Kommerz

Geld oder Schokolade?

Eine Dose koschere Scholokadenmünzen (350 Gramm) kostet 18,50 Euro. Foto: Chris Hartung

Silberne Münzen mit einem Leuchter und hebräischer Inschrift auf der Verpackung: Im Schein der Chanukkakerzen könnte man sentimentalerweise meinen, das an den Feiertagen beliebte Schokoladengeld knüpfe direkt an die Tradition der glorreichen Makkabäer an, die das Licht im neu eingeweihten Jerusalemer Tempel (im 2. Jahrhundert v.d.Z.) mit Öl wundersamer Weise acht Tage lang brennen ließen.

Andere fühlen sich vielleicht an das Herrschergeschlecht der Hasmonäer erinnert (die Nachfolger der Makkabäer), das mit der antiken jüdischen Münzprägung begonnen hatte. Erst 2022 fanden israelische Archäologen in der Judäischen Wüste nahe des Toten Meeres ein Höhlenversteck mit 2200 Jahre alten Münzen aus der Zeit des Makkabäer-Aufstands.

Oder stehen die in Alufolie verpackten Schokomünzen in der Tradition des Chanukkagelts, das an Jeschiwa-Studenten ausgezahlt wurde, um sie zu unterstützen? Das Wort »Gelt« hat seinen Ursprung im Jiddischen. Im 17. Jahrhundert sollen polnische Juden ihren Kindern Geld mit in die Schule gegeben haben, um es an den Lehrer weiterzureichen. Im Laufe der Jahrhunderte gab man Chanukkagelt, um es ärmeren Menschen zu spenden oder es für wohltätige Zwecke einzusetzen.

Koscher-parve-mehadrin und gutes Merchandising

Doch einiges spricht dafür, dass es sich bei dem Schokoladengeld, das zu stolzen Preisen (18,50 Euro für eine Plastikdose mit 350 Gramm Schokolade »made in Holland for Paszesz Candy, Brooklyn, NY, USA«) über den Ladentisch geht, schlicht um gutes Merchandising handelt. Die hebräische Inschrift lautet »koscher-parve-mehadrin«, was den Absatz auch bei streng observanten Juden garantiert. Wann genau die Mode aufkam, koschere Schokomünzen zu Chanukka zu produzieren, ist nicht überliefert – vermutlich aber in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts in den USA.

»Die extreme Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes in den Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert hat großen Druck auf amerikanisch-jüdische Familien ausgeübt, die um die gleiche Zeit das traditionell eher bescheidene Chanukkafest feiern. Infolgedessen verwandelte sich auch Chanukka nach und nach in einen Anlass zum Schenken und Beschenktwerden«, schreibt Michal S. Friedlander, Kuratorin für Judaica und Angewandte Kunst des Jüdischen Museums Berlin (JMB), in dem Buch Weihnukka – Geschichten von Weihnachten und Chanukka.

»Geschenke gehörten ursprünglich mehr zu Purim als zu Chanukka.«

Michal S. Friedlander

Es ist der Begleitband zu der »Weihnukka«-Ausstellung des Museums, die vor 20 Jahren die Gemüter erhitzte. Wer darin blättert, findet Erhellendes über die Erfindung historisch konnotierter Süßigkeiten im 20. Jahrhundert: »Bereits in den 50er- und 60er-Jahren konnte man Bartons’ Juda Makkabi-Schokoladesoldaten kaufen, die jedoch inzwischen von ›makkabäischen‹ Lutschern verdrängt wurden.«

Religiös gesehen sei Chanukka »ein kleines Fest, doch durch Kommerzialisierung und kulturelle Aufwertung ist es heute sehr präsent«, sagt die Kuratorin im Gespräch mit der »Jüdischen Allgemeinen«. Dazu tragen auch die Chanukka-Geschenke bei, die jüdische Kinder heute selbstverständlich von ihren Eltern zu den Feiertagen erwarten (manche sogar an jedem einzelnen Chanukka-Abend), obwohl dies in der jüdischen Tradition so nicht verankert ist: »Die Idee der Geschenke gehörte ursprünglich mehr zu Purim als zu Chanukka«, so Friedlander.

Das Dreidelspiel wurde jahrhundertelang von verschiedenen Völkern gespielt

Auch das Kreiselspiel, bei dem die Schokomünzen zum Einsatz kommen, scheint keine urjüdische Erfindung zu sein. »Das Dreidelspiel hatte ursprünglich überhaupt nichts mit Chanukka zu tun; es wurde jahrhundertelang von verschiedenen Völkern in verschiedenen Sprachen gespielt«, so der amerikanische konservative (Masorti-)Rabbiner David Golinkin im Weihnukka-Begleitband des JMB.

