Erzählung

Wahre Fiktion

Foto: Schöffling & Co.

Erzählung

Wahre Fiktion

Clarice Lispector legt falsche Spuren

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  14.03.2016 19:06 Uhr

Clarice Lispectors Erzählung Der große Augenblick fängt zunächst etwas sperrig an: Ein männlicher Erzähler entdeckt im Hafenviertel von Rio de Janeiro eine junge Frau. Er ist fasziniert vom »Gefühl des Verlorenseins« in ihrem Gesicht. Erst nach und nach streut er bruchstückhafte Informationen ein: Sie ist 19, Waise, »abgrundtief hässlich«, krank und unbegabt, kam aus dem Norden des Landes in die Millionenstadt, wo sie nun als Schreibkraft arbeitet und vom »großen Augenblick« träumt.

Wer auf eine geradlinige Entfaltung der Geschichte hofft, wird enttäuscht. Denn bevor der Erzähler sich dazu durchringt, weitere Details preiszugeben, reflektiert er fragend das Schreiben an sich. Es sei diese »Armut von Körper und Geist«, in der er »das Heilige« berühre, um »mehr zu sein als ich selbst«. Schreiben also, um »den Anderen« jenseits des Ich zu erleben, aber auch, um sich selbst, der eigenen Langeweile, Leere und Müdigkeit zu entrinnen – das ist die Metaebene der Erzählung.

postmodern Wie schon in früheren Romanen spielt Lispector mit literarischen Traditionen, Spiegelungen, Brüchen, Kitsch und Klischees. Mitunter verschwimmen dabei die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Mal kommt der Roman amüsant und ironisch daher, mal verträumt und poetisch, mal kafkaesk, mal existenzialistisch.

Das Nebeneinander von Fiktion und Metafiktion ist es dann auch, das diesen im besten Sinne postmodernen Roman zu einer mitreißenden Lektüre macht. Nicht nur, weil er zwischen zwei gegensätzlichen Polen vibriert – hier der reflektierende, wohlhabende, aber verzweifelte Erzähler Rodrigo S.M., der sich auf der Habenseite des Lebens wähnt, dort die von ihm erschaffene Figur der Macabéa, deren Naivität und Schicksalsergebenheit so ganz im Widerspruch zu ihrem freiheitskämpferischen Namen zu stehen scheint.

Auch, weil der Leser herausgefordert ist, dem Erzähler auf seinen Sprüngen zwischen den Ebenen zu folgen, auf seinen Abschweifungen zu Macabéas möglichen Gedanken, Hoffnungen und Träumen, auf seinen Ausflügen in die eigene Gefühlswelt. Geschickt legt Lispector Spuren, mit denen sie vermeintliche Autoritäten unterwandert. Denn Rodrigo S.M. und Macabéa sind einander viel ähnlicher, als es anfangs scheint. Der große Augenblick ist ein ungezähmtes, aufwühlendes Buch mit vielen Lesarten. Es enthält mehr Fragen als Antworten – auch wenn Macabéas Hoffnung sich am Ende erfüllt.

Clarice Lispector: »Der große Augenblick«. Roman. Übersetzt von Luis Ruby. Schoeffling, München 2016, 128 S., 18,95 €

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