Brasilien

Schwarze Diamanten voller Rätsel

Mosers Biografie ist ein Glücksfall. Foto: Schöffling & Co

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Es fängt mit dem Blick von Clarice Lispector an: kalt, aber nicht grausam, durchdringend und doch beiläufig. Ihre Bücher sind schwarze Diamanten voller Rätsel, und sie selbst war auch einer, so der Mythos. Der Schöffling-Verlag bietet mit dem Beginn einer Werkausgabe und einer Biografie nun die Möglichkeit, sich in diesem Mythos zu verlieren. Ja, sie war eine Sphinx, so Lispectors Biograf Benjamin Moser. »Mein Geheimnis ist, dass ich keines habe«, sagte die Schriftstellerin selbst über sich. Fast niemand wusste wirklich, wer oder was sie ist.

Tatsächlich wurde sie als Chaya Lispector geboren, im ukrainischen Schtetl Tschetschelnyk. Das war 1920, ein Jahr nach den großen Pogromen. Ihr Vater beschließt, mit seinen drei Töchtern und seiner Frau auszuwandern. Über Rumänien und Hamburg kommen die Lispectors nach Brasilien. Chaja ist ein Jahr alt, als sie plötzlich Clarice heißt. Die Familie lebt erst in Recife, dann in Rio de Janeiro. Als Clarice neun ist, stirbt ihre Mutter, die während der Pogrome vergewaltigt wurde. Mit 13 beschließt sie, Schriftstellerin zu werden. Als sie 20 Jahre alt ist, stirbt auch ihr Vater.

Kindheit Über all das hat Lispector 1943 in ihrem ersten Roman Nahe dem wilden Herzen geschrieben – und dann auch wieder nicht. Sie dringt in den Kopf ihrer Protagonistin Joana ein, die nach frühen Verlusten der Welt abhandengekommen ist. Kapitel über ihre Kindheit wechseln sich ab mit Kapiteln über ihre Ehe mit dem leisen Otavio. Dafür hakt sie sich bei den Bewusstseinsströmlern unter. Doch die Stimme, die dahinter leuchtet, gehört eindeutig ihr.

Joana ist entfremdet, verlassen, einsam sogar. Alles Klischeebegriffe (gerade der jüngeren deutschen Literatur), die erst bei Lispector wieder Bedeutung erhalten. Sie erzeugt das Gefühl der befreienden Einsamkeit – nicht im verschneiten Wald oder auf einer Bergspitze, sondern als Gesicht in der grauen Masse, das in die Welt blickt und die Dinge genau betrachtet.

Vor dieser Einsamkeit steht ein Bruch. Auf der Suche nach ihm beschreibt Lispector den Verlust der Eltern und der Kindheit, ohne ihn als Ursache für die späteren Gefühle zu verzerren. Joana, so scheint es, ist einfach mit dieser beobachtenden Einsamkeit ins Leben geworfen worden.

einsamkeit Der Titel bezieht sich auf eine Stelle aus James Joyces Porträt des Künstlers als junger Mann, die Lispectors Buch vorangestellt ist: »Er war allein. Er war verlassen, glücklich, nahe dem wilden Herzen des Lebens.« Das ist die Quelle der Beklemmung, die von diesem Roman ausgeht: Lispector entwirft die Ethik einer reinen Einsamkeit, die trotzdem keineswegs ein Gefängnis ist.

Der Lüster, ihr zweiter Roman von 1946, ist konzentrierter, runder, tiefer. Wieder blickt Lispector in eine Kindheit. Die junge Virginia hat mit ihrem Bruder Daniel die »Gesellschaft der Schatten« gegründet. Ihr Geheimbund steht unter den Vorzeichen »Einsamkeit« und »Wahrheit« – also genau die Begriffe, die schon Joanas Innenleben geprägt haben.

Während Joana bereits frei in der Entfremdung ist, muss Virginia diesen Schritt erst noch tun. Dafür ordnet sie sich ihrem Bruder brutal unter – Biograf Moser betont den unbekannten und verbotenen Genuss, den sie dabei empfindet. Möchte Lispector die Wurzeln einer Lust am Leid zeigen? Diese grausame Konditionierung zur »Freiheit in der Einsamkeit« stellt auch ihren ersten Roman infrage. Hat das Entfremdungslabyrinth einen Ausgang – und möchten die Menschen ihn finden?

schock Nicht nur wegen solcher Fragen hat Lispector einen Schock ausgelöst, schreibt Moser. Da war ihre Erscheinung – Marlene Dietrich, Femme fatale. Da waren die Gerüchte – Lispector sei sowieso ein Künstlername, und zwar eines Mannes, oder wenigstens einer Katholikin, die lesbisch sei. Lispector selbst sah sich immer vor allen Dingen als Brasilianerin.

Sie hat sich nie taufen lassen und wurde nach ihrem Krebstod im Alter von 56 Jahren auf einem jüdischen Friedhof beerdigt – das ist es aber auch. Im Werk selbst gibt es nur sehr selten explizite jüdische Bezüge. Moser will aber, etwas sehr bemüht, Lispectors Verwandtschaft zur jüdischen Mystik erkennen.

Von solchen Aussetzern abgesehen ist Mosers Biografie ein Glücksfall. Das Problem, sich einer solchen Unnahbaren zu nähern, ohne sie zu verklären oder einzusperren, löst er, indem er Mythos und Mensch ernst nimmt. Recherche und Urteil sind ausbalanciert, trotzdem spricht er stets nur von »Clarice«.

Das Bemühen von Schöffling & Co um ihr Werk ist ebenfalls außerordentlich erfreulich. Die Übersetzung von Nahe dem wilden Herzen wurde überarbeitet, Der Lüster erscheint zum ersten Mal auf Deutsch. Der Rest war bislang vergriffen, jetzt sollen Neuausgaben folgen. Zum Glück: Lispector und ihr Blick bleiben unendlich faszinierend.

Clarice Lispector: »Nahe dem wilden Herzen«. Roman. Aus dem Portugiesischen von Ray-Güde Mertin und Corinna Santa Cruz. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2013, 320 Seiten, 19,95 €

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  03.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  02.05.2026

Los Angeles

William Shatner kündigt Heavy-Metal-Album mit Starbesetzung an

Der jüdische Schauspieler und Musiker will mit 95 Jahren nicht leiser treten, sondern lauter: Sein neues Album soll prominente Musiker aus der Metalszene zusammenbringen

 01.05.2026

Howard Rossbach

Wanderer zwischen Ostküste und Oregon

Er ist Spross einer Familie bekannter Politiker und Bankiers. Doch seit 50 Jahren reüssiert der gebürtige New Yorker Howard Rossbach am anderen Ende Amerikas als Winzer. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  01.05.2026

Literatur

Herkunft, Schuld und der lange Schatten der Vergangenheit

Krieg, Flucht, Schuld. Diplomat Rüdiger von Fritsch hat ein Buch über seine Familie geschrieben - und über das schwere Erbe deutscher Geschichte

von Christiane Laudage  01.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  01.05.2026

Kino

»Nürnberg«: Russell Crowe und Rami Malek locken mit Star-Power

Die Oscar-Gewinner Russell Crowe und Rami Malek glänzen als Nazi-Kriegsverbrecher und Psychiater mit ausgefeiltem Schauspiel. Das ist faszinierend – und problematisch

von Peter Claus  01.05.2026

Zahl der Woche

154.369 Drusen

Fun Facts und Wissenswertes

 01.05.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Marathon oder Volcano Race – von Schnelligkeit und meiner Unsportlichkeit

von Katrin Richter  01.05.2026