Also alles kulturelle Aneignung – und das ausgerechnet zu Chanukka, das heute als Fest der jüdischen Identität gilt? Immerhin kann so dem potenziellen Vorwurf von Antisemiten begegnet werden, bei dem beliebten jüdischen Fest drehe sich alles nur ums Geld.

Denn in Wirklichkeit steckt vielleicht jemand ganz anderes dahinter: »Der Brauch, Schokomünzen am Nikolaustag zu verschenken, geht auf die Legende des heiligen Nikolaus zurück. Dieser half einer armen Familie, indem er heimlich Goldstücke durchs Fenster warf. Die Münzen aus Schokolade symbolisieren seither Großzügigkeit und die Freude am Teilen. Ein kleiner süßer Gruß, der an den Geist der Nächstenliebe erinnert«, heißt es in einem Instagram-Post der »Staatlichen Münzen Baden-Württemberg«, des größten Münzprägebetriebs in Deutschland.

Allerdings wirkte Nikolaus von Myra erst im vierten Jahrhundert n.d.Z., also mehr als 500 Jahre nach den Makkabäern. Wer hat also das Chanukkagelt erfunden – waren es am Ende doch die Juden? Und ist das überhaupt wichtig? Michal S. Friedlander merkt an: »Es gibt viele gemischte Familien, die Chanukka oder Weihnachten feiern – oder beides.« Also genügend Anlässe in den kommenden Tagen, mit Schokoladenmünzen um sich zu werfen, wenn man sie denn mag. Chanukka Sameach und frohe Feiertage!

Hintergrund

Claudia Roth und der »unfassbare Druck vom Zentralrat«

Die Ex-Kulturstaatsministerin bezeichnet es als »totalen Fehler«, auf der Berlinale Regisseure wegen ihrer israelfeindlichen Aussagen kritisiert zu haben und sucht dafür die Schuld beim Zentralrat der Juden

von Michael Thaidigsmann  05.11.2026

Interview

»Ich bin von Natur aus kein glücklicher Mensch«

Die Schriftstellerin Nele Pollatschek verrät im Gespräch zu ihrem neuen Buch, wie sie gelernt hat, das Leben bewusster und positiver wahrzunehmen – ohne die Augen vor dem Leid der Welt zu verschließen

von Katrin Richer  05.11.2026

Kulturkolumnne

Bis 120 oder Wie wir doch noch zu Muskeljuden werden

In der heutigen Zeit ziehen körperliche Optimierungstrends nicht spurlos an uns vorbei. Sollen wir uns davon beherrschen lassen?

von Laura Cazés  05.11.2026

Kino

Im Angesicht der Schmerzen, der Angst und Scham

»Block 10« beleuchtet die medizinischen Experimente an Frauen in Auschwitz – und versteht sich auch als eine Antwort auf die Gegenwart

von Chris Schinke  05.11.2026

London

Banal, schlicht und ironisch

Julia Pascals Theaterstück »The Banality of Evil: Hannah Arendt, France, 1940« erzählt von Hannah Arendt, Charlotte Salomon und Eva Daube als deutsche Jüdinnen in Frankreich und ihrem Leben zwischen zwischen Exil, Gefangenschaft und Überlebenskampf

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  05.11.2026

Geburtstag

Wider die Gedankenlosigkeit: Wolf Biermann wird 90

Als junger Mensch war für ihn die DDR das bessere Deutschland. Doch bald wurde Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann ihr schärfster Kritiker. Auch nach der Ausbürgerung blieb er ein wacher und kritischer Geist. Am 15. November wird er 90

von Thomas Bickelhaupt  05.11.2026

Meister der Melancholie

Leonard Cohen: »Jikan der Stille« lebte seine Religion - und auch eine andere

Seine Lieder sind geheimnisvoll, oft düster - und doch von beklemmender Schönheit. Leonard Cohen war nie zu greifen, mit niemandem zu vergleichen. Vor zehn Jahren ist er gestorben

von Alexander Brüggemann  05.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über den legendären Sänger

von Jan Lehr  05.11.2026

Sehen!

»Doitscha – Alles geht vorüber«

Die Tragikomödie »Doitscha – Alles geht vorüber« in der ARD beruht auf einem Buch von Adriana Altaras

von Pascal Beck  04.11.2026