Herr Wellber, was unterscheidet Leonard Bernsteins »Mass« von allen anderen Konzert-Messen?
Leonard Bernsteins »Mass« trägt eine Art Doppelmaske. Zum einen ist es eine katholische Messe, die er für die katholische Familie des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy komponierte, wobei der Komponist und Dirigent den gesamten katholischen Background einer Messe benutzt. Zum anderen hat er aber durch seine persönliche Interpretation, und zwar mit vielen modernen Texten, darunter einigen von Paul Simon, »Mass« auch für die Gegenwart sowie für Nichtkatholiken relevant gemacht. Er nutzt dabei die Vorgabe von »Messe« gleichsam als katholischen Schirm, mit dem er viele andere, ganz unterschiedliche Regenarten auffangen kann.
In welcher Sprache werden Sie »Mass« am 24. und 25. Mai aufführen?
Die Originalsprache ist Englisch, also wie Bernstein das Stück geschrieben hat. Eine deutschsprachige Version wäre schön gewesen, aber das haben wir nicht geschafft, auch aus rechtlichen Gründen. Bernstein wollte verschiedene Seiten dieser Messe zeigen. Einiges ist in Latein geschrieben und soll für das Publikum ein wenig mysteriös klingen. An anderer Stelle will er eine sprachlich verständliche und interessante Botschaft vermitteln.
Die vom Band eingespielten Stellen sind die Originalaufnahmen von Bernstein?
Die sind im großen Paket mit den Noten enthalten, ja.
Was wird in Ihrer Aufführung anders sein als in denen, die bisher zu sehen waren?
Das weiß ich noch nicht. Darüber können wir nach dem Projekt noch einmal reden. Ich habe mich aus ganz verschiedenen Gründen zusammen mit meinem Orchester für das Projekt entschieden: Erstens war »Mass« schon lange Zeit auf meiner Liste, weil Bernstein zu seiner Zeit etwas verstanden und geschaffen hat, was die Musikwelt erst heute als ziemlich selbstverständlich wahrnimmt, und zwar die Idee der »World Music«. Dabei können sich viele verschiedene Musikstile in einem Konzert vereinigen, und zwar so, wie man heute ganz selbstverständlich in der ersten Konzerthälfte Jazz und in der zweiten dann eine Beethoven-Symphonie spielen kann. Es ist derselbe Mann, der als Erster eine wunderbare Gesamtaufnahme aller Mahler-Symphonien mit den Wiener Philharmonikern eingespielt hat, aber auch »West Side Story« komponiert – was streng genommen gar nicht zusammengehen dürfte.
Und warum doch?
Bernstein war eine unglaubliche Persönlichkeit. Er hat sich nicht gescheut, Blues und Jazz in seine »Mass« hineinzuschreiben und sie dann ganz mitteleuropäisch wie Mahler zu orchestrieren. »Mass« ist wie eine Mahler-Gesamteinspielung und »West Side Story« in einem. Völlig eklektisch und seiner Zeit weit voraus – eigentlich so eklektisch, wie wir heute alle sind. Darüber hinaus fasst »Mass« all das zusammen, was ich in meiner ersten Spielzeit in Hamburg umzusetzen versucht habe: interessante, experimentelle Produktionen, wo man in ständiger Verbindung mit der Vergangenheit stets neue »Brillen«, also neue Perspektiven entwickelt.
Werden auch Amateure an der Aufführung beteiligt sein?
Das ist eine weitere faszinierende Seite von »Mass«. Nicht nur Amateure und »Nicht-Amateure« treten gemeinsam auf, sondern auch Personen mit ganz unterschiedlichen musikalischen Hintergründen. Wir haben eine Blues- und eine Jazzband, wir haben »Street Singers« und einen professionellen Konzertchor sowie einen Kinderchor, Tänzer, Spielmannszüge – alle aus völlig verschiedenen Welten kommen in dieser Aufführung zusammen. Das ergibt auch künstlerisch Sinn.
Liest man alte Kritiken, galt »Mass« lange als so etwas wie Leonard Bernsteins »weißer Elefant«, also das eine Werk, bei dem der Komponist gründlich danebengehauen hat. Über 50 Jahre nach der Uraufführung denkt man anders darüber. Wieso?
Ich denke, das hängt ein bisschen damit zusammen, dass damals niemand richtig verstanden hat, was Bernstein eigentlich sagen wollte. Man hielt »Mass« für ein bisschen kitschig, wenn nicht sogar geschmacklos. Heute ist das nicht mehr so. Vieles, was damals ungewohnt und neu war, erscheint nun quasi selbstverständlich. Auch wenn niemand das Stück kennt, wird es, wie man im Hebräischen sagt, Gehör finden.
Was dürfen die Konzertgänger erwarten?
Es ist ja nicht nur ein Konzert, wir haben auch interessante Videoinstallationen vorbereitet. Zudem treten wir nicht nur auf der Konzertbühne auf. Überall im Saal der Elbphilharmonie wird etwas geschehen, und es gibt viele Bewegungen und Videos. Auch die Untertitel sind interessant, weil wir dabei mit dem Text gespielt haben und ihn so wie ein Bühnenbild nutzen wollen. Wenn man schon die großartige Möglichkeit hat, Bernsteins »Mass« aufzuführen, dann darf und muss man richtig aus dem Vollen schöpfen.
Wie darf man das verstehen?
Wir haben auch ein ganz besonderes Programmheft vorbereitet, und zwar in Zusammenarbeit mit dem Papeterie-Hersteller Rössler: Es ist pink mit einem Goldkreuz versehen. Der Titel »My Mass«, der im Englischen doppeldeutig ist, weil das homonyme »My Mess« sowohl »mein Durcheinander« als auch »mein Balagan« bedeutet. Es ist völlig unkonventionell, und es wird garantiert nichts drin zu lesen geben, was man auch auf Google finden kann. Zugleich gehen wir damit ein Risiko ein – was man bei einem solchen Werk eines Komponisten wie Bernstein aber auch muss.
Gibt es für die Interessierten, die keine Karten mehr bekommen haben oder nicht in Hamburg sein können, eine andere Möglichkeit, das Konzert zu sehen oder zu hören?
Leider nein, wobei mein »leider« all denen gilt, die gern dabei sein würden und es nicht können. Aber es gilt nicht mir selbst, weil ich persönlich Aufnahmen nicht so zwingend notwendig finde. Tonträger als Archiv oder als Museum der Tradition sind wichtig, und es ist wunderbar, dass man jederzeit eine Brahms-Symphonie hören kann. Ich selbst habe nur wenige Aufnahmen gemacht, und zwar nur, wenn ich wollte, dass diese besondere »Erzählung« einer ganz bestimmten Musik erhalten bleibt, wie bei den Piazzolla/Vivaldi »Acht Jahreszeiten« mit Jacob Reuven. Mir geht es nicht darum, dass die Leute unbedingt »meine Interpretation« eines Musikstücks anhören. Was ich mir als Musiker wünsche, ist, dass die Menschen zu uns ins Theater oder in den Konzertsaal kommen, um dort zwei Stunden ohne Handy bei einer neuen, einmaligen Erfahrung durchzuatmen.
Mit dem Generalmusikdirektor und Chefdirigenten der Hamburger Staatsoper sprach Stephen Tree.