Literatur

Porträt einer Generation

Ernst Toller (1893–1939) Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Literatur

Porträt einer Generation

Der Historiker Ernst Piper hat eine kommentierte Ausgabe von Ernst Tollers »Eine Jugend in Deutschland« herausgebracht

von Gerhard Haase-Hindenberg  19.05.2024 09:51 Uhr

Als Ernst Toller, der jüdische Schriftsteller und Revolutionär, vor 90 Jahren seine Autobiografie Eine Jugend in Deutschland veröffentlichte, war ihm ein großer Teil seines Lesepublikums bereits abhandengekommen.

Das Buch konnte 1933 nicht mehr in Deutschland erscheinen, wurde jedoch dank des deutschsprachigen Exilverlags Querido (Amsterdam) ein internationaler Erfolg. Nun bringt der Historiker Ernst Piper dieses Porträt einer Jugend erneut auf den Markt, angereichert mit historischen Abbildungen, Faksimiles, Dokumenten und einem Essay, der das Buch zwischen damals und heute historisch verortet.

Die gesellschaftlichen Zustände in Deutschland unterscheiden sich aktuell zweifelsohne von denen im Jahr 1933, und doch kann dem Werk eine gewisse Aktualität nicht abgesprochen werden. Eine, die sich in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach gewandelt hat.

Dem Werk kann eine gewisse Aktualität nicht abgesprochen werden.

Angesichts der Bücherverbrennung 1933 hatte der Autor erklärt, dass Eine Jugend in Deutschland keineswegs nur seine individuelle Jugend schildert, vom jüdischen Knaben, geboren in Samotschin in der einstigen preußischen Provinz Posen, über den nationalistisch verführten Kriegsfreiwilligen bis zum Pazifisten und Revolutionär der Münchner Räterepublik, was ihm eine jahrelange Festungshaft einbrachte.

Vielmehr sei es ein Buch über »die Jugend einer Generation und ein Stück Zeitgeschichte dazu«. Damit ist etwas über die Zielgruppe gesagt, die Toller ursprünglich im Auge hatte. Eine Renaissance erlebte das Buch in der Zeit der 1968er-Revolte, als die vorwiegend studentische Jugend sich des Revolutionärs und Antifaschisten erinnerte.

In dieser Zeit war auch der Geschichtsstudent Ernst Piper mit Tollers Lebenswerk in Verbindung gekommen. Nun, als promovierter Historiker, hat er in der Reihe »Die Andere Bibliothek« jene kommentierte Ausgabe herausgebracht. Bei Piper, der vor einigen Jahren eine Rosa-Luxemburg-Biografie vorlegte, ist dabei eine gewisse Sympathie für die linkssozialistischen Positionen Tollers nicht zu übersehen. Das war bereits im Jahr 1996 so, als er Toller in der Zeitschrift »Exil« einen Aufsatz unter dem Titel »Ich will es mit Liebe umpflügen« gewidmet hatte.

Toller-Renaissance auf westdeutschen Bühnen

Schon im Jahrzehnt zuvor hatten die westdeutschen Theaterdramaturgen Tollers Stücke auf die Spielpläne gesetzt. Politische Dramen, die er größtenteils in der Haft verfasst hatte, wurden Jahrzehnte nach den erfolgreichen Uraufführungen gezeigt. In Nürnberg hatte 1981 Raymund Richter, der einstige Assistent von Peter Zadek, Hinkemann inszeniert.

Im Mittelpunkt des Antikriegsdramas steht ein ehemaliger Frontsoldat, dessen Manneskraft durch eine Gewehrkugel zerstört worden ist. Das nationalistische deutsche Theaterpublikum war darüber im April 1924 noch entrüstet, die Berliner Uraufführungsinszenierung mit Heinrich George konnte nur unter Polizeischutz stattfinden. Nun löste es eine regelrechte Toller-Renaissance auf den westdeutschen Bühnen aus.

Ernst Piper hat in seinem Essay eine bislang wenig beachtete Seite Tollers aufgezeigt, die des jüdischen Autors. So erfährt man, dass er unmittelbar nach der Haftentlassung nach Palästina gereist war, viel Zeit in Kibbuzim verbrachte und bei Veranstaltungen der sozialistisch-zionistischen Bewegung Poale Zion auftrat.

Zu Beginn der NS-Herrschaft hielt sich Ernst Toller glücklicherweise in der Schweiz auf. Er reiste fortan durch die Welt, hielt Vorträge, organisierte Hilfsaktionen für das republikanische Spanien und für Arbeitslose in Palästina. In einem Zimmer des New Yorker »Mayflower Hotel« setzte er seinem Leben am 22. Mai 1939 selbst ein Ende.

Eine heutige Leserschaft sollte sich angesichts des wieder zunehmenden Antisemitismus und nationalistischem Populismus animiert fühlen, Eine Jugend in Deutschland wieder zur Hand zu nehmen.

Ernst Toller: »Eine Jugend in Deutschland«. Die Andere Bibliothek, Aufbau, Berlin 2024, 348 S., 26 €

München

Simon Rattle bleibt bis 2033 Chef des BR-Symphonieorchesters

»Symphonischer Hoagascht« oder »Singen mit Sir Simon« hießen Projekte, die Sir Simon Rattle eingeführt hat. Die Arbeit mit dem Symphonieorchester des BR und seinem Chor sagt dem Chefdirigenten zu. Er hat nun verlängert

von Barbara Just  08.10.2026

Adania Shibli

Plattitüden in Romanform

Auch das zweite auf Deutsch erschienene Buch der palästinensischen Autorin weist einen holzschnittartigen Charakter auf

von Enno Stahl  08.10.2026

Prag

Spätes Debüt

Der Schriftsteller Eli Beneš gilt als bekannteste literarische Stimme der Juden in Tschechien. Sein Roman über einen Schoa-Überlebenden machte ihn zum preisgekrönten Autor. Eine Begegnung

von Kilian Kirchgeßner  08.10.2026

Literatur

»Es gibt zwei Seiten«

Zur Frankfurter Buchmesse ruft die israelische Autorin Orna Landau gegen den Boykott von Büchern auf: »Entscheidet euch für Wissen«

von Ayala Goldmann  08.10.2026

Literatur

Geistige Freiheit

Tschechien ist Ehrengast der Buchmesse. Unser Autor erinnert an die Zeit nach dem Prager Frühling, als Bücher in seiner Heimat als »Samisdat« im Untergrund erschienen

von Jan Faktor  08.10.2026

Nahost

Die Geschichte eines Krieges

Shahrzad Eden Osterer und Richard C. Schneider analysieren den Konflikt zwischen Israel und Iran – und die Rolle der involvierten Proxy-Armeen

von Eva M. Grünewald  08.10.2026

7. Oktober

Maxim Biller und die Barbaren

In »Schwarze Samstage« kämpft der Schriftsteller mit den Folgen des Massakers in Israel – und zieht eine harte Linie zwischen Juden und »Gojim«

von Tobias Kühn  07.10.2026

TV-Tipp

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026