Retrospektive

Guru der Leinwand

Lebt der überhaupt noch?», fragten nicht wenige, als Alejandro Jodorowskys neuer Film La Dansa de la Realidad vor ein paar Wochen bei den Filmfestspielen von Cannes seine Weltpremiere erlebte. Schließlich hat der Mann seinen letzten Film 1990 gedreht und ist mittlerweile 84 Jahre alt.

Geboren wurde Jodorowsky 1929 in der Hafenstadt Tocopila im Norden von Chile. Seine Eltern, Juden aus der Ukraine, waren während des Ersten Weltkriegs «vor den Kosaken» ans andere Ende der Welt geflohen. «Dass ich Jude bin, habe ich erst mit 13 Jahren erfahren. Denn mein Vater war Atheist, er mochte keine Rabbis. Aber das Gymnasium, in das ich kam, war voller Nazis», sagte Jodorowsky der Jüdischen Allgemeinen. «Das Chile der 40er-Jahre war gespalten, die eine Hälfte hielt im Weltkrieg zu Hitler, die andere zu den Alliierten – als ob es sich um Fußballteams handelte.»

In La Dansa de la Realidad erzählt Jodorowsky, der außer der chilenischen auch die mexikanische, spanische und französische Staatsbürgerschaft besitzt und hauptsächlich in Paris lebt, die Geschichte seiner Jugend und seiner Eltern: ein verträumtes, fantasievolles Werk, und wie immer bei diesem Regisseur zugleich expressiv naturalistisch und hochsymbolisch, bevölkert von Zwergen, Krüppeln, Tieren und Fabelwesen.

surrealistisch Zwischen 1968 und 1973 war Jodorowsky der Regisseur der Stunde: Drei Filme – Fando y Lis, El Topo und Monta Sacra – verbanden Esoterik und linke Politik, Psychoanalyse und Surrealismus zu Kinotrips, die den Zuschauer bis heute ebenso fesseln wie bedröhnen. Alejandro Jodorowsky war der Carlos Castaneda des Kinos.

Nach 23 Jahren steht er jetzt wieder im Rampenlicht: Eine Retrospektive beim Filmfest München zeigt ab kommendem Wochenende eine Woche lang Jodorowskys komplettes Werk und eine Dokumentation über diesen einmaligen Künstler. Jodorowsky wird selbst in München sein und das Publikum in seinen Filmen begleiten.

Zu sehen sein werden Arbeiten, die Kinogeschichte geschrieben haben. Angefangen hat Jodorowsky mit dem von Jean Cocteau bewunderten Kurzfilm Les tetes interverties («Die vertauschten Köpfe») von 1957 nach Thomas Mann, einer noch vergleichsweise konventionellen Literaturverfilmung. Elf Jahre später sorgte die Fernando-Arrabal-Verfilmung Fando y Lis 1968 bei der Premiere in Acapulco für eine Saalschlacht und ein behördliches Verbot des Films.

Vor allem Jodorowskys zweites Werk El Topo begründete 1970 den Kultstatus des Regisseurs: Der mystisch-surreale, in Mexiko angesiedelte Spaghetti-Western erzählt von einem einsamen «Gunman», der sich durch märchenhafte Begegnungen mit Frauen, Kindern und einem Zwerg zum Guru wandelt.

Der Film brachte Jodorowsky nicht allein die Bewunderung von David Lynch, Bob Dylan und John Lennon ein, sondern auch das Geld für seinen dritten Spielfilm: Monta Sacra wurde 1973 vor allem vom Beatles-Manager Alan Klein finanziert. Jodorowsky malt hier ein mythisches Tableau, dessen Hauptfigur neben antiken Göttern wie Jupiter und Pluto der «Narr» des Tarot-Kartenspiels ist und das Motive der Kabbala, alchemistischer Lehren und des Esoterik-Gurus George Gurdjieff (1865–1949) verknüpfte.

«Dune» In den folgenden Jahren versuchte Jodorowsky dann vergeblich, Frank Herberts Fantasy-Bestseller Dune zu verfilmen. Was für ein Film das geworden wäre, kann man sich vorstellen, wenn man weiß, dass Orson Welles, Mick Jagger und Salvador Dalí als Darsteller verpflichtet waren und Pink Floyd bereits einen Soundtrack komponiert hatte. Jodorowsky wollte nichts Geringeres, als mit seiner Adaption das Kino für immer verändern. Doch der Film wurde nie fertiggestellt; das gelang erst David Lynch 1984. Der kroatisch-amerikanische Regisseur Frank Pavich hat mit Jodorowsky’s Dune dieses unvollendete Filmprojekt dokumentiert und versucht, dessen fantastische Welt zu rekonstruieren.

Nach dem Scheitern dieses «größten Films, der nie gedreht wurde» drehte Jodorowsky 1980 noch den Kinderfilm Tusk, bevor er sich dann vom Kino komplett verabschiedete und stattdessen eine erfolgreiche Karriere als Autor von Comics begann: Allein sechs Bände umfasst der Welterfolg L’Incal, den Jodorowsky mit dem Zeichner Moebius veröffentlichte. Nicht weniger als unglaubliche 87 weitere Comicbände hat er seit 1980 geschrieben, daneben Romane verfasst und elf Opern inszeniert.

familienparabel «Natürlich wollte ich aber immer wieder Filme machen», sagt Jodorowsky. Mit La Dansa de la Realidad, der in München seine Deutschland-Premiere haben wird, schließt sich nun der Kreis. Im Zentrum dieses autobiografischen Films steht die Geschichte von Jodorowskys Vater. Der war Kommunist stalinistischer Couleur und extrem autoritär. Der Sohn wurde vor allem mit Verboten erzogen.

Doch dieser repressive Vater war auch der einzige Mensch in der Stadt, der den bettelarmen Minenarbeitern, die von den Bergen heruntergekommen waren, weil sie hungerten, Wasser brachte – eine Episode, aus der Jodorowsky, der im Gespräch betont, dass das Allermeiste in seinem Film sich tatsächlich so zugetragen hat, eine universale Parabel macht: Jaime bringt das Wasser mit seinem Eselskarren, worauf die Beschenkten auch noch gleich die Tiere töten und schlachten. «Wie soll ich morgen Wasser bringen?», fragt der Vater und bekommt zur Antwort: «Morgen ist egal. Wir haben heute Hunger.»

«Mein Vater wollte Chilene sein», erinnert sich der Regisseur. Aber unter dem kryptofaschistischen Regime von Ibanez del Campo – den «Pinochet der 30er» nennt ihn Jodorowsky – entdeckte er gezwungenermaßen sein jüdisches Erbe wieder. Der Sohn orientierte sich in eine andere Richtung: «Ich bin antireligiös und mystisch im zugleich, und das zeige ich in meinen Filmen», fasst Jodorowsky seine Lebensphilosophie zusammen: «Für mich ist es evident, dass es ein universales Bewusstsein gibt, eine mächtige Energie im Universum.» Er beschwört den «Vitalismus des Kinos», spricht über Bergson und Spinoza.

Mit La Dansa de la Realidad ist Alejandro Jodorowsky im Alter ein sehr emotionaler Film voller Liebe und voll ungemein einprägsamer Bilder gelungen, eine Summe seines Werks. Zum Abschluss dieser chaplinesken Fabel über Wurzellosigkeit und das verlorene Paradies der Kindheit sieht man weit offene Türen. Und während das Bild sich in Weiß verwandelt, sagt eine Stimme: «Der Wind, nicht mehr als der Wind.»

31. Internationales Filmfest München, 28. Juni bis 6. Juli
www.filmfest-muenchen.de

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