Kürzlich stand ich neben einem Zitronenbaum, in einem großen Hain voller weiterer Zitronenbäume. Die Früchte hingen riesig und schwer an den Zweigen, einige von ihnen waren schon abgefallen und lagen auf dem Boden, manche waren bereits ein wenig angeschimmelt, wieder andere waren noch grün und sahen aus wie Limetten. Hier und da war der Rest einer Blüte zu erkennen, und irgendwo summte es ganz aufgeregt.
Für mich als Stadtkind war das beobachtende Starren auf diesen Zitronenbaum nicht nur eine willkommene und sehr erholsame Abwechslung, sondern vor allem sehr faszinierend – das, was in so einem Baum passiert, ist fast so spannend wie ein Kinofilm. Okay, ich übertreibe, aber das liegt wohl daran, dass ich sonst nie inmitten von Obstbäumen stehe. In Berlin sind die interessantesten Bäume die Kirschbäume, dann vielleicht noch die Linden und auf jeden Fall der Ahorn. Aber Zitronenbäume? Zitronengesichter, ja, die sieht man ziemlich oft, aber Bäume?
Nun gut, ich befand mich ja gerade mitten in der mediterranen Zen-Meditation während des Zwischen-den-Zitrusfruchtbäumen-Stehens. Und: Ich kann es jedem nur empfehlen. Das gilt auch für andere Bäume wie Orangen-, Pampelmusen- und Granatapfelbäume, die die Nachbarn der Zitronenbäume sind. Der Reflex, sich über irgendetwas zu ärgern, aufzuregen oder zu grübeln, ist sofort unterdrückt, wenn man entweder in eine Zitrone beißt oder sich diese wunderbaren riesigen Früchte auch einfach nur ansieht, die wie Lampions auf einer Sommerparty aussehen oder wie Gesichter mit einem langen Kinn. In einem Zitronenbaum ist alles möglich.
Ich muss jetzt schnell wieder zurück in meinen Zitronenhain, denn die Erholung lässt langsam nach.
So viel zum freien Assoziieren. Die pragmatische Seite in mir dachte während des Betrachtens des Baumes an die praktische Umsetzung des schönen englischen Sprichworts »When life gives you lemons, make lemonade«. Ich machte zwar keine Limonade mit den Zitronen, aber einen Zitronenkuchen. Mit dem Saft von selbst gepflückten Zitronen. Das ist etwas ganz anderes als vorgefertigter Saft oder – noch schlimmer – Zitronenaroma. Aber nicht nur ein schnöder Rührkuchen wird mit diesen wundervollen Früchten, die hier im Übrigen schon gar nicht mehr wirklich sauer sind, sondern fast schon Pampelmusen-Aroma haben, ziemlich lecker.
Und übrigens: Es ist ja Schawuot, da lässt sich ein Käsekuchen oder – noch besser – ein Quarkkuchen mit dem Zitronenabrieb gut ergänzen. Vor einigen Jahren wagte ich mich einmal an den Zitronen-Orangen-Käsekuchen der israelischen Köchin Janna Gur. Dieses Rezept war zwar etwas aufwendig, aber den Kuchen hätte ich auch gut und gern allein verputzen können, so lecker war er – wären da nicht der Verstand und meine Lieblingshose gewesen.
All diese Gedanken verschwinden beim Blick in den Zitronenbaum und den blauen Himmel darüber. Und damit ich diesen Anblick auch nicht vergesse, wenn ich im Berliner Supermarkt die genormten Zitronen wieder Seite an Seite liegen sehe, fotografiere ich die Bäume zu jeder nur möglichen und unmöglichen Gelegenheit. Im Sonnenschein, bei Sonnenuntergang und auch, wenn der Himmel einmal wolkig ist. Sollte der Alltag dann irgendwann wieder anstrengend werden, so mein Vorsatz, sehe ich mir einfach ein paar der Fotos an, und der Stress ist schnell vergessen. In diesem Sinne: Ich muss jetzt schnell wieder zurück in meinen Zitronenhain, denn die Erholung lässt langsam nach.