Familiengeschichte

Lust am Dasein

Der Schriftsteller Rafael Seligmann Foto: imago images/VISTAPRESS

Familiengeschichte

Lust am Dasein

In dem Roman »Rafi, Judenbub« schildert Rafael Seligmann seine Jugend im Deutschland der Nachkriegszeit

von Daniel Killy  11.05.2022 10:31 Uhr

Rafael Seligmann hat den letzten Teil seiner Familientrilogie vorgelegt. Nach Lauf, Ludwig, lauf und Hannah und Ludwig. Heimatlos in Tel Aviv ist nun Rafi, Judenbub erschienen.

Nach der Schilderung des väterlichen Aufwachsens im untergegangenen deutschen Landjudentum im ersten Band und der gescheiterten Assimilation im britischen Mandatsgebiet und späteren Israel im zweiten, steht nun die Rückkehr nach Deutschland im Mittelpunkt, das Land der Mörder und Väter.

SCHREIBMASCHINE Auch sie basiert auf den Aufzeichnungen des Vaters, jenen 80 Schreibmaschinenseiten, die Rafael Seligmann nach dessen Tod im Nachlass gefunden hatte. Ob dramaturgischer Kniff oder literarisch verbrämte Wahrheit: Gegen Ende von Rafi, Judenbub, als der bereits publizierende Sohn den Vater ermutigt, sein Leben aufzuschreiben, bittet Rafi ihn, doch vom unleserlichen Sütterlin auf Schreibmaschine umzustellen.

Das ist eine Schlüsselszene für die ganze Trilogie. Denn was Rafi nur schwer imstande ist, zu entziffern, wird durch Vaters eigens erworbene Schreibmaschine verständlich für alle. Es ist die Allegorie auf all das tausendfach Gesagte und bis heute nicht Begriffene zu den Einzelschicksalen der Schoa.

Die Hauptaufgabe des jungen Rafi war es, die Traumata der Familie zu kompensieren.

Einmal auf die vielfachen Brechungen von Vater, Mutter und Sohn Seligmann, die der Verlust der Heimat, die Ermordung der Familie in den Nazi-Todeslagern und schließlich die Rück-, nicht Heimkehr ins Land der Täter bewirkt hatten. Und des Weiteren auf das beständige Dechiffrieren der unterschiedlichen Traumata der Eltern sowie die beredte Sprachlosigkeit zwischen Nazi-Tätern oder Mitläufern und vormals Verjagten. Die Kommunikation der Seligmanns in ihrem ehemals vertrauten Bayern bedurfte genauso einer Transkription wie Vater Ludwigs Manuskript. Eine Rolle, die in erster Linie Rafi zuwuchs.

PUBERTÄT Der hatte zwar neben Problemen mit postnazistischer Autorität in Schule und Alltag sowie dem Erlernen des Deutsch-Schreibens und dem später hinzukommenden Elend der Pubertät zuvörderst mit Heimweh und Sehnsucht nach Israel zu kämpfen, wusste aber München, das Grün der Isarauen und später dessen aufgeschlossene Bewohnerinnen sehr zu schätzen.

Doch seine Hauptaufgabe war es, die unterschiedlichen Traumata der Familie zu kompensieren. Mutter Hannahs familiäre Verluste durch die Schoa, ihren Hass auf das Land der Täter, das sie bitter und ungerecht werden ließ – vor allem ihrem Mann gegenüber –, und Vater Ludwigs Hadern, seinen Glauben und seine Vorväter verraten zu haben: »Es gibt in Ichenhausen nur noch Gräber. Alle Juden wurden umgebracht oder sind geflohen. Nur ich ehrloser Geselle bin nach Deutschland zurückgekehrt.«

Er kann weder den Verlust der Heimat verwinden noch die Rückkehr in das Land, das nur scheinbar dasselbe ist, aus dem er einst geflüchtet war. Die Synagoge in Ichenhausen (Landkreis Günzburg), seit 1953 im Besitz der Stadt, war zwischen 1958 und 1985 – also weit über den Tod Ludwig Seligmanns hinaus – städtisches Feuerwehrhaus. Ludwig ertrug es nicht, an dem geschändeten Bau vorbeizugehen.

Gleichzeitig versuchte er unverdrossen, seiner Familie ein treusorgender Vater zu sein. Er schuftete buchstäblich bis zum Umfallen, kujoniert von seinen jüdischen Arbeitgebern Abramowski und Saphir, getrieben von einer schwersttraumatisierten Ehefrau, die beständig Düsternis ausdünstete und ihren krankhaften Ehrgeiz auf Mann und Sohn projizierte, indem sie beide zu Versagern erklärte.

SCHICKSEN Kein Wunder eigentlich, dass sich Rafi als Jugendlicher nichts mehr wünschte als Unabhängigkeit. Und das Recht auf eine Jugend, über der nicht permanent der Todesfluch der Schoa-Überlebenden lag. Dass er sich, obgleich schüchtern, dann doch recht zügig auf seine Libido besann und Satyr-gleich von Schickse zu Schickse schwang, gehört zu den vergnüglichen Passagen dieses Buches.

Seligmanns prägnante Schreibweise erinnert eigentlich an ein Drehbuch.

Waren es in Hannah und Ludwig noch zwei Ich-Erzähler, so sind es in Rafi, Judenbub drei – Mutter, Vater und Sohn. Das ist keineswegs verwirrend, sondern sorgt für Authentizität und Dynamik, wechselt doch die Perspektive auf die Handlung absatzweise.

Das hat sicherlich auch mit Seligmanns prägnanter Schreibweise zu tun, die eigentlich in ihrer Klarheit eher an ein Drehbuch erinnert. In dieser wahren Geschichte jedoch, die mit der dichterischen Freiheit der Romanform präsentiert wird, sind die Sichtwechsel besonders passend. Denn so gelingt es dem Autor auch, ein und denselben Sachverhalt aus drei Blickrichtungen zu betrachten, ohne endlos erklären zu müssen.

chronik Aus der Trilogie ist neben der anrührenden Familien-Biografie eine präzise Chronik aus jüdischem Landleben und Antisemitismus vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die 70er-Jahre geworden. Der dritte Band zeigt die unterschiedlichen Versuche dreier Seligmanns, ihr Verhältnis zu Deutschland zu kompensieren.

Dass dabei Ich-Erzähler Rafi mit seiner Lust am Dasein schließlich am besten wegkommt, liegt in der Natur der Sache – und vielleicht auch an der Fähigkeit des Autors, sich selbst als pubertierenden Lümmel alles andere als heroisierend darzustellen. Der eher trübe jüdische Subtext allerdings, der bleibt: Wir sind hier höchstens auf der Durchreise.

Rafael Seligmann: »Rafi, Judenbub. Die Rückkehr der Seligmanns nach Deutschland«. Langen Müller, München 2022, 400 S., 24 €

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