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Kulturkolumne

Heißer Streit um kalte Suppe

Foto: Getty Images

Wer hat’s erfunden? Wenn es um Kräuterbonbons geht, erscheint die Antwort einfach (zumindest, wenn man einem älteren TV-Werbespot glaubt) – die Schweizer! Wohltuendes für den Hals ist aber eher eine Sache der kalten Jahreszeit. Im neuerdings geradezu levantinisch anmutenden mitteleuropäischen Sommer lechzt man dagegen rund um die Uhr nach kühlem, leichtem Genuss.

Was gibt es da Besseres als ein erfrischendes kaltes Süppchen! Während die bundesdeutsche Küche mangels eigener Kreationen notgedrungen die andalusische Gazpacho eingebürgert hat, lohnt ein Blick ins (nord-)östliche Europa, wo statt Milch und Honig köstliche kalte Suppen fließen.

Polen, Belarus und die Ukraine, aber auch Lettland und Litauen sowie Teile Russlands sind ein Eldorado für Fans der Rote-Bete-Suppe in ihrer gekühlten Sommervariante.

Polen, Belarus und die Ukraine, aber auch Lettland und Litauen sowie Teile Russlands sind ein Eldorado für Fans der Rote-Bete-Suppe in ihrer gekühlten Sommervariante.

Über politische, militärische und kulturelle Grenzen hinweg können sich die meisten Ost(see)europäer auf diese vergleichsweise einfache und umso beglückendere Suppenkreation einigen. Die völkerverbindende Eintracht hört jedoch spätestens bei ihrem Namen auf: Während man in Belarus von Chaladnik spricht, heißt sie in Lettland Auksta zupa, und in Polen sagt man unterdessen Chłodnik litewski. Alle drei Suppenvokabeln beinhalten das Adjektiv »kalt«, im Polnischen kommt die Charakterisierung als »litauisch« hinzu.

Kein Wunder, denn in Litauen wird Šaltibaršciai, was für »kalter Borschtsch« steht, als nationales »signature dish« verehrt – und füllt nicht nur Speisekarten, sondern auch Souvenirläden in allen erdenklichen Mitbringselvariationen. Und es wird noch unübersichtlicher: In ihrem Buch Russische Küche im Exil bezeichnen die aus der Sowjetunion stammenden US-Autoren Peter Weil und Alexander Genis die kalte Suppe als »jüdisch-belarussischen Swekolnik«.

Perfekt wird die Verwirrung allerdings, sobald man auf einem russischsprachigen Blog zur jüdischen Küche landet, der die kalte Rote-Bete-Suppe und ihre grüne, aus Ampfer zubereitete Variante neben Klassikern wie Gefilte Fisch oder Forschmak als beliebte (ost-)jüdische Gerichte listet.

Welche Blüten die Suppenverwirrung treiben kann, zeigt eine mit Verve geführte Social-Media-Diskussion über den Ursprung des Chłodnik litewski alias Šaltibaršcia.

Welche Blüten die Suppenverwirrung treiben kann, zeigt eine mit Verve geführte Social-Media-Diskussion über den Ursprung des Chłodnik litewski alias Šaltibaršciai, die ein »New York Times«-Artikel vor rund zwei Jahren auslöste. Dass die kalte Rote-Bete-Suppe aus dem einstigen gemeinsamen polnisch-litauischen Staat stammt, in dem auch Juden und Belarussen lebten, vermag nicht alle der auf einfache Antworten getrimmten Disputanten zu besänftigen.

Fast fühlt man sich an die im Nahen Osten mit noch größerer Verve ausgetragenen »Hummus Wars« erinnert, die auf dem alle Jahre wieder vorgebrachten Vorwurf beruhen, Israel habe sich die Küche der levantinischen Völker angeeignet.

Wer hat’s also erfunden? Weder die kalte Rote-Bete-Suppe noch Hummus bieten sich für eine knackige, werbespottaugliche Antwort an. In diesem Sommer sollte es aber Konsens sein, sich endlich der grenzübergreifenden Kalte-Suppen-Kultur (Nord-)Osteuropas zu öffnen! Der allgemeinen Abkühlung willen geben wir sogar der russischen Okroschka eine Chance.

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 29. Oktober bis zum 4. November

 28.10.2026

Nürnberg

Interaktives NS-Dokumentationszentrum öffnet

Nach fünf Monaten Probebetrieb wird das neu gestaltete Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg am kommenden Mittwoch feierlich eröffnet. Im Zentrum des Ausstellungskonzepts stehen Barrierearmut und ein multimediales Angebot

von Julia Riese  28.10.2026

Philologie

Mehr als Dolmetscher

Jüdische Übersetzer haben nicht nur zwischen den Sprachen vermittelt, sondern dabei auch eigene Denkformen geprägt

von Katharina Hillmann  27.10.2026

Bucerius Kunst Forum

Verstreute Meisterwerke

Eine Ausstellung in Hamburg vereint rund 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 jüdischen Sammlungen und erinnert an den Kunstraub der Nationalsozialisten

von Edgar S. Hasse  27.10.2026

Kino

Wiener Blut

Ulrike Ottinger lädt in der Horrorkomödie »Die Blutgräfin« zum morbiden Vampirvergnügen und schwelgt in opulenten Bildern. Isabelle Huppert geht perfekt gestylt auf Beutezug

von Anna Maria Pahlke und Sophie Albers Ben Chamo  27.10.2026

Jerusalem

Cohen interpretiert Cohen

Der israelische Jazz-Musiker Avishai Cohen hat sich für sein neues Album ein Buch des legendären Singer-Songwriters Leonard Cohen vorgenommen

von Imanuel Marcus  27.10.2026

Nachruf

»Star Trek«-Star Walter Koenig ist tot

Seine Rolle als Pavel Chekov hatte eine humoristische Funktion. Der Charakter sollte jüngere Zuschauer ansprechen

 27.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Rote Bänke, erschöpfte Katzen – ein Nachmittag in Amsterdam

von Margalit Edelstein  26.10.2026

Düsseldorf

50 Jahre Kiss in Deutschland: Doro Pesch feiert ihre Helden

Wegen Kiss fing Doro Pesch mit der Musik an. Später wurde der jüdische Bassist, Sänger und Bandleader Gene Simmons ihr Mentor. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen

von Philip Dethlefs  26.10.2026