Der Elefant in diesem Raum ist ein Rhinozeros, und es gibt kein Vorbeikommen. Seine Größe wirkt bedrohlich, aber seine Farbe und Form irgendwie auch unschuldig. Ebenso verwirrend ist der Sound. Gesänge, süß und beunruhigend zugleich: eine an mittelalterliche Choräle erinnernde Vertonung von Goethes gruseligem »Erlkönig«, gepaart mit einer Aufnahme des sefardischen Wiegenliedes »Hitragut«. Aber Ruhe sucht man hier vergebens. Keiner verlässt den Raum ohne emotionale Regung.
Seit Anfang Juli reist der gut neun Meter hohe, sieben Meter breite und 16,5 Meter lange Riese durch Sachsen-Anhalt. Nach Auftritten in Halle, Salzwedel, Dessau und Magdeburg ist die mit Luft gefüllte weiße Polyesterhaut noch bis zum 13. September in Zeitz zu erleben, wo das »Rhino« die Nikolaikirche füllt und Menschen in ihrem Weg aufhält – und hoffentlich auch in ihren Gedanken.
»RHINO on TOUR« heißt die Aktion
»RHINO on TOUR« heißt die Aktion, die ein Gemeinschaftsprojekt des Magdeburger Kunstmuseums und der Kulturstiftung des Bundes ist – und natürlich geht es um die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Deshalb war der Schöpfer des imposanten Werks zu Beginn auch etwas nervös. Man könnte meinen, dass Kinder vielleicht versuchen, das Nashorn zu umarmen, doch Itamar Gov sorgte sich eher darum, dass es jemand aufschlitzen könnte. »Aber zum Glück ist bisher nichts passiert«, sagt der 37-jährige Israeli im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Tatsächlich seien die Reaktionen vor allem positiv, jedenfalls hätten die negativen ihn nicht erreicht.
Das liegt vielleicht auch an ihm. Auf die ewige Frage, wie bedroht sich ein jüdischer Künstler in diesen Zeiten fühlt, antwortet Gov erfrischend unaufgeregt: Er konzentriere sich auf seine Arbeit und hoffe, mit den richtigen Menschen zusammenzuarbeiten. »Bisher funktioniert das.«
Der volle Titel der Installation lautet: »Das Rhinozeros im Raum. Oder: eine Geschichte von Banalität und dem Bösen«. Während die Hommage an Hannah Arendts berühmtes Zitat zum Eichmann-Prozess eindeutiger nicht sein könnte, lässt das Ungetüm paradoxerweise mehr Raum. »Es ist kein politisches Manifest, das man lesen und entweder akzeptieren oder ablehnen muss«, betont Gov. »Es ist sehr assoziativ und schlägt viele verschiedene Richtungen ein.« Aber auch: »Die Idee war, das Rhino so gigantisch zu machen, dass es unmöglich ist zu behaupten, dass es kein Rhinozeros im Raum gebe.« Was wiederum eine Referenz an den »Rhinozeros-Streit« der Philosophen Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein ist.
»Ich wünschte, mehr Menschen wären sich weniger sicher.«
Itamar Gov
»Wir bewegen uns durch den Raum, lauschen der Musik und sind verunsichert«, beschreibt Annegret Laabs, Leiterin des Kunstmuseums Magdeburg und Tour-Initiatorin, ihre Sicht auf das Nashorn. »Da ist etwas, wir können es nicht fassen, aber es ist da. Es ist das Böse«, sagte sie zur Eröffnung. Und wir seien alle nicht ganz frei davon, diesem Bösen hinterherzulaufen oder sogar zum Bösen zu werden. Womit wir bei Eugène Ionescos Nashörnern wären, die Gov zum Titel inspiriert haben, und bei einem Verb, das es so nur im Hebräischen gibt. Das Theaterstück Rhinocéros des Dramatikers des Absurden von 1959 protokolliert, wie sich die Bewohner einer verschlafenen Stadt allmählich in alles niedertrampelnde Nashörner verwandeln, die Zerstörung und Gewalt einfach hinnehmen. Das Stück war eine Allegorie auf den Aufstieg des Totalitarismus vor dem Zweiten Weltkrieg.
In eine gefährliche Richtung bewegen, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein
Der Erfolg von Die Nashörner führte in Israel zu einem Neologismus: »Lehitkarnef«, sich rhinozerosieren, zu einem Nashorn werden, berichtet Gov. In den 70er-Jahren habe der Begriff sich von Ionescos Drama emanzipiert und stehe seitdem generell für Gesellschaften oder Individuen, die sich in eine gefährliche Richtung bewegen, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein. »Ich mag dieses Verb sehr und ging davon aus, dass es auch in anderen Sprachen existiert. Tut es aber nicht«, so der Künstler, der nicht Kunst, sondern Literatur, Geschichte und Filmwissenschaften studiert hat.
Itamar Gov ist in Tel Aviv geboren, die Familie väterlicherseits sind Sabra in sechster Generation. Doch der Spross wollte zurück in die Diaspora. 2010 ging er nach Berlin, bereiste Europa und studierte an verschiedenen Orten. Bald arbeitete er als Kurator für Ausstellungen. Doch andere seien besser darin gewesen, Fragen zu beantworten, sagt Gov. Und Letzteres ist so gar nicht sein Ding. »Mich begeisterte viel mehr die Idee, etwas im Raum zu platzieren, das verschiedene Narrative, verschiedene Assoziationen erlaubt. Dass Ideen nebeneinander existieren können, sich widersprechen, sich ergänzen.« Also wurde er selbst zum Künstler und zu jemandem, der einen Kurator braucht.
Die Inspiration für seine Arbeit erreicht Gov aus verschiedensten Richtungen, sei es Literatur, Film, Fotografie, Geschichte, ein Spaziergang oder eine Unterhaltung. Eines seiner ersten Kunstwerke trägt den schönen Namen »Replika der Original-Madeleine von Marcel Proust«. Unter einem fragilen Glassturz zeigt es den berühmtesten Keks der Literaturgeschichte und öffnet ein Universum an Gedanken über das Thema Erinnerung. »Es war wohl der erste Moment, in dem ich versucht habe, all meine theoretischen Gedanken über Themen wie Kunstfälschungen, die Geschichte der Erinnerung und der Kindheit zu verknüpfen, sodass daraus ein physisches Objekt im Raum werden würde.« Den Keks müsse man übrigens alle zwei Wochen austauschen, so der Künstler.
»Mir gefällt dieser Zustand des leichten Zweifels«
Ein weiterer wichtiger Teil seiner Arbeit sei das Thema des Zweifels: »Man sieht etwas und ist sich anfangs vielleicht nicht ganz sicher, was man davon halten soll oder was genau man da eigentlich vor sich hat. Mir gefällt dieser Zustand des leichten Zweifels – dass man einen Raum mit einer bestimmten Annahme oder einem vermeintlichen Wissen betritt und ihn dann mit der Frage verlässt, ob das, was man dachte, überhaupt stimmt.«
Genau das begeistere ihn am meisten: »Momente, in denen ich – ohne Zwang oder Gewalt – dazu angeregt werde, meine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. Ich wünschte, mehr Menschen wären sich weniger sicher. Das würde zu weitaus weniger Kriegen führen.«
Ein gigantisches Rhinozeros zu umrunden, gibt einem vortrefflich Zeit dazu.
»Das Rhinozeros im Raum. Oder: eine Geschichte von Banalität und dem Bösen« ist noch bis 13. September in der Nikolaikirche in Zeitz zu sehen.