Literatur

Wünsche zum WM-Finale

Jiftachs Mutter bittet mich, zu einem Treffen mit seinen Freunden zu kommen. Er habe meinen Roman Wir haben noch das ganze Leben gern gelesen und ihnen daraus zitiert. Aber was genau … soll ich denn da machen?, frage ich. Ich verlasse mich auf dich, antwortet sie.

Ich bin eine halbe Stunde zu früh da und bleibe im Auto sitzen, schreibe mir Notizen auf einen Zettel. Normalerweise mache ich so etwas nicht, aber Jiftach ist am 7. Oktober im Kampf um Nachal Oz umgekommen. Seine Mutter mag ich sehr, seinen Freunden ist schwer ums Herz, und wenn ich mich vorbereite, erfasse ich vielleicht, was ich ihnen geben kann.

Erst einmal erzähle ich ihnen von meinem eigenen Freundeskreis und sage, dass dieses 2007 erschienene Buch auf einer wahren Situation beruht, als wir vier Kumpels zusammen das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1998 guckten. Als Frankreich Brasilien besiegt hatte, kam einem von uns eine Idee: Jeder sollte einen Zettel nehmen und darauf drei Wünsche vermerken, die er bis zur nächsten Weltmeisterschaft verwirklichen wollte.

Ich frage, ob sie Fragen hätten

Dann frage ich, ob sie Fragen hätten, und einer zieht sein Exemplar hervor, in dem er alle Passagen angestrichen hat, die Jiftach ihnen vorgelesen oder per Whats­App geschickt hatte. Ich bitte ihn, die Stellen vorzulesen. Er trägt ein Zitat nach dem anderen vor, und jedes Mal erinnert sich einer der Freunde an einen gemeinsamen Moment mit Jiftach. Im Wohnzimmer sitzen fünf enge Freunde von ihm, seine Schwester, die beiden Eltern und auch seine ehemalige Freundin. Jeder trägt eine Jiftach-Erinnerung zum lebhaften Gespräch bei, und ich rätsele stumm, ob das meine Aufgabe bei diesem Treffen ist: die Freunde anhand des Buches dazu anzuregen, an Jiftach zu denken, von ihm zu sprechen, ihn aufleben zu lassen.

Sag mal, fragt mich ein anderer, hast du Ratschläge, wie man Freundschaft über Jahre hinweg bewahrt?

Er hat mich einen Vertrag unterschreiben lassen, wie Churchill es im Buch mit Juval gemacht hat, erzählt mir einer seiner Freunde. In dem Vertrag stand: Egal, was passiert, und egal, in welches Mädchen ich mich verliebe, verpflichte ich mich, nach dem Wehrdienst mit ihm nach Südamerika zu reisen. Ich habe mit ihm über einige Kleinigkeiten gestritten, zum Schluss aber unterschrieben, berichtet er, und alle lachen.

Sag mal, fragt mich ein anderer, hast du Ratschläge, wie man Freundschaft über Jahre hinweg bewahrt? Es ist wie in der Partnerschaft, sagt Jiftachs Mutter, man muss etwas dafür tun. Es ist wie in der Partnerschaft, sagt ihr Partner, man muss akzeptieren, dass es Zeiten der Distanz und Zeiten der Nähe gibt.

Und ich denke, ohne es auszusprechen: Jiftachs Tod wird euch fürs ganze Leben zusammenschweißen, ihr werdet immer in Kontakt bleiben wollen, um den Schmerz mit jemandem zu teilen, der ihn mit euch empfindet.

***

Meinen wahren Freunden, denen, die die wahren Zettel bei der Weltmeisterschaft 1998 geschrieben und mir alles beigebracht haben, was ich über Freundschaft weiß, habe ich meinen Roman Wir haben noch das ganze Leben gewidmet, und wunderbarerweise sind sie immer noch Teil meines Lebens. Einer ist reich geworden, einer pleitegegangen, einer geschieden. Alle haben weniger Haare, und die verbliebenen ergrauen.

