Kulturkolumne

Wenn Israelis anklopfen

Ein alter Buchladen in Haifas Carmel Center Foto: Sophie Albers Ben Chamo

Im geheimnisvollen Bat Galim, der einstigen Gartenstadt auf der Meerseite der Gleise in Haifa, gehe ich jedes Mal, wenn wir auf Familienbesuch sind, an einer verschlossenen Tür vorbei. Sie führt in eine Welt, die es nicht mehr gibt. Einst war sie der Eingang in das winzige Geschäft von David, dem Schuster.

Altmodische Gardinen verhängen heute den Blick nach innen, und über der Tür klemmt noch die seit Jahrzehnten nicht mehr ausgerollte Jalousie über einer nachlässig geweißelten Wand. David ist schon lange in Rente, einen Nachfolger gibt es nicht, die Leute fahren lieber in die Mall, um neue Schuhe zu kaufen, anstatt sie reparieren zu lassen. Auch die Tage seiner Tür sind gezählt. Denn Bat Galim ist mittlerweile Immobilien-Hotspot, wo neue Hochhäuser schon die Washingtonia-Palmen überragen.

Doch neben der Nostalgie gibt es auch aufregend Neues zu berichten. Offenbar wollen mehr und mehr junge Israelis wissen, was hinter diesen alten Türen liegt, denn das alte Schuhgeschäft ist nur eines von vielen im ganzen Land. Und bei manchen steht die Tür noch offen.

»Besucht die alten Leute!«

Das hat die 24-jährige Maayan Oron entdeckt und tritt seitdem ein, unterhält sich mit den meist alten Besitzern und macht Clips daraus, die sie online stellt. Auf ihren Social-Media-Kanälen zeigt sie, wie es in den kleinen Schneidereien, Buch- und Spielzeugläden, Lampen-, Farben-, Elektro- und Taschenshops aussieht, stellt die Menschen vor, die meist ihr Leben dort verbracht haben, und fordert ihre Follower dazu auf, die alten Leute hinter den alten Türen zu besuchen.

Vielleicht stellen die Jungen dann ja fest, dass diese kleinen Geschäfte oftmals günstiger sind als die großen, oder – wie es einer Freundin passiert ist – dass ihre Besitzer noch wissen, wie man Dinge repariert, und häufig sogar noch die nötigen Ersatzteile haben, die es in der Mall nicht mehr gibt.

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In diesem Blick nach innen kann man sich verlieren, denn es hat immer auch etwas Heilendes, sich seiner Wurzeln zu versichern. Ich bin zum ersten Mal froh über den Algorithmus, der mir Maayan Oron anstatt den nächsten antisemitischen Ausfall irgendwo auf der Welt oder Ben-Gvirs nächste Provokation in den Thread gespült hat. Und dann ist da auch noch Avi K. mit seinem beeindruckenden Schnurrbart, der unter dem Namen »Builtage« Videoclips über vergessene urbane Architekturschätze in Israel postet.

Wie ein verlassenes Kino in Beer Sheva, das einst vom Kubismus-Architekten Yaakov Rechter mit einem ganz besonderen Dach ausgestattet wurde, oder die grüne Nachbarschaft »Bet« an der Ibn Gvirol in Tel Aviv am Abend vor dem Abriss, oder die kleinen Stadtviertelmauern in Holon, die zunehmend verschwinden, oder auch die spannende Verbindung zwischen einer kleinen Bauhaus-Villa und dem riesigen Kinokomplex Sharon aus den 50er-Jahren in Netanya.

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Die Türen sind mal groß, mal klein, sie erzählen die Geschichten des Landes, seiner Orte und seiner Menschen abseits vom medialen Geschrei. Menschen, die diese Orte mit aufgebaut haben, so wie der Tischler Chaim aus Haifa, der damals half, mit riesigen Steinbrocken die Strandpromenade neben dem Casino zu errichten. Menschen, die ihre Berufe und Geschäfte vielleicht von ihren Eltern geerbt haben, die damals die ersten Schuster, Schneider, Kioskbesitzer des jüdischen Staates waren. Dicke, feste Fäden im Stoff der israelischen Gesellschaft.

Dass die Jugend diese Werte und Wertschätzung für sich entdeckt, zeugt von einem inneren Reifungsprozess, der einer Demokratie, die historisch gerade dem Teenageralter entwachsen ist, gut zu Gesicht steht. Ist das nicht wunderbar?

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