Bomben fallen, Geschosse schlagen ein. Mitten im Kampfeinsatz der israelischen Armee im Libanon stellt sich eine Frau vor das Kanonenrohr eines Panzers: »Das ist verbotene Zone«, schallt es aus dem Lautsprecher. »Ich suche Ido Sahar. Ich bin seine Mutter!« Es sind Szenen wie diese aus dem Film Oxygen von Netalie Braun, die ebenso atemberaubend wie realistisch sind und unter die Haut gehen. Wie auch das Drama von Reading Lolita in Tehran von Eran Riklis aus dem Jahr 2024 nach den Memoiren von Azar Nafisi: junge persische Studentinnen, die sich im Teheran des Jahres 1980 zu einem geheimen Klub der toten Dichter zusammenschließen und mit der englischen Literaturprofessorin Azar Nafisi »verbotene« Bücher von Nabokov, Austen oder Fitzgerald lesen.
Der Film ist zwar nicht neu, aber er passt hervorragend in die Auswahl der fünf Filme und zwei Dokumentationen, die das Seret International Israeli Film Festival in München und Berlin bis zum 9. September zeigt. »Zur Eröffnungsgala haben wir uns aber für ›Bella‹ von Zohar Shachar und Jamal Khalaily entschieden, einer Komödie, die die Beziehungen zwischen Arabern und Israelis auf eine sehr komische Weise darstellt«, sagt Odelia Haroush, Co-Gründerin des Festivals, das einst in London entstand und inzwischen das weltweit größte seiner Art ist.
In Bella geht es um einen verkrachten Musiker, der zusammen mit seinem palästinensischen Kindheitsfreund einer seltenen Taube namens »Bella« in einer wahren Odyssee hinterherjagt, weil er das einzige Erbe seines Vaters in Unkenntnis seines Wertes verschenkt hatte. »Andere Filme zeigen die kulturelle Diversität Israels in einer eher dunklen und traurigen Weise. Meine Favoriten sind ›Oxygen‹ und ›The Sea‹.«
Trotz hochkarätiger Filme bleibt die Situation des Festivals angespannt.
In diesem Film von Shai Carmeli Pollak geht es um einen zwölfjährigen Jungen, Khaled, der im Westjordanland aufwächst und noch nie das Meer gesehen hat. Eines Nachts schleicht er sich über die Grenze und begibt sich auf die Reise – stets in höchster Gefahr und verzweifelt gesucht von seinem Vater, der Job und Freiheit riskiert, um ihn vor den Behörden zu finden. Oxygen wiederum legt den Finger auf einen innerisraelischen Konflikt: »Er zeigt die Realität, in der wir leben: Ab 18 müssen wir zur Armee. Meist sind die jungen Menschen begierig darauf, während sich die Eltern um sie sorgen, so wie diese alleinerziehende Mutter um ihren einzigen Sohn«, sagt Haroush.
Nandauri von Eti Tsicko handelt von einer Rechtsanwältin in Tel Aviv, die auf der Suche nach einem elfjährigen Jungen in einem georgischen Bergdorf mit ihrer eigenen Herkunft konfrontiert wird. Die Dokumentationen UNraveling UNRWA von Duki Dror und ADA: My Mother the Architect von Yael Melamede beschäftigen sich mit jener sehr umstrittenen Hilfsorganisation und Ada Karmi-Melamede, der Architektin des Obersten Gerichts in Jerusalem und anderer wegweisender Gebäude.
Trotz hochkarätiger Filme bleibt die Situation des Festivals angespannt. »In früheren Jahren hatten wir viel lokales wie internationales Publikum«, sagt Haroush. Das beschränke sich nun zumeist auf jüdische und israelische Zuschauer. »Seit dem 7. Oktober kämpfen wir hart und sind traurig, wenn viele Veranstaltungsorte und Partner nicht mit uns zusammenarbeiten wollen. Obwohl wir überhaupt nicht politisch sind. Wir wollen der Welt zeigen, worum es in Israel wirklich geht. Und wir wählen nicht nur Filme aus, die das Beste von Israel zeigen. Ganz und gar nicht. Denn viele dieser Filmemacher stehen den Geschehnissen in Israel sehr kritisch gegenüber«, resümiert Haroush.
Zumindest in München, wo mangels Partner die Veranstaltungen im vergangenen Jahr gestrichen werden mussten, fanden sich wieder Unterstützer. Und für die Zukunft ist die Festivalleiterin optimistisch: »Ich hoffe, dass es nach den Wahlen in Israel besser wird. Dann werden wir die Festivals viel größer gestalten und vielleicht sogar weitere ins Leben rufen. Ich habe gerade eine Anfrage aus Helsinki und eine weitere aus Budapest.«