Die beschriebenen Zettel sind immer noch nicht geöffnet

Bei dem Geschiedenen haben wir die letzte Europaweltmeisterschaft geguckt. Auf dem Tisch stand ein Teller mit Wassermelonenscheiben. Genau wie damals. Die beschriebenen Zettel sind immer noch nicht geöffnet. Jedes Mal, wenn wir sie aufmachen wollen, passiert etwas. 1998 haben wir die Zettel bei dem Freund deponiert, den wir damals alle für am solidesten hielten. Das heißt, er hatte einen Arbeitsplatz. Aber als wir sie während der Weltmeisterschaft von 2002 öffnen wollten, behauptete er, sie verloren zu haben. Das schien uns nicht zu ihm zu passen. Bei einigem Nachhaken erfuhren wir, dass seine Partnerin, die zur Zeit der Beschriftung der Zettel nicht seine Partnerin gewesen war, ihr Veto gegen die Öffnung eingelegt hatte. Bis wir den Grund ihres Widerstands herausfanden, hatten wir eine WM verpasst.

Von der WM 2002 bis zu der von 2006 bemühten wir uns, zwischen den beiden Partnern zu vermitteln. Bei der Weltmeisterschaft 2006 waren sie schon bereit, die Zettel zu öffnen. Aber da stand ein dritter Mann auf und sagte, Moment, ich brauche noch Zeit, um meine Wünsche zu verwirklichen. Wenn alle einverstanden sind, lasst uns die Öffnung der Zettel für weitere vier Jahre aufschieben.

Während der Weltmeisterschaft von 2010 hatten wir wirklich vor, die Zettel aufzumachen. Aber ein Freund war nach Nepal gefahren, um eine Ortsstelle des Verbands Tevel b’Tzedek zu leiten. (Eine Organisation von Israelis, die schwachen Bevölkerungskreisen in aller Welt helfen. Ja, es gibt solche Israelis.) Ein anderer Freund war nach Kathmandu gefahren, um ihn zu treffen, hätte bis zur WM zurück sein sollen, kam aber nicht. Wir entschieden, dass wir in Abwesenheit der beiden die Wunschzettel nicht öffnen konnten, und verschoben es auf 2014.

Einer ist reich geworden, einer pleitegegangen, einer geschieden.

2014 waren alle im Land. Aber da brach ein Krieg in Gaza aus. Operation »Starker Fels«. Einige Freunde wurden zum Reservedienst einberufen. Alarmsirenen heulten während der Spiele. Und beim besten Willen konnte man sich nicht zum Finale treffen.

Ein Zerwürfnis zwischen zwei Freunden über eine unschöne Tat

2018 und 2022 war kein Krieg. Aber es herrschte eine gruppeninterne Fehde. Ein Zerwürfnis zwischen zwei Freunden über eine unschöne Tat, die einer begangen hatte, führte dazu, dass die beiden einander boykottierten und unser Freundeskreis sich nicht mehr traf. Letzten Endes erkrankte der Übeltäter, und der andere saß trotz allem an seinem Bett im Krankenhaus. Der Bann war aufgehoben, das Zerwürfnis beigelegt. Und wir guckten wieder gemeinsam Fußball.

Momentan reden alle mit allen, und wir sind uns einig, Jiftachs Freunde einzuladen, mit uns das Finale von 2026 zu gucken und dann auch die Zettel zu öffnen. 28 Jahre, nachdem wir sie geschrieben haben, werden wir endlich wissen, ob wir uns unsere Wünsche erfüllt haben oder nicht.

Eines ist sicher: Den wichtigsten Wunsch, den wohl keiner auf seinen Zettel geschrieben hat, haben wir erfüllen können: Wir sind Freunde geblieben.

Der Autor ist Schriftsteller und lebt in Israel. Übersetzung des Textes aus dem Hebräischen von Ruth Achlama

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