Mel Brooks

Entertainer mit Panikattacken

Mel Brooks (99) ist einer der wenigen Künstler mit »EGOT«-Status: Er gewann sowohl einen Emmy als auch Grammy, Oscar und Tony Award. Foto: HBO

Kaum ein Satz könnte sein Lebenswerk besser auf den Punkt bringen: »Wir haben die Geschmacklosigkeit neu erfunden«, freut sich die Regie-Legende Mel Brooks geradezu diebisch in einer Szene der zweiteiligen HBO-Doku Mel Brooks: The 99 Year Old Man! Der Titel selbst ist eine Anspielung auf die TV-Serie The 2000 Year Old Man, in der er gemeinsam mit seinem Freund, dem Komiker Carl Reiner, in den 50er-Jahren auftrat und berühmt wurde.

Und in der Tat, in Brooksʼ Filmen wie Der wilde wilde Westen von 1974 furzen Bohnen mampfende Cowboys am Lagerfeuer um die Wette, und in Mel Brooksʼ verrückte Geschichte der Welt von 1981 tritt er persönlich als singender Großinquisitor Torquemada auf, der Juden zur Konversion zum Christentum zu überreden versucht, indem er sie von schwimmenden Nonnen malträtieren lässt.

Doch in diesen Klassikern, die bei Kritikern nicht selten auf Unverständnis stießen, dafür aber beim Publikum auf Begeisterung, steckt weit mehr, und genau das vermittelt der von Judd Apatow und Michael Bonfiglio produzierte HBO-Zweiteiler sehr eindrucksvoll.

So setzte sich Brooks in Der wilde wilde Westen mit dem Thema Rassismus und der damit verbundenen Heuchelei auseinander, und zwar auf seine ganz eigene Art: Ein Schwarzer wird Sheriff in einer typischen Western-Szenerie, was zu völlig absurden Situationen führt, in denen das N-Wort geradezu inflationär verwendet wird.

So etwas wäre heute schlichtweg undenkbar. »Richard hat mich dazu angespornt«, erzählt Brooks mit Verweis auf den Hauptdarsteller, den afroamerikanischen Schauspieler Richard Pryor. »Er sagte über das N-Wort: ›Manchmal wird es von Brüdern liebevoll verwendet, und manchmal ist es einfach nur ein bösartiger, schrecklicher Fluch, der einem das Herz bricht.‹«

In »Frühling für Hitler« machte sich Brooks in respektlos-anarchistischer Weise über die Nazis lustig

In Frühling für Hitler von 1967 machte sich Brooks in respektlos-anarchistischer Weise über die Nazis lustig, was wiederum das Feuilleton nicht so amüsant fand, weshalb die Satire durchfiel. Es war der britische Komiker und Schauspieler Peter Sellers, der durch seine Begeisterung dafür sorgte, dass man Frühling für Hitler mit anderen Augen zu sehen begann und der Film schließlich zum Klassiker wurde.

All das und noch viel mehr darüber, was möglich ist, wenn die Angst vor den Mächtigen mit Humor und Satire überwunden wird, erfährt man in dieser rund vier Stunden dauernden Doku. Sie ist allein schon deswegen sehenswert, weil nicht nur über Mel Brooks erzählt wird, sondern er selbst ganz viel zu Wort kommt, und zwar durch zahlreiche Einspielungen aus Vergangenheit und Gegenwart. Und sogar mit seinen fast 100 Jahren zündet Mel Brooks manches verbale Feuerwerk, das zu erstaunen vermag.

Es ist immer wieder das Unberechen­bare, das sich wie ein roter Faden durch die Doku zieht. So eröffnete ein TV-Moderator vor Jahren einmal das Gespräch mit ihm mit dem Satz: »Sie haben Ihren Vater früh verloren.« Brooksʼ Antwort: »Nein, nein. Mein Vater ist gestorben«, woraufhin erst einmal Verwirrung herrschte.

