumentalisierung von Kunst- und Kulturveranstaltungen, die dazu führt, dass leider allzu häufig nicht mehr Filme und Kunst im Mittelpunkt stehen«, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. »Die künstlerischen Inhalte werden überlagert durch ideologisch aufgeladene Debatten, die eher polarisieren, denn offenen Diskurs fördern.«

Die CSU-Bundestagsabgeordnete Anja Weisgerber sagte der Jüdischen Allgemeinen: »Die Berlinale leidet unter einem Bedeutungsverlust – schwindende internationale Anerkennung, ausbleibende Sponsoren und kaum wirtschaftlicher Effekt sind Ausdruck dieser Feststellung.
Auf deutschem Boden und mit staatlicher Förderung nun mit Israelfeindlichkeit Zuspruch zu erwarten, ist der grundfalsche Weg.«

Die antisemitischen Ausfälle seien für die Unionsfraktion »mehr als irritierend - und auch kein Ausdruck von Meinungsfreiheit.« Es brauche eine grundlegend neue Ausrichtung des Filmfestivals. »Dazu sind wesentliche Weichen neu zu stellen. Es kommt jetzt darauf an, ob die Leitung der Berlinale gewillt ist, diesen Weg gemeinsam zu gehen«, so Weisgerber.

Mehr als 500 Beschäftigte der Berlinale stellten sich mit einem Statement hinter die Festivaldirektorin: »Tricia ist klug, handelt fair und hat immer ein offenes Ohr. Niemand brennt mehr für die Werte, die dieses Festival für das Kino hier in Deutschland und weltweit so wichtig machen.« Vor dem Kanzleramt protestierten mehrere Mitarbeiter, auf einem Schild stand etwa »Team Tricia«.

Lesen Sie auch

Die US-Amerikanerin Tuttle hatte die Berlinale im April 2024 übernommen und führte nun zum zweiten Mal durch das Festival. In diesem Jahr hatte es während der Filmfestspiele mehrfach Debatten gegeben, inwiefern sich das Festival und Filmschaffende zum Nahostkonflikt positionieren müssen.

So hatten rund 80 Filmschaffende - darunter Tilda Swinton und Javier Bardem - kritisiert, die Berlinale positioniere sich nicht ausreichend im Gaza-Krieg. Sie warfen dem Festival in einem offenen Brief vor, propalästinensische Stimmen zu zensieren. Die Berlinale wies den Zensurvorwurf zurück. ja/dpa

Jerusalem

NGO Monitor: Gerald Steinberg gibt Leitung ab

Der amerikanisch-israelische Politikwissenschaftler gründete die Organisation vor einem Vierteljahrhundert. Olga Deutsch übernimmt 2027 die Leitung

 12.05.2026

Jerusalem

Minister Chikli verweigert YouTuber Tyler Oliveira Einreise nach Israel

Das israelische Ministerium für den Kampf gegen Antisemitismus erklärt, der Amerikaner habe »hetzerische Aussagen gegen Juden« verbreitet

 12.05.2026

Massaker vom 7. Oktober

Die Hamas nutzte sexuellen Terror gezielt als Waffe

Tausende unerträgliche Videos, Fotos und Zeugenaussagen: Ein neuer Bericht der Zivilkommission zeigt, wie systematisch die Terroristen Familien erniedrigen und zerstören wollten

von Sabine Brandes  12.05.2026

Hamas-Massaker

Ex-Geisel Rom Braslavski: »Schämt Euch«!

Nachdem Premier Netanjahu seine Schuld erneut relativiert, macht der junge Mann in der Knesset seinem Unmut Luft

von Sabine Brandes  12.05.2026

Jerusalem

Knesset beschließt Sondertribunal für Hamas-Terroristen

Das Sondergericht soll sich mit den Verfahren gegen rund 300 am 7. Oktober festgenommene palästinensische Terroristen befassen

 12.05.2026

Essay

Warum ich Zionist bin

Heute ist Zionismus für viele ein Schimpfwort und gleichbedeutend mit Rassismus. Da muss eine Verwechslung vorliegen. Antizionismus ist Rassismus. Der Zionismus ist die selbstverständlichste Antwort auf zweitausend Jahre Verfolgung, Vertreibung und Völkermord

von Mathias Döpfner  12.05.2026

Israel

Luftfahrtbehörde: US-Militärflugzeuge blockieren Betrieb in Tel Aviv

US-Militärflugzeuge sorgen laut Israels Luftfahrtbehörde für Engpässe am internationalen Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv. Welche Folgen das für Reisende und Flugpreise haben könnte

 11.05.2026

Brüssel

EU beschließt Sanktionen gegen Israel

Die Europäische Union hat eine politische Einigung für Strafmaßnahmen gegen israelische Siedler erzielt

von Michael Thaidigsmann  11.05.2026 Aktualisiert

Jerusalem

Generalstabschef warnt Knesset vor akuter Personalnot in der Armee

Aufgrund des Krieg an mehreren Fronten stoße die operative Belastung der Armee an Grenzen, sagt Eyal Zamir. Die IDF brauchen ihm zufolge sofort mehr Soldaten

 11.05.2026