Debatte

Wie umgehen mit Xavier Naidoo?

Xavier Naidoo im Juli 2019 in Luzern Foto: picture alliance/KEYSTONE

Ein berühmtes Lied von Xavier Naidoo heißt »Wo willst du hin?«. Viele Fans des Soul-Sängers haben diese Frage jüngst sehr entschieden mit dem Wort »Köln« beantwortet - denn dort will der 54-Jährige am Dienstag (16. Dezember) sein Konzert-Comeback nach sechs Jahren Pause geben. Nachdem 15.000 Tickets schnell ausverkauft waren, kündigten die Veranstalter unverzüglich eine Zusatz-Show für den 17. Dezember an. Das Interesse war offenbar groß - ebenso die Frage, wie man dieses Comeback bewerten sollte.

Festhalten lässt sich: Es ist jedenfalls kein Konzert wie jedes andere. Denn Naidoo, um den es still geworden war, gilt als höchst umstritten. Lange Zeit fiel er mit Aussagen auf, die ihm Antisemitismus- und Rassismus-Vorfälle einbrachten. Später ging er darauf zwar auf Abstand - doch nicht alle sind sich einig, dass Naidoos Distanzierungen ausreichen.

Ein Künstler mit umstrittener Vergangenheit

Um die Gemengelage zu verstehen, muss man auf Naidoos Vergangenheit blicken. Der Mannheimer wurde in den späten 90er Jahren bekannt und feierte große Erfolge. Beim Fußball-»Sommermärchen« 2006 lief sein Lied »Dieser Weg« in der Kabine der Nationalmannschaft. Naidoo wurde zu einem der prägenden deutschen Musik- und TV-Stars seiner Zeit.

Mit den Jahren häuften sich aber die Kontroversen. Naidoo trat vor sogenannten Reichsbürgern auf und verbreitete Theorien der QAnon-Verschwörungsideologie, nach der angeblich in satanischen Ritualen Kindern Blut abgezapft werde. Er verbreitete judenfeindliche Sätze und polarisierte mit Aussagen zur Corona-Pandemie. 2020 nahm RTL ihn aus der Jury von »Deutschland sucht den Superstar« (DSDS) - zuvor war ein Video aufgetaucht, in dem zu sehen ist, wie er ein rassistisches Lied singt.

2022 veröffentlichte Naidoo schließlich ein etwa dreiminütiges Video, in dem er erklärte, Fehler gemacht zuhaben. Darin sagte er, dass »Nationalismus, Rassismus, Homophobie und Antisemitismus« nicht mit seinen Werten vereinbar seien - er verurteile sie. Von Verschwörungserzählungen sei er »geblendet« gewesen, habe diese nicht ausreichend hinterfragt und sich »zum Teil instrumentalisieren« lassen. »Ich habe mich Theorien, Sichtweisen und teilweise auch Gruppierungen geöffnet, von denen ich mich ohne Wenn und Aber distanziere und lossage«, erklärte der Sänger.

Veranstalter hält Distanzierung »zweifelsfrei« 

Ob man damit einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit setzen kann, ist genau die Frage, die immer noch viele diskutieren. Kritiker bemängelten, dass das Statement zu unkonkret gewesen sei. Am Landgericht Mannheim sind zudem weiterhin zwei Verfahren wegen Volksverhetzung gegen Naidoo anhängig. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft geht es dabei um Inhalte mit holocaustleugnendem und antisemitischem Charakter, die über einen Telegram-Kanal verbreitet wurden. Ob ein Hauptverfahren eröffnet wird, ist noch offen. Naidoos Anwälte bestreiten die Vorwürfe und beteuern die Unschuld des Musikers.

Der Verein Werteinitiative, der sich nach für jüdische Belange in der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland einsetzt, forderte nach Bekanntwerden der Kölner Konzerte im Sommer deren Absage. »Nach seinen heftigen antisemitischen Ausfällen wäre es notwendig, dass Naidoo seinen vorgeblichen Sinneswandel nicht nur mit leeren Worten und halben Entschuldigungen, sondern mit einem tatsächlich geänderten Verhalten (z.B. Engagement für jüdisches Leben) belegt«, teilt der Vorsitzende Elio Adler auf Anfrage mit. Die Entscheidung, ihn wieder auftreten zu lassen, verharmlose Judenhass.

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Veranstalter Marek Lieberberg sieht das anders. Naidoo habe sich »zweifelsfrei« distanziert, sagt er der dpa. »Sein eindeutiges öffentliches Bekenntnis und die begründete Entschuldigung belegen die Ernsthaftigkeit seiner Selbstkritik«, so Lieberberg. Den Vorwurf, Naidoo habe die Entschuldigung nicht mit Taten untermauert, halte er für »absurd und zynisch«. »Eine Entschuldigung ist eine Entschuldigung – und sie ist beileibe im aktuell aufgeheizten gesellschaftlichen Diskurs leider nicht der Regelfall.«

Naidoo selbst lässt Anfragen höflich absagen - im Fokus stehe für ihn die Vorbereitung auf die Tournee, die ihn nach Köln unter anderem auch nach München, Hamburg, Leipzig, Berlin und Mannheim führen wird, teilt sein Team mit. Ohnehin habe sich Naidoo zu den vergangenen Vorwürfen aber »mehrfach klar und deutlich positioniert«, heißt es weiter.

Zwischen Fanloyalität und Gewissensfrage

Nach Einschätzung von Marcus S. Kleiner, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der SRH University of Applied Sciences in Berlin, war die Rückkehr des Sängers nur eine Frage der Zeit. »Die deutsche Musikindustrie hat nur wenige wirklich große Zugpferde«, sagt er der dpa. Und Naidoo könne große Hallen füllen.

Beim Kauf eines Tickets aber allein mit der guten Musik zu argumentieren, sei aus seiner Sicht allerdings schwierig. »Nach allem, was Naidoo öffentlich vertreten hat, kann man nicht einfach sagen: «Mich interessiert das Politische nicht, ich mag nur die Stimme.» Damit macht man es sich zu einfach«, sagt Kleiner. Naidoos antisemitischen Chiffren seien keine Randnotiz gewesen - man habe sie als Ausdruck einer Haltung interpretieren können. »Wer seine Musik hört oder ein Konzert besucht, sollte sich zumindest fragen, was er damit unterstützt oder normalisiert.«

Dass es dennoch eine große Nachfrage gibt, hält Kleiner gleichwohl für einleuchtend. »Die Loyalität vieler Fans ist so eng mit der eigenen Identität verknüpft, dass problematische Haltungen ausgeblendet werden. Man bleibt dem Künstler treu«, sagt er. »Ähnlich wie man Freundinnen oder Freunden treu bleibt, selbst wenn sie schwierige Wege einschlagen.«

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