Theater

Eine Party der perfidesten Art

Voller körperlicher Einsatz zum »Jelinek-Sound«: Szene aus »Rechnitz« in Weimar Foto: Sandra Then

Der 2008 in München uraufgeführte Text von Elfriede Jelinek Rechnitz (Der Würgeengel) hat es in sich. Wie immer bei der österreichischen Literaturnobelpreisträge­rin ist er nicht konkreten Rollen, hier aber einem sehr konkreten historischen Ereignis zugeordnet. Es geht um das Massaker auf dem Schloss der Gräfin Margit von Batthyány (der Enkelin des Stahlmagnaten August Thyssen) in Rechnitz an der österreichischen Grenze zu Ungarn.

In der Nacht zum 25. März 1945, kurz vor Toresschluss, als die Russen (als Befreier!) quasi schon vor der Tür stehen, lässt man sich dort 180 jüdische Zwangsarbeiter kommen, um sie zu demütigen, zu quälen und dann zu erschießen. Mit ausgeteilten Gewehren als Höhepunkt einer Party der besonders perfiden Art, als »standesgemäßer« Abschied eines bis in die Knochen mörderischen Systems. Diese Herrschaften waren in ihrem »Tausendjährigen Reich« ein Dutzend Jahre lang der »Schlagobers auf dem großen Braunen«. Zur Rechenschaft gezogen wurde niemand.

Wenn der Jelinekʼsche Text einsetzt, sind sie alle längst weg. Im Dunkel des notorischen Vergessens oder eines »Neuanfangs«, da, wo sie immer waren. Hinter einer Mauer des Schweigens. Oder sicherheitshalber in der Schweiz, in Argentinien oder Südafrika.

In Weimar »redet« ein von Christopher Brandt einstudierter, über 30-köpfiger Bürgerchor singend und reflektierend mit.

Tim Freudensprung, Johanna Geißler, Katharina Hackhausen, Bastian Heidenreich und Krunoslav Šebrek sind mit ihren weißen Westen (Kostüme: Andy Besuch) die Zurückgebliebenen, die als Boten ihrer selbst jenen Malstrom der Worte entfesseln, der in den Abgrund ihrer Vergangenheit zieht. Sie machen alle fünf mit vollem körperlichem Einsatz, Witz, Hintersinn und zugleich mit einer verblüffenden Leichtigkeit dennoch unterscheidbare Figuren aus ihren Texten.

Was in den Bann zieht, ist der Jelinek-Sound mit seiner musikalischen Qualität. Wer als Zuschauer einmal drin ist, bekommt keine Chance mehr auszusteigen. In Weimar »redet« ein von Christopher Brandt einstudierter, über 30-köpfiger Bürgerchor singend und reflektierend mit. Erst vom Rang aus, dann auf Augenhöhe.

Die Bühne, die Martin Miotk für die Inszenierung von Simone Blattner gebaut hat, ist ein Raum gewordener Perspektivenwechsel mit Hintersinn. Das Publikum schaut von den Tribünen auf der Bühne in den Zuschauerraum, der allein schon mit seiner Höhe und seinen Dimensionen beeindruckt. Wie eine aufgerissene Höhle auf dem Weg in die Untiefen der Vergangenheit.

Im ersten Rang prangt das Wort »Freiheit« im Hintergrund, im zweiten das Wort »Fresse«.

Im ersten Rang prangt das Wort »Freiheit« im Hintergrund, im zweiten das Wort »Fresse«. Beides in Frakturlettern. Die Sitzreihen sind mit einer Plane überdeckt, die an Ackerfurchen erinnert. Ein Laufsteg führt auf die Spielfläche in der Mitte des Zuschauerraums. Links ein Vogelhaus, rechts eine Waschmaschine als Insignien bürgerlicher Banalität. Dazwischen gesichtslose Gestalten – Augenkontakt mit Mordopfern verdirbt den Partyspaß.

Regie-Legende Einar Schleef machte (in Ein Sportstück) aus dem Jelinek-Sound einst einen Marschrhythmus, andere erfanden eine Erzählung nebst Ambiente hinzu. Blattner lässt sich rückhaltlos auf den Text ein, umschmeichelt ihn sprachverliebt und verlässt sich auf seine subversive Doppelbödigkeit. Sicher geht manches Wortspieldetail (wie die gesungenen Passagen) unter. Aber wer bereit ist, seinen Beitrag als Zuschauer zu leisten, versteht das Ganze sehr wohl.

Weitere Aufführungen im Deutschen Nationaltheater in Weimar am 26. April und am 25. Mai.

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