Max Liebman, Produzent von Your Show of Shows, nannte ihn deshalb »eine menschliche Unterbrechung«, und sein Freund Larry Gelbart, selbst Drehbuch­autor von Filmen wie Tootsie, erklärte sich diesen Habitus folgendermaßen: »Mel dachte wohl, der Klaps des Arztes auf den Hintern bei seiner Geburt sei Applaus gewesen. Seitdem hat er nicht aufgehört zu performen.«

»Mel dachte wohl, der Klaps des Arztes auf den Hintern bei seiner Geburt sei Applaus gewesen. Seitdem hat er nicht aufgehört zu performen«, sagte sein Freund Larry Gelbart.

Doch Mel Brooks ist nicht einfach nur der ewig lustige Kerl mit filmischen und schauspielerischen Talenten. In der Doku gewährt er ebenfalls Einblicke in die eher unbekannten, manchmal dunklen Facetten seines Charakters, spricht von Schaffenskrisen und finanziellen Problemen, aber auch von seinen Panikattacken vor Auftritten. »Ich kotzte zwischen die parkenden Autos«, erzählt er, weshalb der Entertainer und Regisseur schließlich eine Psychoanalyse begann. Und er berichtet viel von der Ehe mit seiner zweiten Frau Anne Bancroft und darüber, was in der Beziehung mit seiner ersten Frau Florence Baum schieflief.

Die Doku beschäftigt sich zudem mit dem Einfluss, den Brooks auf andere hatte und hat. »Wenn ich es kann, könnt ihr es auch«, sagt er. Und damit hat er auf gleich zwei Ebenen recht. Denn zum einen steht seine Biografie exemplarisch für den amerikanischen Traum.

1926 wurde er als Melvin James Kaminsky in eine Familie jüdischer Einwanderer in Brooklyn geboren

Als Melvin James Kaminsky 1926 in eine Familie jüdischer Einwanderer in Brooklyn geboren, wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf – der Vater starb früh an Tuberkulose –, war einfacher Soldat im Zweiten Weltkrieg und landete schließlich als Entertainer in den Catskill Mountains, gerne auch Borscht Belt genannt, weil dort New Yorker Juden ihren Urlaub verbrachten.

Dort begann Mel Brooksʼ einzigartige Karriere als Regisseur, Schauspieler und sogar als Sänger, die, und das zeigt die HBO-Produktion so eindrucksvoll wie auch einfühlsam, alles andere als geradlinig verlief. Trotzdem gehört der Amerikaner zu der Handvoll Künstler, die den sogenannten EGOT-Status haben, also sowohl einen Emmy Award gewonnen haben als auch einen Grammy, Oscar und Tony Award.

Zum anderen, und das betonen Ben Stiller, Adam Sandler oder Jerry Seinfeld in ihren Äußerungen zu Brooks immer wieder, war er es, der ihnen als jüdischen Schauspielern und Comedians durch seinen Erfolg und sein Auftreten den Weg geebnet hat.

Mit anderen Worten: Ohne ihn würde es sie nicht geben. Oder wie es Sarah Silverman auf den Punkt bringt: »Er war so jüdisch, aber viel cooler als Woody Allen.«

Gern hätte er einmal den deutschen Kaiser Wilhelm II. gespielt, erzählt Brooks gegen Ende der Doku. Das hätte man mit Vergnügen gesehen, altersbedingt wird es wohl leider nicht mehr dazu kommen.
Aber mit seinen 99 Jahren hat sich Mel Brooks ein anderes Ziel gesetzt. Er möchte auf jeden Fall noch eine Fortsetzung seiner Star-Wars-Parodie Spaceballs drehen. Wenn es klappt, dürfte er dann wohl der älteste aktive Regisseur der Filmgeschichte sein.

»Mel Brooks: The 99 Year Old Man!« ist beim Streamingdienst HBO+ zu sehen.

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