Frau Margolina, wie sind Sie zum Jazz gekommen?
Ich stamme aus Minsk und wollte ursprünglich eine klassische musikalische Laufbahn einschlagen, doch dann zog ich im Alter von neun Jahren gemeinsam mit meiner Mutter nach Berlin. Später war ich von der hiesigen Jazzszene derart inspiriert, dass ich gar nicht anders konnte, als diese Richtung einzuschlagen. Beim amerikanischen Jazz bin ich dann hängen geblieben. Den habe ich mit der jiddischen Sprache gemischt. Ich habe die Klangfarbe der Sprache mitgenommen, und das deutsche Publikum war so begeistert, dass mich das motiviert hat, dabei zu bleiben.
Ihr neues Album heißt »Song of a Girl« und basiert auf Gedichten der Lyrikerin Anna Margolin (1887–1952). Wer war diese Schriftstellerin, die fast denselben Namen hat wie Sie? Was haben Sie beide gemeinsam?
Rosa Lebensboim, wie sie in Wirklichkeit hieß – Margolin war ihr Pseudonym, unter dem sie im New York der 1920er-Jahre schrieb –, hinterfragte Themen wie Tradition, Geschlecht, Geschichte und Religion. Und sie thematisierte das menschliche Verlangen nach Liebe und Zugehörigkeit. Damit kann sich jeder auch heute noch identifizieren, und das macht ihre Lyrik greifbar und zeitlos.
Wie kam die Lyrik denn generell in ihre Musik?
Um eine fremde Sprache zu verstehen, ist Lyrik ein guter Zugang. Nach der Schule war ich mir nicht sicher, ob ich die Musik zum Beruf machen sollte, deshalb habe ich erst einmal deutsche und russische Literatur studiert. Die Konzeptalben, die ich heute durch eine literarische Annäherungsweise erarbeite, sind also ein natürlicher Prozess für mich. Und Lyrik passt gut zur Musik, weil sie schon für sich klingt.
Sie sind 1983 geboren. Wie offen konnten Sie Ihre jüdische Identität in der Sowjetunion ausleben, und wie stehen Sie heute dazu?
Zur jüdischen Kultur hatten wir selbst zu Sowjetzeiten zu 100 Prozent Bezug, aber das haben wir für uns behalten. Religiös waren wir hingegen nie. Ich komme aus einer Musikerfamilie, wir sind alle klassische Musiker. Meine Mutter ist Pianistin, wie meine Großeltern. Das Judentum war unsere Identität, aber ziemlich privat. Ich bin die Erste, die das Judentum nun in dem aktuellen Album thematisiert
Wo fühlen Sie sich als Jüdin heute zu Hause?
Für mich befindet sich das Judentum eher auf einer kulturellen Ebene, es ist dennoch auch etwas Persönliches. Zu Sowjetzeiten konnten wir kein jüdisches Selbstbewusstsein entwickeln. Mithilfe der Musik kann ich mein Judentum aber mit anderen teilen. Die Musik ist meine Heimat, in ihr fühle ich mich aufgehoben.
Mit der Jazzmusikerin sprach Alicia Rust. Im September tritt Anna Margolina mit ihrem Quartett beim Festival »Shalom Musik Köln« auf.