Meinung

Nein, man darf nicht!

Letztlich geht es um das Existenzrecht. Foto: imago

Meinung

Nein, man darf nicht!

Warum »Kritik an Israel« ein rhetorischer Taschenspielertrick ist

von Rafael Seligmann  29.08.2016 18:37 Uhr

Wer sich als Demokrat oder gar als jüdischer Demokrat die Aussage bieten lässt: »Kritik an Israel ist legitim«, hat das Wesen der globalen Auseinandersetzung zwischen Freiheit und einem offensiven Islamismus plus Antisemitismus, der sich gerne auch als Antizionismus tarnt, nicht begriffen.

Im 21. Jahrhundert ist Krieg weit mehr als »ein Akt der Gewalt«, wie der deutsche Militärtheoretiker Carl von Clausewitz vor knapp 200 Jahren feststellte. Krieg ist heute vor allem eine geistige Auseinandersetzung. Dieser Kampf wird mit allen Mitteln ausgefochten – auch mit solchen, die auf den ersten Blick nicht als Krieg erkennbar sind. Diese Feststellung trifft auch auf den Kampf um Israel sowie den weltweiten Feldzug einer unheiligen Allianz von Islamisten, Antisemiten und Antizionisten gegen die Juden zu.

Es ist tragisch, dass die meisten Politiker der demokratischen Welt, einschließlich Israels, immer noch meinen, die Auseinandersetzung mit den »Feinden der freien Gesellschaft« lediglich mit militärischen Mitteln führen zu können. Das klassische Beispiel der falschen Beurteilung und der verhängnisvollen Folgen war die Reaktion der westlichen Demokratien auf die Terrorattacken des 11. September 2001.

Al-Qaida Die USA bildeten mit ihren Verbündeten, unter ihnen arabische Diktaturen, eine militärische Allianz und eroberten Afghanistan, dessen Taliban-Regime die Al-Qaida-Terroristen unterstützte. Bald verkündete US-Präsident Bush stolz: »Mission erfüllt«. Die bis heute anhaltende, ja zunehmende terroristische Bedrohung beweist, dass der militärische Kampf gegen den Terror ungenügend ist. Hass lässt sich nicht durch Bomben ausschalten. Denn in diesem Gefecht wird um die Köpfe gekämpft.

Damit sind wir wieder in der Auseinandersetzung um Israel und den Zionismus. Der jüdische Staat hat seit seiner Gründung alle Kriege gewonnen. Doch niemand wird behaupten, dass das politische Standing Israels und des Zionismus heute besser ist als vor 50 Jahren. Ein Blick auf die Abstimmungen und das Kräfteverhältnis in den Vereinten Nationen lehrt: Zion ist in der Defensive. Ohne die Unterstützung der USA wäre Jerusalem in einer verzweifelten Isolation.

Entscheidender ist indessen das Meinungsklima in den demokratischen Staaten. In weiten Teilen der freien Presse und an den Universitäten ist das demokratische Israel keineswegs der Champion der Freiheit. Es wird als finstere Besatzungsmacht gebrandmarkt. Als Kraft der Verständigung und des Friedens gilt heute der Iran. Präsident Rohani, dessen Regime den Schlächter Assad mit Waffen und Ausbildern unterstützt und offen verkündet, Israel auslöschen zu wollen, wird als ein Wegbereiter des Friedens gewürdigt.

Existenzrecht Schuld daran ist keineswegs nur die Macht der Petrodollars. Verantwortung trägt auch die Naivität der Israelis und Juden. Widerstandslos nehmen sie hin, dass entscheidende Begriffe von der Gegenseite besetzt werden. Etwa die eingangs zitierte Aussage: »Kritik an Israel ist legitim.« Ein propagandistischer Taschenspielertrick: Hier wird die Legitimität von Kritik an der Regierungspolitik auf das Existenzrecht des Staates umgelogen. Man mag die Politik der Regierung in Paris tadeln. Doch niemand kommt auf die Idee, Frankreichs Bestehen infrage zu stellen.

Israel-Kritik bedeutet nichts anderes, als sein Dasein zu kritisieren. Eine andere Taktik: Gegen Juden hat man nichts, lediglich Zionismus wird abgelehnt – weil Israel durch Gewalt auf Kosten der Araber entstanden sei. Unterschlagen wird: Jeder Staat ist durch Gewalt entstanden.

Diese Selektion darf nicht hingenommen werden. Sie muss als das entlarvt werden, was sie ist: Antijudaismus in seiner modernen Form.

Meinung

Warum der Begriff »Davidstern-Skandal« unpassend ist

Die Formulierung beschreibt den Vorfall nicht nur falsch, sie deutet ihn auch als ein jüdisches Vergehen

von Martin Krauß  30.01.2026

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Kurz nach dem Holocaust-Gedenktag zeigt 3sat ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  29.01.2026

Kairo/Berlin

Ägypten verbietet Buch zu Gaza-Krieg - Autoren: Das Interesse ist riesig

Ihr Streitgespräch über den Nahostkonflikt sorgte in Deutschland für viel Aufmerksamkeit - doch Ägyptens Zensur verbietet das Buch von Philipp Peyman Engel und Hamed Abdel-Samad. Die Autoren nehmen es eher gelassen

 29.01.2026 Aktualisiert

Literatur

Waisenkinder des Lebens

Aus Barbara Honigmanns neuem Buch »Mischka. Drei Porträts« lässt sich erfahren, welch strenge Schönheit und unprätentiöse Würde in der Erinnerung liegen

von Marko Martin  29.01.2026

Kulturkolumne

Jüdischer Humor als Überlebensstrategie

»Happy Place«: Eine TV-Serie, bei der es sich sicher anfühlt zu lachen, aber den Schmerz dahinter auch tatsächlich zu spüren

von Laura Cazés  29.01.2026

Rechtsstreit

Bericht: Schauspielerin verliert Hauptrolle wegen Pro-Israel-Haltung

In »Die Todessehnsucht der Maria Ohm« sollte Sarah Maria Sander laut Vertrag die Hauptrolle spielen

 29.01.2026

Kino

»EPiC: Elvis Presley In Concert« feiert Kinostart

Laut Regisseur Baz Luhrmann ist das Werk weder eine reine Dokumentation noch ein klassisches Konzertfilm-Format, sondern ein tiefgründiges Porträt des 1977 verstorbenen jüdischen Stars. Die Kritiker sind beeindruckt

 29.01.2026

Australien

»Respekt für Gil«

Was das Dschungelcamp an seinem 5. Tag abliefert, könnte glatt schon hart an die großen Brecht’schen Dramen heranreichen

von Martin Krauss  29.01.2026

Fernsehen

Gil Ofarim: »Das kann es nicht gewesen sein«

Was genau er damit meint und ob er sich auf den Skandal bezieht, der das öffentliche Bild von ihm zuletzt geprägt hatte, lässt Ofarim als Cliffhanger offen

 28.01.2026