TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivry Gitlis galt schon früh als Wunderkind und blickte einer außerordentlichen Karriere entgegen. Er trat mit fast allen großen Orchestern der Welt auf und wurde so populär, dass er mit John Lennon und Oscar Peterson musizierte. Das Porträt »Ivry Gitlis – Von der Kunst (k)ein Geiger zu sein« von Gai Tordjman - am Sonntag (19. April) von 23.50 Uhr bis 0.45 Uhr auf Arte - zeichnet seinen Lebensweg nach.

Warum in aller Welt ist dieser Künstler heute nur noch ein Phantom der Musikwelt? Gai Tordjman hätte nie gedacht, dass ausgerechnet er diese Frage eines Tages beantworten würde. Der junge israelische Filmemacher kam mit großen Erwartungen nach Paris, wo er mit seinen ambitionierten Projekten jedoch kein Glück hatte. Das änderte sich, als er »in einer lauen Aprilnacht 2016« aus dem geöffneten Nachbarfenster Violinenklänge hörte. Er fand heraus, dass dort ein gewisser Ivry Gitlis fiedelte. Diesen Namen kannte er aus dem Mund seiner Mutter, einer Sängerin, deren Musiklehrer der Schwager von Ben Gurion war.

Tordjman schrieb dem Geiger einen Brief, den er, zu einem Papierflieger gefaltet, ins Zimmer gegenüber segeln ließ. Der quirlige 94-Jährige schaute aus dem Fenster - es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Bis zu Gitlis‘ Tod im Jahr 2020 nahm der junge Regisseur 120 Stunden Filmmaterial mit dem 1922 als Yitzhak-Meir (Isaac) Gitlis Geborenen auf. Gewiss, es gibt bereits Porträts über den hebräischen Ausnahmekönner. 2004 konzentrierte sich der britische Film »Ivry Gitlis and the Great Tradition« auf die Arbeitsweise des Ausnahmegeigers. Die französische Dokumentation »Le Violon sans frontières« ist eher ein musikalisches Roadmovie.

Jüdische Fiedler-Tradition

Tordjman konzentriert sich nicht nur auf die Biografie und die Musikalität des Künstlers. Sein Blick weitet sich auf die über tausendjährige jüdische Fiedler-Tradition: »Die Geige ist leichter unter den Arm zu klemmen, wenn man fliehen muss«. Auch Ivry Gitlis musste fliehen. Nachdem er 1933 mit 11 Jahren nach Paris gekommen war, mussten er und seine Mutter sich 1940 nach dem Einmarsch der Deutschen vor den Nazis in Sicherheit bringen und gingen nach England.

Ab 1951 wurde er rasch bekannt. Sein euphorisch beklatschter Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall im Jahr 1955 sollte ihm eigentlich zum weltweiten Durchbruch verhelfen. Doch als die »New York Times« ihm »weder Brillanz noch tiefgründige Musikalität« bescheinigte, wurde der Himmelsstürmer jäh ausgebremst.

Zurück in Frankreich, wo diese Demütigung sich noch nicht herumgesprochen hatte, konnte Gitlis seine Karriere zunächst fortsetzen. Doch wie bei Murphys Law eckte er immer wieder an. Er habe, so ein Bewunderer, »nie einen falschen Ton gespielt. Er hat auf seine Weise die richtigen Töne gespielt - womit viele nicht einverstanden waren«. Der Film porträtiert einen nimmermüden Lebenskünstler, der, vom Klassik-Betrieb an den Rand gedrängt, schließlich zum Organisator wurde. Das von ihm 1971 ins Leben gerufene Festival im südfranzösischen Vence wurde für sein innovatives Programm bekannt. Dank seiner Vielseitigkeit startete Gitlis sogar noch eine weitere Karriere. Als Filmschauspieler trat er oft vor die Kamera, unter anderem in Schlöndorffs »Eine Liebe von Swann«.

Legendärer Soloauftritt

An einem Kreuzpunkt verschlungener Wege und Umwege fokussiert die Dokumentation schließlich Gitlis‘ Auftritt auf dem legendären Huberman Festival in Tel Aviv 1982. Das ist benannt nach dem polnisch-jüdischen Geiger Bronislaw Huberman, der das Palästina-Sinfonieorchester begründete und dadurch zahlreichen verfolgten jüdischen Musikern das Leben rettete.

Aufgrund der einzigartigen Ansammlung weltberühmter Geiger, darunter unter anderem Isaac Stern, Ida Haendel, Itzhak Perlman und Pinchas Zukerman, avancierte der Mitschnitt des Huberman-Festivals von 1982 zu einem außerordentlichen Verkaufserfolg der Deutschen Grammophon. Gitlis‘ legendärer Soloauftritt wird auf dieser Platte allerdings ausgespart. Hat sich hier das Trauma der Carnegie Hall wiederholt?

Ist »Elvis der Violine« in Wahrheit ein Dibbuk?

Kollegen, Freunde und Bewunderer, die Gai Tordjman dazu befragt, halten sich merkwürdig bedeckt: »Manchmal ist es besser, zu schweigen«, erklärt Zubin Mehta, der seinerzeit am Dirigentenpult stand. Ist Ivry Gitlis, der auch als »Elvis der Violine« bezeichnet wurde, in Wahrheit ein Dibbuk? Nach jüdischem Volksglauben ein rastloser Geist?

Sehenswert ist Gai Tordjmans Film, weil er auch entlang einer detektivischen Dramaturgie strukturiert ist. So tauchte viele Jahrzehnte später ein Radiomitschnitt seines Sibelius-Konzertes aus der Carnegie Hall auf. Endlich konnte Gitlis sich überzeugen, dass er damals nicht falsch gespielt hat: eine Erlösung. Und aus dem liebenswürdigen Chaos seiner Pariser Wohnung taucht irgendwann eine vergessene VHS-Videokassette mit einem Mitschnitt seines Soloauftritts auf dem Huberman Festival auf - mit welchem der Film endet.

Detektivische Dramaturgie

»Ivry Gitlis - Von der Kunst (k)ein Geiger zu sein« zeichnet das Porträt eines Virtuosen, der in keine Schublade passte, und auf seine unnachahmliche Weise Grenzen sprengte. Mit einer Fülle seltener Archivmaterialien aus einem langen Leben erlebt man einen volksnahen, kommunikativen Menschen mit Ecken und Kanten, der sich nie verbiegen ließ.

Dabei machte er sich nicht nur Freunde - eine Problematik, die der Film umkreist: »Wenn man kritisch ist«, so ein Kollege, »könnte man sagen, dass Ivry die Grenze zwischen Freiheit und Anarchie nicht kannte«. Er war eben kein Geigenroboter, er versprühte eher den anrüchigen Charme eines Straßenmusikers. Zubin Mehta fügt hinzu: »Niemand hat so sexy Geige gespielt«. Hat er dabei auch den Bogen überspannt? Einen Rest von Geheimnis hütet der Film.

»Ivry Gitlis – Von der Kunst (k)ein Geiger zu sein«, Regie: Gai Tordjman, Arte, 19. April, 23.50 Uhr.

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