Medizin

Gemeinsam gegen Krebs

Die Krebsforschung habe in den vergangenen 50 Jahren eine »Revolution« erlebt, sagt der Immunologe Eitan Yefenov. Foto: Getty Images

Mit der deutsch-israelischen Kooperation in der Krebsforschung jährt sich 2026 eine der beständigsten und produktivsten Partnerschaften der internationalen Wissenschaft zum 50. Mal. »Diese binationalen Beziehungen haben Auswirkungen, die weit über die reine Wissenschaft hinausgehen«, sagt der israelische Biochemiker und Nobelpreisträger Aaron Ciechanover, Professor am Technion in Haifa, im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Sie reichen tief in den übergeordneten Zweck der Wissenschaft als internationale Sprache des Friedens hinein, die ein einziges Ziel verfolgt – die Verbesserung des Lebens der Menschen, unabhängig von jeglichen anderen außenpolitischen Erwägungen.«

Ciechanovers gemeinsames Projekt mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum ist ein Beispiel für die Tragweite jener Zusammenarbeit: Gemeinsam erforschten der Israeli und die deutschen Wissenschaftler das »Ubiquitin-System« – einen zellulären Mechanismus, der nicht mehr benötigte oder beschädigte Proteine mit einem »Abbausignal« markiert und so deren gezieltes Recycling ermöglicht. Die Entdeckung dieses Mechanismus wurde 2004 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet und hat das Verständnis zellulärer Prozesse, auch in der Krebsentstehung, grundlegend verändert.

Enges Netzwerk gemeinsamer Projekte

Seit der Unterzeichnung des Abkommens im Jahr 1976 zwischen dem damaligen Bundesministerium für Forschung und Technologie, dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und dem israelischen Ministerium für Wissenschaft und Technologie (MOST) ist ein enges Netzwerk gemeinsamer Projekte entstanden, das von der Grundlagenforschung bis zur klinischen Anwendung reicht.

Jerusalemer Labormäuse sind auch für Heidelberger Forscher relevant.

Für Yehudit Bergman, Professorin an der Medical School der Hebräischen Universität in Jerusalem, ist die Kooperation ein zentraler Motor wissenschaftlicher Innovation: »Seit vielen Jahren ist die deutsch-israelische Zusammenarbeit für den Fortschritt der Krebsforschung unerlässlich.« Ihr Labor arbeitet eng mit der Arbeitsgruppe von Frank Lyko am DKFZ zusammen. Beide Teams forschen im Bereich der Epigenetik und untersuchen, wie Zellen Entscheidungen treffen, insbesondere bei Darmentzündungen und Darmkrebs.

Der Erfolg dieser Zusammenarbeit beruht auf mehreren Faktoren, erklärt Bergman. Ihr Labor arbeitet mit Mäusen für Darmentzündungen und Darmkrebs, während die Heidelberger Gruppe modernste genomweite epigenetische Analysen einbringt. »Diese Kombination ermöglicht es uns, komplexe biologische Fragestellungen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.«

Kooperation in einem größeren Kontext

Auch Eitan Yefenof, Professor am Lautenberg Center of Immunology an der Hebräischen Universität, ordnet die Kooperation in einen größeren Kontext ein. Die Krebsforschung habe in den vergangenen 50 Jahren »eine enorme Revolution erlebt«. Entwicklungen wie die CAR-T-Zelltherapie, eine hochpersonalisierte Immuntherapie gegen bestimmte Blutkrebserkrankungen, hätten für neue Hoffnung gesorgt. Gleichzeitig betont er: »Wir haben erst an der Oberfläche gekratzt.«

Yefenof, der auch Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des DKFZ-MOST-Programms ist, verweist auf zahlreiche Projekte, die rückblickend grundlegende Erkenntnisse ermöglichten – von der Identifizierung zentraler Tumorsuppressoren bis hin zu Arbeiten, die die Grundlage moderner Immuntherapien bildeten. In den vergangenen Jahren habe sich der Schwerpunkt zunehmend in Richtung »translationaler« Forschung verschoben, also der Überführung von Erkenntnissen aus dem Labor in die klinische Anwendung.

Peter Angel, der die Kooperation am DKFZ in Heidelberg seit 2012 als Programmkoordinator betreut, bezeichnet sie als »Vorzeigeprojekt für die internationale Kooperation«. Jährlich stehen rund 1,6 Millionen Euro zur Verfügung, größtenteils finanziert vom DKFZ, während Israel sich mit bis zu zehn Prozent beteiligt.

Politischen Gegenwind gibt es für die Kooperation nicht.

Die Auswahl der Projekte erfolgt in einem mehrstufigen Verfahren: Zuletzt bewarben sich fast 30 deutsch-israelische Teams, aus denen zunächst 14 ausgewählt wurden, detaillierte Anträge einzureichen. Der wissenschaftliche Beirat wählt dann auf der Basis von externen Gutachten daraus sechs Projekte aus.

Die geförderten Forschungsvorhaben sind als Tandems organisiert, bestehend aus jeweils einem deutschen und einem israelischen Forschenden, mit dreijähriger Laufzeit. »Signifikant ist, dass wir vor allem auch junge Gruppen unterstützen wollen, die am Anfang ihrer Karriere stehen«, sagt Angel.

Neben der Forschung spielt der persönliche Austausch eine zentrale Rolle

Neben der Forschung spielt der persönliche Austausch eine zentrale Rolle: Themenspezifische sogenannte Cancer Research Schools für den wissenschaftlichen Nachwuchs werden seit 2008 regelmäßig durchgeführt. Die 11. »Cancer Research School« fand im März 2023 im oberbayrischen Grainau statt.

Ein nächstes Treffen in Israel, das für 2026 geplant war, musste allerdings verschoben werden. Die aktuelle Sicherheitslage in Israel ist auch der Grund dafür, dass es derzeit keine Doktoranden des DKFZ in Israel gibt. Politischer »Gegenwind« für Kooperationsprogramme, wie dies bei einigen anderen Institutionen in Deutschland aufgrund der aktuellen politischen Lage zu beobachten ist, gebe es am DKFZ nicht, betont Peter Angel.

Auch die Jubiläumsfeier für 50 Jahre deutsch-israelische Krebsforschung in Herzliya, für die schon die deutsche Forschungsministerin Dorothee Bär und die israelische Wissenschaftsministerin Gila Gamliel zugesagt hatten, musste auf Ende 2026 verschoben werden – in der Hoffnung, dass die akute Bedrohungslage dann vorüber sein wird.

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