»Too Much«

London Calling

Jessica (Megan Stalter) und ihr Hund sind gerade in London Heathrow gelandet – und jetzt auf zum Hoxton Grove Estate. Foto: © 2024 Netflix, Inc.

Hoxton Grove Estate, das klingt nach einem mittelgroßen Anwesen, einem minutiös gepflegten Garten, schweren Eingangstoren – vielleicht sogar nach Bediensteten? Auf jeden Fall nach viel Downton-Abbey-Kitsch. Und jetzt steht Jessica (Megan Stalter) vor diesem 70er-Jahre-Klinkerbau irgendwo in London. Gerade hat sie dem netten Taxifahrer, der sie zwar am Buckingham Palace vorbeigefahren, aber nun vor diesem braun-grünen Gebäude abgesetzt hat, fast 100 Pfund bezahlt. Der lachte und sagte in einem herzlich-spöttischen-Lebensplan-crashenden Ton, den wohl nur Taxifahrer haben können: »Welcome to London, Love!«

Drei riesige Koffer, eine Handvoll dieses zauseligen Hundes im blauen Strickpulli und mehrere Treppen. Dann ist Jessica angekommen in ihrem neuen Leben. Das wirkt auf den ersten Blick so wie ihr Apartment, in dem die junge New Yorkerin für drei Monate ausharren will: braune Flecken an der Decke, wüst schimpfende Nachbarn, plüschig.

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Dabei wollte sie doch einfach nur weg aus New York, weg von ihrem Freund, der sie mit einer Influencerin betrogen hat, weg von ihrem dämlichen Job und rein in ihr britisches Brontë-Schwestern-Klischee. Und dann lernt sie den Musiker Felix (netter Typ, gutaussehend) kennen. Eine seltsame (und etwas eklige) Begegnung auf der Toilette und eine Panikattacke später ist klar: Jessica ist schon mittendrin im großen Klischee-Ozean.

New York, Wales, London

»Girls« »Welcome to London« also – und »Welcome to Too Much«, der neuen Serie von Lena Dunham und ihrem Mann Luis Felber. Die amerikanisch-jüdische Erfinderin von Girls, der Serie, mit der die Regisseurin ihren Durchbruch feierte und sich damit einen festen Platz im popkulturellen Serienhimmel sicherte, erzählt in Too Much nicht nur Jessicas Geschichte, sondern auch ein wenig ihre eigene.

Denn Dunham, Tochter der Fotografin Laurie Simmons und des Malers Carroll Dunham, lebt seit 2021 im Vereinigten Königreich. Zuerst zog es sie nach Wales, dann nach London. In einem Beitrag für das Magazin »The New Yorker« schrieb die Schauspielerin im vergangenen Herbst über ihre lange existierende schwierige Beziehung zu New York. Die Stadt sei angsteinflößend und ihr ein wenig auf die Pelle gerückt. Ist ja auch kein Wunder.

Denn es gab eine Zeit, da war Dunham in der Serien-soziale-Medien-Blase so omnipräsent wie sonst nur Katzen. Auch mit sehr privaten und gesundheitlichen Problemen. Da musste sie einfach wieder raus. Durchatmen und den ganzen Berühmtheits-Kram hinter sich lassen.
Lena Dunham nahm sich Zeit, lernte ihren Mann Luis Felber kennen, spielte zusammen mit Stephen Fry und Zbigniew Zamachowski in Treasure mit, dem Film der deutschen Regisseurin Julia von Heinz, der auf dem Buch Too Many Men der australisch-jüdischen Schriftstellerin Lily Brett basiert und die Geschichte einer Vater-Tochter-Reise nach Polen beschreibt. Stephen Fry und Lena Dunham, das ist ein Match Made in Heaven.

Und auch in Too Much ist der im wahrsten Sinne des Wortes große britische Schauspieler mit dabei. Wieder als Vater, dieses Mal allerdings der von Jessicas Liebschaft Felix. Bemüht, das alte Leben in einem großen Haus der Familie wiederherzustellen, allerdings auf Kosten der Kinder, gestaltet sich die Beziehung zwischen Vater und Sohn schwierig. Die Familie lebt in einer kleinen Wohnung, die erwachsene Schwester wohnt noch zu Hause, die Mutter wirkt konstant high.

Stephen Fry und Lena Dunham – das ist ein himmlisches Match.

Die Szenen mit bekannten Nebendarstellern, außer Stephen Fry auch Andrew Scott – der den »Hot Priest« in Fleabag und alle Rollen in einer außergewöhnlichen Inszenierung von Simon Stephens im Theaterstück Onkel Vanja von Anton Tschechow spielte –, prägen die Folgen, in denen die vor sich hinplätschernde und sehr überzeichnete Serie wieder in den Bereich des Anschaubaren gehoben wird.

Wenn Scott als pedantischer und narzisstischer Regisseur Jim Wenlich Rice seinem Team auf die Nerven geht, wenn Naomi Watts als Dinnerparty-schmeißende gelangweilte Gattin Ann Ratigan plötzlich aus ihrem durchgestyltem, snobistischen und auch finanziell sorglosen Leben ausbricht, um mal wieder nach einer richtigen Herausforderung zu suchen, dann ist das sehr gelungene Serienunterhaltung.

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Die Dialoge sind witzig und schnell, und wenn man einmal über die Tatsache sinniert hat, dass Amerikaner und Briten zwar die gleiche Sprache sprechen, aber auch wieder nicht – dann kann die nächste Folge ruhig kommen.

Ohne Frage, die Serie ist Unterhaltung pur, die Hauptdarsteller Megan Stalter und Will Sharpe sind originell, und auch Stars wie die Sängerin Rita Ora und der Influencer Jake Shane treten in Erscheinung. Themen wie Diversität, Work Ethics und Feminismus schwingen bei vielen Dialogen mit.

Vieles ist aber einfach zu klischeehaft, einfach »too much«, auch wenn Dunham kürzlich erklärte, dass »too much« auch so gemeint sein könnte, dass es gerade richtig ist. Demnach also gar nicht zu viel.

Trotzdem ist das Ergebnis etwas zu lang: Zehn Folgen à 40 Minuten dauert die Geschichte der jungen Jessica, die ihren britischen Traum leben möchte, nach London kommt, dort viele coole Menschen kennenlernt und dann eine recht unerwartete Begegnung mit einem Menschen aus ihrer unmittelbaren Vergangenheit erlebt.

Eines allerdings hat die Serie geschafft: wieder einmal Lust auf London zu machen, diese wunderbare Stadt, die alles hat, was das Herz begehrt. Selbst wenn auch sie »too much« sein kann – zu viel oder einfach gerade richtig.

»Too Much« von Lena Dunham und Luis Felber ist bei Netflix zu sehen.

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