Literatur

Neue Literatur zur Frage: Was bedeutet es, heute jüdisch zu sein?

In diesen Büchern geht es um Positionierungen und Identitäten - auf unterschiedliche Art und Weise, aber vor demselben Hintergrund: dem 7. Oktober 2023. Jetzt erscheint der Sammelband »Being Jewish Today. Jüdische Stimmen aus Amerika« im Jüdischen Verlag, seit März ist »Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft« (dtv) von Nicholas Potter auf dem Markt.

Hierin geht es um Antisemitismus in der linken Szene, im Kultursektor und an Hochschulen seit dem Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel und dem folgenden Gazakrieg. Und auch darum, wo sich Menschen verorten, die sich als links begreifen und in Opposition zur israelischen Regierung stehen - denen nun aber aus ihrem eigenen Umfeld Anfeindungen entgegenschlagen.

Darauf hatte bereits auch die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz, deren Buch »Der 8. Oktober« im vergangenen Jahr erschien, hingewiesen. Sie vermisst eine Solidarität mit Israelis, die sich kritisch über ihre eigene Regierung äußern. Statt Israel zu diffamieren, solle man denen die Hand reichen, die gegen die Regierung seien und Frieden wollten, und sie stärken, sagte sie einmal dem »Spiegel«.

»Heimatlosigkeit«

Das zweite Buch, herausgegeben von Amir Eshel und Thomas Sparr, widmet sich Fragen nach Zugehörigkeit von Jüdinnen und Juden, Identitäten und religiösen Aspekten. Der Untertitel kündigt Stimmen aus den USA an. Deren Perspektiven erstrecken sich aber ebenso auf die Situation von Jüdinnen und Juden in anderen Staaten. Und auch dieses Buch beleuchtet eine Art »Heimatlosigkeit« von vielen Linken.

Die Beiträge des Bandes decken eine Bandbreite ab: die Verurteilung der Hamas-Attacke und zugleich die Ablehnung des Gazakrieges, in dem derzeit eine Waffenruhe herrscht; Kritik am Zionismus und der Vorschlag, dass nach dem 7. Oktober möglicherweise ein veränderter Blick auf das Judentum und eine Neupositionierung nötig seien.

Andere Beiträge wiederum unterstützen die militärische Antwort Israels auf das Massaker und fragen in dem Zusammenhang nach der Bedeutung von jüdischer Religion, Ethik sowie nach dem Umgang mit Macht. Was bedeutet es, heute jüdisch zu sein? Das fragen die Herausgeber gleich zu Beginn mit Verweis auf zwei Krisen: den 7. Oktober 2023 sowie einen wachsenden Antisemitismus in der westlichen Welt. Sie unterstreichen, dass beide Krisen Spaltungen in jüdischen Gemeinschaften hervorgerufen haben.

Spannende Vielstimmigkeit

Diese Spaltungen betreffen nicht nur die Bewertung des Gazakrieges, sondern auch die Frage, was alles unter Antisemitismus fällt. Auf vieles geben die Essays keine abschließenden Antworten, vielmehr sind es Denkanstöße. Die Vielstimmigkeit ist spannend, auch wenn man nicht mit allen Autorinnen und Autoren einer Meinung sein muss, was wegen der Bandbreite an Überzeugungen auch kaum möglich sein dürfte. Die neun Essays beleuchten diverse Aspekte, die in breiten öffentlichen Debatten in Deutschland nicht immer zu finden sind.

Was von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird, sind die Auseinandersetzungen und Übergriffe auf Jüdinnen und Juden an Universitäten in den USA, Deutschland und anderen europäischen Staaten. Beispiele sind sowohl Thema des Sammelbandes als auch des Buches von Nicholas Potter.

Potter ist Journalist in Berlin und wegen seiner Arbeit Bedrohungen ausgesetzt, was er auch öffentlich macht. Ihm wurde für sein Engagement gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben der European Leadership Network Award 2025 zuerkannt. Aus diesem Anlass schrieb Bundestagspräsidentin Julia Klöckner auf Instagram: »Er muss lesen, dass zu seiner Ermordung aufgerufen wird. Er arbeitet und lebt inzwischen unter Polizeischutz.«

Forderung nach klaren Grenzen

Darüber und über Antisemitismus in Teilen der linken Szene schreibt Potter in seinem Buch. Mit Blick auf die Hamas nach dem 7. Oktober lautet sein Fazit: »Viele Linke, die ich trotz grundlegender Meinungsverschiedenheiten dennoch als Verbündete im Kampf für eine gerechtere Welt begriff, entpuppten sich als fanatische Versteher eines Regimes, das nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern auch die Bevölkerung Gazas terrorisiert. Der Hass dieser Linken auf Israel überwog ihren Humanismus.«

Eine demokratische Gesellschaft müsse hier klare Grenzen setzen - »und gleichzeitig diejenigen stärken, die sich ihr trotz erheblichem Gegenwind entgegenstellen«.

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